Dieses Buch ist ein sehr wertvoller Ratgeber in einer höchst brisanten Angelegenheit. Zugegeben: Man muss ja schon eine Annahme setzen, wenn man dieses Buch liest und für die Praxis anwenden möchte, nämlich: Gott spricht als Heiliger Geist auch heute noch zu seinen Menschen.

Mit dieser Annahme beginnen aber die Herausforderungen erst richtig: Woher weiß ich, dass es der Heilige Geist war, der zu mir spricht? War es vielleicht nicht doch mein Wunschdenken? Und wer bin ich überhaupt, dass der Heilige Geist zu mir spricht? Wie kann ich es denn erkennen, um welchen “Geist” es sich handelt, der mir einen Gedanken schenkt?

Die Bibel spricht im Neuen Testament von der “Gabe der Geisterunterscheidung”, also der Fähigkeit zu erkennen, aus welchem Geist heraus mir ein Eindruck, ein Gedanke, eine Idee oder eine Handlungsaufforderung geschenkt wird. Zugegebenermaßen ist dieses ganze Gebiet deswegen hoch brisant, weil nicht wenig geistlicher Missbrauch und Manipulation gerade dort entsteht, wo Menschen meinen, vollmundig im Auftrag Gottes zu handeln – und es vielleicht gar nicht Gott war, er sie zu irgend etwas aufgefordert hat, sondern vielleicht nur der “menschliche Geist” in einem selbst.

Eine saubere Grundlegung

Wer das Buch in die Hand nimmt und meint, er findet auf den ersten Seiten gleich eine Antwort auf die Frage “Wie erkenne ich, dass Gott zu mir gesprochen hat?” – der wird ein wenig enttäuscht werden, aber wird viel mehr bekommen, als er erwartet hat.

Rust – von Haus aus baptistischer Pastor – entfaltet in den ersten Kapiteln sehr tiergehend und ausführlich das Zusammenwirken des Heiligen Geist mit dem Menschen. Dabei setzt er dort an, dass es Gottes ureigenster Wunsch war, sich mit dem Menschen zu “vermengen” – “Christus in euch”, wie der Apostel Paulus im Neuen Testament beschreibt.

Auch wenn man sich auf den ersten Seiten ein wenig durch die Pneumatologie (die Lehrer des Heiligen Geistes) wühlen darf, ist es doch ein großer Gewinne, da Rust aus der Praxis schreibt und auch mit den ein oder anderen gängigen aber biblisch nicht belegbaren theologischen Meinungen “aufräumt”. Das alles tut er aber auf eine sehr wertschätzende und teils auch autobiografische Weise.

Nicht selten habe ich mich beim Lesen dabei ertappt, wie ich dachte: “Stimmt. Das ist mir auch schon oft begegnet und ich fand es ein wenig merkwürdig.” Ähnlich scheint es wohl auch Rust gegangen zu sein, wenn er aus seinem großen Fundus der praktischen (Gemeinde-)Erfahrung schreibt.

Die theologische Dichte seiner Gedanken machen das Buch nicht unbedingt zu einer leichten Lektüre. Man sollte sich Zeit und Ruhe nehmen, dieses Buch zu lesen, da es einen unglaublichen Gewinn verspricht für den, der sich mit der Frage nach der Unterscheidung der Geister ernsthaft und gewissenhaft auseinander setzen möchte und keine schnellen, sondern tiergehende und tragende Antworten sucht.

Checkpoints der Geisterunterscheidung

Im letzten Teil des Buches wird es dann ganz konkret und man findet konkrete Antworten auf die Frage: “Wie erkenne ich denn nun, von welchem Geist dieses oder jenes ist?”

Dazu nennt Rust so genannte Checkpoints, die ein Gedanke, eine Idee oder ein Bild durchlaufen muss, um darauf geprüft zu werden, welche(r) Geist(er) dahintersteckt. Diese Checkpoints sind:

  • Jesus Christus
  • Bibel
  • Gemeinde
  • Antriebskräfte
  • Modalität
  • Person

Klingen diese Checkpoints vielleicht ein wenig trivial oder althergebracht? Mag sein – aber ich sehe in ihnen und vor allem in Rusts Ausführungen einen unglaublich großen Gewinn. Natürlich zeigt sich hier auch wieder der große Erfahrungsschatz, aus dem Rust schöpfen kann.

Wo bspw. bei den Checkpoints “Jesus” und “Bibel” doch eigentlich alles klar sein sollte – mag man zumindest meinen -, zeigt Rust auf, wie die Herausforderung der Unterscheidung eines “spirituellen Impulses” im Detail liegt.

Konzentrieren sich die Checkpoints “Jesus Christus”, “Bibel” und “Gemeinde” mehr auf den Inhalt eines geistlichen Impulses, legen die anderen Checkpoints das Hauptaugenmerk auf die Person, die einen solchen geistlichen Impuls empfängt. Hier finde ich persönlich den Checkpoint “Antriebskräfte” äußerst hilfreich und praxisorientiert, da Rust diesen mit folgenden Antriebskräften konkretisiert: Freiheit, Freude, Frieden, Geduld und Demut.

Gerade diese “Checkpoints” sind es, die den Leser besonders interessieren mögen, der mit der Fragestellung an dieses Buch geht, wie man nun einen geistlichen Impuls bewerten kann.

Dieses Buch ist ein wunderbares Hilfsmittel, um geistliche Impulse auf die richtige Art zu verstehen und weiterzugeben, damit durch diese die Schönheit des Redens Gottes zum Ausdruck kommen und geistlicher Missbrauch oder Manipulation weitestgehend im Keim erstickt werden kann.

Herr, bist du es?
Heinrich Christian Rust: Herr, bist du es?

Verlag: SCM Hänssler

272 Seiten / 17,95 EUR

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