Gedanken Gemeinde

Ich bin nicht religiös!

„Ich bin keine religiöse Natur. Aber an Gott, an Christus muss ich immerfort denken, an Echtheit, an Leben, an Freiheit und Barmherzigkeit liegt mir sehr viel. Nur sind mir die religiösen Einkleidungen so unbehaglich.“ (Dietrich Bonhoeffer)

Erster Abend der Pfarrkonferenz in Berlin-Grunewald zum Thema „Auf Bonhoeffers Spuren“. Eine Einführung in die Konferenz durch Professor Peter Zimmerling, der uns die Tage begleiten wird. Jeder durfte sich ein Bonhoeffer-Wort „ziehen“.

Meines war das Zitat oben.Und ich dachte nur: Das passt!

Ich bin wie Bonhoeffer auch keine religiöse Natur. Religion heißt, ich will mir die Gunst (eines) Gottes verdienen durch mein Handeln, durch meine Frömmigkeit, durch das Einhalten religiöser Regeln. Nein. Religiös bin ich nicht. Der ganze christliche Glaube ist keine Religion.

Jesus (ich rede und schreibe lieber von Jesus als von Christus, aber Bonhoeffer und ich meinen im Kern das gleiche) hat keine Religion gegründet, sondern eine Liebesbeziehung mit Gott ermöglicht. Und das bedeutet eben: Echtheit, Leben, Freiheit und Barmherzigkeit.

Echtheit

Ich selbst sein. Authentisch sein. Keine Kopie. Ein Original. Egal, was die anderen denken. Keine Nummer in der Schar der Religiösen, sondern einzelnes, geliebtes Kind Gottes, das einmalig und individuell ist. Echtheit leben. Egal, was andere denken. Zu sich selbst stehen. Meine Identität ist in Jesus gegründet und nicht in anderen Menschen.

Das ist leicht gesagt, ich weiß. Aber so wichtig. Wir machen uns schnell abhängig von anderen Menschen oder von Dingen wie Beruf, Macht, Besitz oder dem Einsatz in der Gemeinde. Von Menschen und wie wir wohl bei ihnen ankommen mögen. Spielen Rollen. Tragen Masken und Panzer. Sind nicht wir selbst, um bei den anderen auch landen zu können. Verstecken unsere wahre Identität, damit sie von den anderen gefunden und gehoben werden kann.

Aber das ist gefährlich. Sehr gefährlich. Diese Dinge und Menschen greifen nach uns und engen uns ein, wenn wir unsere Identität darin suchen. Sie sperren uns ein in ein Korsett ihrer Vorstellungen und Erwartungen an uns und wir meinen auch noch, so leben zu müssen.

Leben

Um es mit Bonhoeffer zu sagen: Am Leben liegt mir auch sehr viel. Am Leben, das pulsiert und ruht; am Leben zwischen Geborgenheit und Abenteuer; am Leben zwischen vertraut und fremd. Am Leben in seinen Höhen und Tiefen liegt mir sehr viel.

Ja auch an den Tiefen, denn nur durch sie erkennen wir auch die Höhen – ansonsten wäre Leben nicht Leben sondern Monotonie.

Das Leben auch mal nicht so ernst nehmen. Ausbrechen. Wie Jesus am Ostermorgen aus dem Grab. Frei sein wie die Ehebrecherin, der Jesus ihre Schuld vergibt. Leben – wie Lazarus, der schon tot war und wieder zu neuem Leben erwachte. Losgehen – wie Petrus, der auf dem Wasser geht.

Leben. Es bietet uns so viel. Die ganze bunte Palette göttlicher Schöpfungskraft Tag für Tag neu, die sich widerspiegelt in den Sehnsüchten, die unser Herz erfüllen und unser Leben erst lebenswert machen. Süchtig zu sein nach einem Sehnen, das mehr verspricht, als wir im Moment auch nur ansatzweise erahnen können.

Sehnsucht nach mehr.

Sehnsucht nach Lebensfreude.

Sehnsucht nach Erfüllung.

Sehnsucht nach lieben und geliebt zu werden.

Sehnsucht nach dem, was wir nicht sehen und halten können, was wir tief in uns aber hoffen.

Sehnsucht nach einem Leben, das ganz aus Gottes Hand und Gnade gelebt wird.

Sehnsucht nach einem geisterfüllten Leben durch den Heiligen Geist.

Sehnsucht nach dem Übernatürlichen.

Sehnsucht nach dem Nicht-Konventionellen.

Sehnsucht nach Abenteuer.

Sehnsucht nach Neuem.

