Mich beschäftigt eine Entwicklung sehr, die ich in den letzten Jahren wahrnehme. Und zwar habe ich den Eindruck, dass sich in der christlichen und kirchlichen Landschaft der Blickwinkel ein wenig verschoben hat. Es gibt eine große Diesseits-Fixierung bei immer mehr schwindender Ewigkeits-Perspektive.

Und dies wirkt sich natürlich und unweigerlich auch darauf aus, wie wir Gemeinde gestalten.

Ewigkeit – nein danke!

Das klingt hart, aber manchmal habe ich den Eindruck, dass Christen genau so argumentieren: “Nein, ich möchte nicht auf die Ewigkeit warten. Ich möchte hier im Diesseits etwas tun: Spielplätze anstreichen, Müll einsammeln oder Mittagessen anbieten. Dadurch werden Menschen schon zu Gott finden und dadurch komme ich meinem christlichen Glauben am meisten nach.”

Wirklich?

Nichts gegen Mittagessen, Müllvermeidung und Spielplatzverschönerung. Im Gegenteil. Das sollte nur der Anfang sein. Aber wir sollten auch Dinge benennen, wie sie sind und nicht einen frommen Mantel drüber schmeißen. Für mich ist das alles “Nächstenliebe in Aktion” – die kann christlich motiviert sein, muss sie aber nicht. Aber eines ist sicher: Wir brauchen sie! Mehr denn je und ich möchte solche Aktionen überhaupt nicht in Abrede stellen. Ich wünschte mir sogar, in meiner Gemeinde würde es mehr davon geben!

Ich glaube aber nicht – und da habe ich ganz große und unbeantwortete Anfragen an eine missionale Theologie, so sehr ich sie schätze – dass dadurch Menschen in Scharen sich bekehren. Ja, die Gottesdienste an anderen Orten werden registriert, die Gesellschaft etwas sozialer und es ist ok, über Gott zu sprechen. Keine Frage.

Aber ist das alles? Ist es das, wofür Kirche hier auf der Erde ist?

Natürlich können und sollen wir als Kirche dafür sorgen, dass diese Welt besser wird – letzten Endes ist das aber nichts anderes, als politische Ungerechtigkeit auszugleichen, denn wir wissen: Güter, Ressourcen und Finanzen gibt es auf der Welt für alle genug – sie sind nur nicht fair verteilt.

Insofern hat Kirche unbedingt und immer einen politischen und prophetischen Auftrag, den sie bitte auch ernst nehmen soll – auch wenn sich ihr Wirken darin nicht erschöpft.

Ewigkeit – ja bitte!

Und deswegen glaube ich, dass wir eine Ewigkeits-Orientierung benötigen. Aber bitte, bitte, bitte nicht als Vertröstung nach dem Motto. “Oh ja, hier auf der Erde ist alles so schlimm, aber das Beste kommt ja noch, wenn wir in der Ewigkeit vor dem Thron Gottes singen und tanzen.” (By the way: Ich kann nicht tanzen und mag es auch nicht! Und jetzt?)

Ich glaube aber, dass wir eine eschatologische Qualitätssicherung benötigen, die auch mal den Finger in die Wunde legen darf und uns kritisch hinterfragt:

“Warum tust du, was du tust?”

“Hat das, was du tust, einen Ewigkeitswert oder ist es auf das Diesseits begrenzt?”

“Was würdest du denn tun und lassen, wenn Jesus morgen wiederkommt?”

“Hilft das, was du tust, anderen Menschen, dass sie die Ewigkeit mit und nicht ohne Gott verbringen?”

Alte Glaubensväter haben immer wieder gesagt: “Das Schönste kommt noch.” Und da ist doch auch was dran. Auch der Apostel Paulus betont in seinen Briefen im Neuen Testament immer wieder, dass etwas noch viel Größeres, viel Schöneres, viel Umwerfenderes und schlichtweg etwas Noch-nie-Dagewesenes auf uns wartet.

Und schaue ich in die Offenbarung, das Buch der Bibel, das über “die letzten Dinge” schreibt, dann lese ich dort etwas ganz Wunderbares:

Dann sah ich einen neuen Himmel und eine neue Erde. Denn der vorige Himmel und die vorige Erde waren vergangen, und auch das Meer war nicht mehr da. Ich sah, wie die Stadt Gottes, das neue Jerusalem, von Gott aus dem Himmel herabkam: festlich geschmückt wie eine Braut an ihrem Hochzeitstag. Eine gewaltige Stimme hörte ich vom Thron her rufen: “Hier wird Gott mitten unter den Menschen sein! Er wird bei ihnen wohnen, und sie werden sein Volk sein. Ja, von nun an wird Gott selbst in ihrer Mitte leben. Er wird alle ihre Tränen trocknen, und der Tod wird keine Macht mehr haben. Leid, Klage und Schmerzen wird es nie wieder geben; denn was einmal war, ist für immer vorbei.” Der auf dem Thron saß, sagte: “Sieh, ich schaffe alles neu!” (Offenbarung 21, 1-5a)

Als Christen wissen wir: Das Leben hier ist nicht alles. Es kommt noch etwas, das unseren Verstand bei weitem übersteigt und das wir nicht fassen können, das aber eine Faszination auf unser Leben und unseren Glauben auswirkt, dass es zum Fokus, zum Ziel wird.

Nicht, dass das eine das andere ersetzt. Weder benötigen wir als Kirche Diesseitsflüchtlinge noch Jenseitsfetischisten.

Ewigkeit – schon jetzt!

Wir benötigen aber immer wieder das, was in der Theologie über das Johannesevangelium als “präsentische Eschatologie” gesagt wird, also: Die geglaubte Zukunft, die schon jetzt erfahrbar wird.

Jesus als der Wiederhersteller, der jetzt schon Beziehungen wiederherstellt.

Jesus als der kommende Richter, der uns jetzt schon die Augen öffnet.

Jesus als der kommende König, der jetzt schon zu unserm Wohl regieren will.

Jesus als der kommende Retter, der jetzt schon Menschen vor dem ewigen Verlorensein rettet.

Und dann ist das “Wie” und das “Was” zweitrangig. Ja, dann mag es sein, dass ich Spielplätze streiche und ein Mittagessen anbiete für die, die sich keines leisten können. Und dann mag es genau so richtig sein, durch Zuspitzung der Predigt Menschen aufzufordern, ihr Leben zu überdenken.

Für mich herausfordernd ist es, den je anderen “Stil”, Gemeinde zu leben, mit der Ewigkeit umzugehen, sich des Diesseits anzunehmen, nicht zu verurteilen, sondern darin auch Aspekte zu sehen, die mir mit Sicherheit fehlen und dazu führen, dass ich die Menschen noch mehr liebe. Denn davon sollten wir – welchen Stil wir auch immer pflegen – angespornt sein.

So oder so – das “Wie” und das “Was” ist nicht entscheidend, solange Menschen dadurch diesem Jesus näherkommen – hier und in der Ewigkeit.

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