“Wie man in verrückten Zeiten einen klaren Kopf behält” lautet der Untertitel von Markus Spiekers neustem Werk: Crazy World.
Man kann ja schon den Eindruck haben, in einer “crazy World”, also einer verrückten Welt zu leben. Und vor allem: Du kannst fragen, wen du möchtest: Wahrscheinlich würden dir selbst Personen, die nicht sonderlich viele gemeinsame Werte und Überzeugungen haben, allesamt sagen: Ja. Es stimmt. Wir leben in einer verrückten Welt!
Für Spieker gibt es dafür auch sehr klare Anzeichen:
Spiekers Anliegen jedoch ist nicht, den Kopf in den Sand zu stecken, sondern der Untertitel ist Programm: “Wie man in verrückten Zeiten einen klaren Kopf behält.” Dies führt er in 21 Kapiteln aus, die in drei “Etappen” untergliedert sind:
Erste Etappe: Get real! Die Welt verstehen
Zweite Etappe: Get tough and get together! Den Standort verbessern
Dritte Etappe: Go deep, get high! Uns selbst verändern
Alleine in der Bezeichnung dieser drei Etappen wird deutlich, um was es Spieker geht: Die Welt verstehen, den Standort (ich interpretiere es als die Gemeinschaft/die Gesellschaft, in der wir leben) verbessern und uns selbst verändern – wohlwissend, dass wir ohnehin niemand anderes als uns selbst verändern können.
Spiekers Mindset ist vorbildlich und inspirierend
Was mir an “Crazy World” auffällt und was ich wirklich herausragend finde, ist Spiekers Mindset, das hinter diesem Buch steht. Dieses kennzeichnet sich durch folgende Eigenschaften: Eine messerscharfe Analyse, herausfordernd-realistische Lösungsmöglichkeiten und ein hoffnungsvoll begründeter Optimismus. Kurzum: Genau das, was wir in verrückten Zeiten, in einer verrückten Welt so dringend benötigen!
Denn: Es gibt genug “Experten”, denen mindestens eine dieser drei Eigenschaften fehlt – und dann wird’s schräg:
- Da gibt es diejenigen, die zwar messerscharf analysieren und auch großartige Lösungsansätze bieten, aber ihre Weltsicht ist dann doch eher fatalistisch-pessimistisch, so dass ihre Lösungen eigentlich niemand wirklich hören, geschweige denn umsetzen möchte.
- Es gibt diejenigen, welche Lösungsmöglichkeiten anbieten und auch wirklich Optimismus versprühen – aber ganz vergessen haben, die Lage der Nation zu analysieren, was zwangsläufig dazu führen würde, dass ihre Lösungsmöglichkeiten nicht tragfähig und ihr Optimismus dann doch nur ein Pfeifen im Wald ist.
- Schlussendlich kennt sicherlich auch jeder mindestens eine Person, die zwar messerscharf analysieren kann und die auch eine gesunde Portion Optimismus verkörpert – aber keine wirklichen Lösungsansätze hat. Also dann doch nur “Haschen nach Wind”.
Ganz anders Markus Spieker. Auf ihn treffen wirklich alle drei Eigenschaften zu, was das Lesen von “Crazy World” zu einem Genuss macht – ja genau. Ein Genuss. Denn hin und wieder musste ich ihn mir vorstellen, wie er das ein oder andere Kapitel wahrscheinlich dann doch mit einem Schmunzeln und dem Gedanken schrieb: “Mal schauen, was das mit dem Leser macht.”
Apropos lesen. Ich habe nicht gezählt, wie viele Autoren und Werke Spieker in “Crazy World” zitiert. Aber es wird definitiv im dreistelligen Bereich sein und nicht selten habe ich mich gefragt, wie um alles in der Welt man so viel lesen kann! (Und wer mich kennt, mag jetzt die Stirn runzeln, da ich selbst viel lese, aber gegenüber Spieker wahrscheinlich nur ein Bruchteil. Ich wüsste gerne das Geheimnis dahinter!)
Pointiert. Philosophisch. Praxistauglich.
Es mag sich widersprechen – aber genau mit diesen drei Eigenschaften würde ich “Crazy World” beschreiben.
Pointiert ist Spiekers Sprache ohnehin und wie oben schon geschrieben: Es ist ein Genuss, “Crazy World” zu lesen. So bezeichnet er Friedrich Nietzsche (nicht zu Unrecht) als “philosophischen Werte-Zertrümmerer” (S.184) oder spricht von der Ambivalenz-Toleranz-Kompetenz (S.182).