Und was haben wir aus dem Leben gemacht? Wir sperren es ein in unsere Alltagsroutinen, in unsere Gewohnheiten, in unsere Konventionen und Normen. Aber das Leben will raus. Ins Leben hinein. Wie ein Fisch das Wasser zum Leben braucht, so braucht das Leben die Freiheit.

Freiheit

Freiheit ist nicht die Abwesenheit von Rahmenbedingungen und Regeln. Das wäre Anarchie. Freiheit ist, wenn Leben sich entfalten und zu seiner Geltung kommen kann. Und da denke ich schon, dass es genug Normen und Konventionen gibt, die nicht gut sind; die uns einschränken. Die das Leben in uns nicht zu einer freiheitlichen Entfaltung kommen lassen. Der großartige Völkermissionar Paulus schreibt:

Zur Freiheit hat Christus uns befreit! Bleibt daher standhaft und lasst euch nicht wieder unter das Joch der Sklaverei zwingen! (Die Bibel, Galanter 5,1)

Dieses Wort alleine hat schon Kraft. Bibelexpetern und JedenSonntagindieKircheGeher werden jetzt aber sagen: Moment, Paulus wendet sich hier gegen diejenigen, die zu sehr nach den alttestamentlichen Richtlinien und Gesetzen leben wollen.

Ich bin mir da nicht sicher – auch wenn ich (fast) jeden Sonntag in den Gottesdienst gehe.

Im Kapitel davor schreibt Paulus:

Früher, als ihr den wahren Gott noch nicht kanntet, sah das ganz anders aus: Damals dientet ihr Göttern, die in Wirklichkeit gar keine Götter sind, und wart ihre Sklaven. Jetzt aber kennt ihr Gott – oder vielmehr: Gott kennt euch. Wie ist es da möglich, dass ihr wieder zu den kraftlosen und armseligen Vorstellungen dieser Welt zurückkehrt? Wollt ihr ihnen wirklich von neuem dienen und ihre Sklaven sein? (Die Bibel, Galanter 4,8+9)

Paulus schreibt von Göttern und den kraftlosen und armseligen Vorstellungen dieser Welt. Und ich denke mir: Recht hat er. So viele Normen und Konventionen, ungeschriebene Gesetze, Langeweile pur. Aber wir dienen ihnen. Wir lassen uns von ihnen in Beschlag nehmen, ja manchmal ergreifen sie Besitz von uns. Natürlich meine ich damit keine Regeln, Gesetze und schon gar nicht die 10 Gebote, die unser Leben regeln und einen äußeren Frieden und eine äußere Ordnung schaffen sollen.

Vielmehr habe ich den Eindruck, dass wir Erwachsene, je älter wir werden, die innere Freiheit verlieren, die wir als Kind noch haben. Wohl niemand lebt so frei wie Kinder.

Dieses Lachen, wenn sie unter dem Wasserbogen des Gartenschlauches hindurchrennen und dabei nass werden.

Diese Ausgelassenheit beim Spielen und Toben, beim Rennen und Spielen, beim Sport und im Dreck Wühlen.

Dieses Strahlen in den Augen, wenn sie immer und immer wieder rufen: „Noch mal, Papa! Noch mal! Noch mal! Noch mal!“

Wann hast du als Erwachsener gedacht oder gesagt: „Noch mal,…! Noch mal!“?

Ich wünsche dir, dass du in diesem Moment an einen Moment denken kannst, in dem du das gedacht oder gesagt hast. Dann lebst du. Frei.

Falls du dich nicht erinnerst, denk noch mal darüber nach. Und falls dann immer noch nichts kommt, dann mach dich mal auf die Suche nach der Freiheit in dir.

Ich glaube, dass Jesus sich darüber freut, wenn du frei lebst. Wenn du Kind wirst. Denn er hat es ja selbst gesagt:

Wenn ihr nicht umkehrt und wie die Kinder werdet, könnt ihr nicht ins Himmelreich kommen.  (Die Bibel, Matthäus 18,3)

Kinder muss man immer wieder an Regeln erinnern, ja. Aber im Rahmen dieser Regeln bewegen sie sich frei und spielerisch.

Barmherzigkeit

Auf den ersten Blick passt die Barmherzigkeit nicht so ganz in diese Aufzählung. Aber nur auf den ersten Blick. Den haben wir nun hinter uns und können den zweiten Blick einnehmen.

Und da passt sie wunderbar.

Echtheit ohne Barmherzigkeit ist Arroganz.

Freiheit ohne Barmherzigkeit ist Tyrannei.

Leben ohne Barmherzigkeit ist Kaltherzigkeit.

