Leitung

Die Kunst des Leitens V: Entscheidungen treffen

Nie war es für Leiter so schwierig, Entscheidungen zu treffen, wie das heute der Fall ist. Zumindest ist das mein Eindruck, wenn ich mit anderen Leitern zusammen bin. Aber woher kommt das?

Multioptionalität als Entscheidungskiller

Ich glaube, mit ausschlaggebend ist die viel gepriesene Multi-Optionalität unserer Gesellschaft. Wir können heute mehr denn je uns unter unzähligen Optionen die jeweils für uns passendste aussuchen.

Durch das Online-Shoppen stehen uns nicht mehr nur zehn sondern unzählige Paar Schuhe zur Auswahl bereit.

Der nächste Urlaub muss nicht mehr im Reisebüro getätigt werden sondern kann über eine der vielen Urlaubsplattformen im Internet gebucht werden.

Informationen sind in Sekundenschnelle via Mail, Whatsapp und Skype rund um den Globus gejagt.

Natürlich hat das Einfluss auf das Verhalten gegenüber einer Leitung. Wenn mir im Alltag vieles annähernd grenzenlos möglich ist – wieso soll dann die Leitung einer Gemeinde mir nicht das, was mir am ehesten passt, möglich machen?

Und das wiederum bringt Leiter und Leitungsgremien in Entscheidungsschwierigkeiten, weil sie sich immer mehr Erwartungen und Anforderungen ausgesetzt sieht, die sich teilweise sogar widersprechen können. Und bekanntlich kann man es nicht allen recht machen – also wird die ein oder andere Entscheidung auch mal ausgesessen. Denn: Bevor man etwas falsch entscheidet, entscheidet man lieber nichts, wodurch man sich aber unwissentlich definitiv für die schlechteste aller Lösungen entschieden hat.

Natürlich ist es auch Typsache – keine Frage. Der eine ist nun mal entscheidungsfreudiger als der andere und manch einem fallen Entscheidungen leichter als anderen.

Auch tun sich manche Gremien leichter mit Entscheidungen als andere Gremien – einfach weil sie es gewohnt sind und sie es selbst in ihrer eigenen Verantwortung sehen, Entscheidungen zu treffen.

Luthers Ratschlag

Was also soll da helfen? Für mich ist es ein uralter Ratschlag, den Martin Luther seinem Freund Philip Melanchthon 1520 in einem Brief schrieb und den mein Vater mir auf meinen Weg mitgegeben hat, als es schon früh darum ging, Entscheidungen zu treffen:

Pecca fortiter, sed fortius fide.

Sündige tapfer, aber glaube noch tapferer.

Natürlich hat Luther einen anderen Sündenbegriff als der, den wir heutzutage oft haben und der “Sünde” schnell als etwas “moralisch Verwerfliches” darstellt.

Was Luther – meines Erachtens – hier meint, ist nicht, sich bewusst gegen Gott zu stellen. Sondern vielmehr an dem Punkt, an dem alle Argumente gehört, alles “Für und Wider” abgewogen und alle worst case-Szenarien durchgespielt sind, eine Entscheidung zu treffen – aber noch entscheidender zu glauben, dass Gott sich mit auf den Weg macht, diese Entscheidung durchzufragen oder auch Türen zu schließen, wenn es doch die falsche Entscheidung war.

Ich glaube, das Grundübel ist, zu meinen, dass gerade bei Entscheidungen im kirchlichen Raum irgendwann ein Zettel vom Himmel kommt, auf dem die richtige Entscheidung steht. Klar. Belächelt irgendwie jeder – aber doch handeln ganz viele danach und wollen am liebsten erst dann eine Entscheidung treffen, wenn sie diese 100%ige Sicherheit haben – nur wäre es dann keine Entscheidung mehr, sondern lediglich das Normalste und Sinnvollste, das man tun kann.

Nun kommt der Zettel aber nicht vom Himmel – also müssen wir mutig sein. Entscheidungen treffen.

Tapfer. Kühn. Mutig. “Pecca!” ruft uns Luther zu.

Und da passt es doch, wie das Zitat Luthers weitergeht:

…sed fortius fide et gaude in Christo, qui victor est peccati, mortis et mundi!

„…aber glaube noch stärker und freue dich in Christus, welcher der Sieger ist über die Sünde, den Tod und die Welt!“

So können Entscheidungen gefällt werden – nicht rücksichtslos, nicht ohne Vorbereitung, nicht ohne Einbeziehen – so gut es geht – allen Für und Widers. Aber mit der gewissen Ruhe und dem inneren Frieden, dass die Entscheidungen nicht alleine getragen werden, sondern dass Jesus sie mit trägt, mit geht und mit verändert, wenn eine Nachjustierung von Nöten ist.

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