Und im Blick auf so manch schwarze Flecken in der Kirchengeschichte schreibt Spieker:
Und last but not least (wir schon in seinem Buch “Übermorgenland” geschrieben) kommt er zu dem Schluss: “Es geht der Welt schlechter, weil es ihr besser geht.” (S.193)
Es könnten noch unzählig weitere Beispiele aufgeführt werden, wie Spieker mit Sprache spielt.

Das Philosophische an “Crazy World” mag manch einen vielleicht zunächst die Stirn runzeln lassen. Aber was heißt Philo-sophie nochmals ins Deutsche übersetzt? Genau: “Liebe zur Weisheit”. Ich glaube, es gäbe kaum eine bessere Beschreibung von Spiekers schriftstellerischer Tätigkeit. Weisheit unterscheidet sich bekanntlich von reinem Wissen dahingehend, dass dieses Wissen in der Praxis erprobt und für erfolgreich befunden wurde. Dieses praktisch angewandte Wissen zu wiederholen und daraus zu leben – das ist Weisheit. Und eben diese Weisheit liest sich bald auf jeder Seite von “Crazy World”. Spieker ist kein Philosoph im Elfenbeinturm (der ist schließlich auch schon besetzt von vielen Theologen). Er ist ein weiser Mensch, der seine Weisheit nicht für sich behält, sondern seiner Leserschaft mit auf den Weg gibt. Danke!
Und genau das führt schließlich zur Praxistauglichkeit von “Crazy World”. Ja, es finden sich darin jede Menge weise (nicht schlaue, sondern weise) Sätze. Von Spieker und anderen großartigen Autoren, die er zitiert. Aber seinem Anliegen, den Kopf nicht in den Sand zu stecken, sondern eben jenen klar zu behalten, wird er mehr als gerecht, da seine messerscharfe Analyse unserer Gesellschaft nicht zu einem resignativen Fatalismus sondern einem hoffnungsvollen Pragmatismus führt.
Christliche Freiheit
Spieker macht keinen Hehl aus seinem christlichen Glauben. Immer wieder weist er darauf hin, wer Jesus Christus für ihn ist und wie er sein Denken, Handeln und Leben bestimmt.
Gleichzeitig spürt man bei Spieker etwas von der “Freiheit eines Christenmenschen” (wie Martin Luther sie beschrieb), weil er sich eben nicht einzwängen lassen möchte – und kann – weder in Schubladen noch in Denkmuster.
Selbstoffenbarend und in meinen Augen selbstcharakterisierend schreibt Spieker:
In gewisser Weise ist es auch genau das, was “Crazy World” auszeichnet. Überraschende Wendungen, Durchbrechen von starren Muster und ganz sicherlich werden keine allgemeine Erwartungen erfüllt. Hin und wieder fragt man sich beim Lesen eines Kapitels, was das mit der Headline des Kapitels zu tun hat, ehe man nach einigen Momenten des Nachdenkens dann schon drauf kommt.
Das mag ich. Ein Buch, das zum Selbst-Denken anregt, das großartige Impulse liefert, das geistlich inspirierende ist, alles andere als Standard und das jede Menge Weisheit (siehe Definition oben) liefert.
Eines ist sicher: Man kann nicht gleichzeitig Pinguinen bei ihrem süßen Watschelgang zusehen und auf irgendetwas oder irgendjemanden sauer sein. Das geht einfach nicht.
Ebenso wenig kann man “Crazy World” lesen und danach resigniert, depressiv oder sarkastisch auf diese Welt, auf diese Gesellschaft blicken. Das Gegenteil ist der Fall: Man kann nur mit einem hoffnungsvollen Schmunzeln das Buch zuklappen. Sei es am Ende eines Kapitels oder am Ende des Buches.
Apropos Ende des Buches. Dort schreibt Spieker:
“Crazy World. Wie man in verrückten Zeiten einen klaren Kopf behält” ist solch ein Damm.
Markus Spieker: Crazy World. Wie man in verrückten Zeiten einen klaren Kopf behält
Seiten: 263
ISBN: 9783038483045
Preis: 24,90 Euro
Verlag: Fontis Verlag (www.fontis-shop.de/products/crazy-world)

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