Was der Motor für jedes Gefährt ist, sollte die Barmherzigkeit für unser Leben sein.

Ich kann echt sein, authentisch sein, ehrlich sein. Wenn ich es unbarmherzig bin, haue ich dem anderen die Wahrheit um die Ohren wie ein nasses Tuch anstatt eines Mantels, in den er sich einhüllen kann. Oder ich sage schonungslos und offen alles, was mir in den Sinn kommt und bin mir selbst das Maß aller Dinge. Nach mir die Sintflut und neben mir keine Menschen – denn die sind unter mir.

Nein. Echt sein ohne barmherzig zu sein will ich nicht. Das würde mich nur noch mehr von den Menschen entfremden, die mir dann ohnehin so fremd scheinen.

Aber ich will auch nicht frei sein ohne barmherzig zu sein. Denn dann bin ich nicht nur in meinem Reden, sondern auch in meinem Tun mir selbst der Nächste, um den sich alles dreht und drehen muss. Dann sind es meine Freiheiten, die andere eingrenzen, einschränken, niederhalten, weil ich viel zu sehr Raum einnehme, der mir nicht zusteht. Weil ich keine barmherzige Haltung habe, in der ich erkennen könnte, dass es dem anderen nun einmal gut tun würde, wenn ich in meiner Freiheit mich seiner annehmen würde und ihm diene – anstatt mich selbst zu erhöhen. Und das kann ganz schnell in einer Tyrannei enden, in der ich den anderen durch meine Freiheit bedränge. Das geschieht subtil. Den anderen nicht wahrnehmen, mich selbst im Blick haben, dem anderen Vorwürfe machen, weshalb er sich nicht so verhält, wie es meinem Anspruch an Freiheit genügen würde.

Aber ich will auch nicht leben ohne barmherzig zu sein. Denn dann würde mein Herz nur kalt und hart werden. Ich würde ständig den nächsten Kick für mich suchen. Den Nächsten nicht im Blick – und nach und nach fehlt mir nicht nur der Blick für den Nächsten, sondern ich nehme ihn gar nicht mehr wahr. Er ist mir egal. Mein Herz ist so kalt und hart, weil es ja nur um mein Leben geht, dass Menschen um mich herum zu Salzsäulen erstarren, weil ich zwar nicht zurück, aber immer nur auf mich selbst blicke.

Und erwachen diese Salzsäulenmenschen aus dem Bannschlaf meiner Kaltherzigkeit, bin ich verwundert und bestürzt darüber, dass sie selbst Anliegen und Bedürfnisse haben. Mein Herz wird kälter und zieht sich noch mehr zurück – bedacht auf den ganz persönlichen Lebenskick.

Nein, ich könnte nicht mehr sagen, dass Barmherzigkeit in diese Reihung nicht passen würde. Im Gegenteil. Sie ist dringend notwendig, damit hier nichts aus dem Ruder läuft.

Christus

Das alles steht nicht im leeren Raum, sondern bindet sich an Jesus, der sagt:

Ich lebe und ihr sollt auch leben! Ich bin gekommen, um Leben zu bringen – Leben in ganzer Fülle. (Die Bibel, Johannes 14,19; Johannes 10,9b)

Einmal mehr gilt: Blick auf Jesus! Schau auf ihn! Nicht auf dich. Deine Freiheit, deine Echtheit, dein Leben, deine Barmherzigkeit. Schau auf Jesus und lebe! Aber so richtig – so wie Jesus es sich für dich vorgestellt hat:

Echt.

Lebendig.

Frei.

Barmherzig.

Schau auf ihn! Such ihn! In der Stille, im Gebet, in seinem Wort. Lass ihn zu dir reden. Dir Bilder schenken. Gedanken. Visionen. Offenbarungen. Why not? Wenn wir schon von einem, lebendigen Gott reden, dann sollten wir auch davon ausgehen, dass er das tut, was Lebende tun: Kommunizieren. Reden. Mitteilen. Sich zeigen.

Das wird er. Und dann: flieg los! Lebe! Denn der, der dich erschaffen hat, hat dich nicht dazu erschaffen, einfach mal so vor dich hin zu existieren. Er hat dich dazu erschaffen, ein Leben zu leben, das ihn ehrt, das du mit ihm gemeinsam lebst – und das alle Höhen und Tiefen kennt. Alle Schönheit und alle Makel des Lebens. Aber vor allem: Nur dieses Leben ist wirklich Leben, das aus der Liebe und Gnade des Schöpfers gelebt wird.

Und jetzt raus! Lebe!

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