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Entertainment und Heiligkeit

Für mich sind das die wesentlichen Bestandteile eines guten Gottesdienstes. Und gleichzeitig sind es vielleicht auch die Dinge, die in unseren Gottesdiensten landauf landab viel zu oft fehlen.

Ich weiß, dass man das pastoraltheologisch nun angreifen kann, vor allem wenn man gängige Bilder von Entertainment und Heiligkeit im Kopf hat. Aber dennoch:

Gottesdienst ist immer eine Mischung aus Entertainment und Heiligkeit. Kein Mensch will sich im Gottesdienst bewusst langweilen oder nur Alltägliches erleben.

Ich kenne wirklich keinen Menschen, der von sich sagt: “Ich gehe jetzt in den Gottesdienst und freue mich schon so richtig darauf, mich zu langweilen.” Leider kenne ich aber Menschen, die nach einem Gottesdienstbesuch genau das konstatieren müssen.

Genauso wenig möchte ein Mensch der heutigen Zeit einen Gottesdienst feiern und erleben, in dem ihm nur rein Alltägliches begegnet – das findet er nämlich an vielen anderen Stellen seines Lebens – im Alltag – auch und dazu bedarf es keines Gottesdienstes.

Zwei Gefahren

Legt man diese beiden Begriffe einem Gottesdienst zugrunde, bestehen sowohl im Blick auf Entertainment als auch im Blick auf Heiligkeit zwei große Gefahren, denen man ganz leicht erliegen kann.

Die Gefahr im Blick auf das Entertainment liegt darin, dass Gottesdienst zu einer reinen Show und einer billigen Unterhaltung wird. Es wird auf Effekte und das “Drumherum” mehr Wert gelegt als auf den Inhalt. “Hauptsache die Show stimmt!” Vielen freien Gemeinden und vor allem vielen Gemeinden, die in den letzten Jahren einen großen Zulauf haben, wird dies immer wieder unterstellt. Es mag an manchen Stellen gerechtfertigt sein – keine Frage. Aber nicht immer – und schon gar nicht pauschal.

Kleines Beispiel: Durch diverse Workshops, Training Days und Networkdays habe ich in den letzten Wochen und Monaten Einblick bekommen, wie das “ICF” (www.icf.church) seine Gottesdienste konzipiert. Man muss nur mal diese Gemeinde googeln und findet sofort einschlägige Pauschalverurteilungen, denen ich überhaupt nicht zustimmen kann. Hier wird sehr viel Wert auf das “Entertainment” gelegt – aber eben gerade nicht als Selbstzweck, sondern als Mittel dafür, dass der Inhalt bestmöglich transportiert werden kann. Ich bin unglaublich dankbar, von dieser Kirche so viel lernen zu können!

Die Gefahr im Blick auf die Heiligkeit besteht darin, die Gottesdienste so alltagsfremd zu gestalten, dass es für “das Heilige” keinen Anknüpfungspunkt mehr im persönlichen Leben und existentiellen Erleben des Gottesdienstes gibt. Bestes Beispiel hierfür sind Gottesdienste, die einem starren Ablauf (Liturgie) folgen, dessen Plausibilität sich nicht jedem Menschen der Postmoderne erschließt. Wohlgemerkt: Das ist keine Pauschalabrechnung mit liturgischen Gottesdiensten. Dort, wo der Gottesdienstbesucher sich bewusst ist, wozu die einzelnen liturgischen Elemente dienen, hat es seine Berechtigung, solange “das Heilige” dadurch eine Konnektivität zum alltäglichen Leben herstellt.

Reale Alternative

Mit diesen Gedanken fühle ich mich ein wenig zurück versetzt in meine Zeit des Studiums und vor allem des Vikariats, als ich mich mit der Konzeption des Gottesdienstes beschäftigte und dabei unter anderem auch Ausführungen des Theologieprofessors Manfred Josuttis las. Er drückt es anders aus und meint sicherlich auch ein wenig anderes, aber dennoch finde ich folgende Aussage von ihm in diesem Zusammenhang bedenkenswert:

“Pfarrer und Pfarrerinnen führen in die Zone des Heiligen, die immer verborgen war, die in der modernen Gesellschaft verboten ist, weil diese Macht die einzig reale Alternative gegenüber den destruktiven Tendenzen des Mammonismus darstellt.” (Manfred Josuttis, Die Einführung in das Leben. Pastoraltheologie zwischen Phänomenologie und Spiritualität, Gütersloh 1996, S.20)

Josuttis konstruiert dabei den Begriff des “Mystagogen” für den Pfarrer/die Pfarrerin, der in meinen Augen überhöht ist, aber dennoch nicht ganz unberechtigt ist, da den Akteuren im Gottesdienst eine Rolle zukommt, die besonders ist. Sie sorgen nämlich für Entertainment und Heiligkeit.

Gottesdienste zu kreieren und zu konzipieren ist eine meiner großen Leidenschaften meines Berufes. Ich liebe es, mir über Gottesdienste und Predigtreihen Gedanken zu machen, sie zu inszenieren und zu arrangieren, dass Entertainment und Heiligkeit möglich sind. Letztlich habe ich es nicht 100% selbst in der Hand. Aber ich kann zumindest dafür sorgen, dass beides seinen Platz im Gottesdienst hat.

Konkretion für den Gottesdienst

Was heißt das nun konkret? Vor einiger Zeit unterhielt ich mich mit einem guten Freund, der auch Pfarrer ist, und wir kamen auf den Gedanken: “Würde ich eigentlich selbst meinen Gottesdienst besuchen?” Gute Frage! Alle Vorbereitung eines Gottesdienstes sollte damit beginnen, dass ich auf diese Frage ein “Ja” aus tiefstem Herzen finde. Sowohl das Thema des Gottesdienstes als auch die einzelnen Elemente müssen dafür immer wieder auf den Prüfstand und bedürfen einer fokussierten und intensiven Vorbereitung.

Transportieren die Lieder eine Message oder sind sie lediglich “Füllstoff”?

Wie wreden die Übergänge zwischen den einzelnen Elementen des Gottesdienstes gestaltet? Das ist so entscheidend, denn hier geschehen die meisten Fehler und Brüche, so dass die Intensität und Dynamik des Entertainments und des Erlebens der Heiligkeit einen Sinkflug einnimmt.

Ist die Sprache der Predigt zeitgemäß und herausfordernd?

Beinhaltet der Gottesdienst lediglich Dinge, die ohnehin schon bekannt sind oder führt er den Gottesdienstbesucher in ein weites Feld der göttlichen Erfahrungsmöglichkeit?

Hier könnte ich nun viel schreiben über die konkreten Vorbereitungen und Planungen eines Gottesdienstes. Vielleicht geschieht das auch einmal – wer weiß. Aber solltest du in die Gestaltung und Durchführung von Gottesdiensten in deiner Gemeinde involviert sein, dann lege ich dir diese beiden großen Bereiche ans Herz und bitte dich, zu prüfen, inwiefern sie in deinen Gottesdiensten ermöglicht werden: Entertainment und Heiligkeit.

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