In seinem Buch “Führen Leisten Leben” schreibt Fredmund Malik:
“Mangels klarer Standards scheint alles “irgendwie” Gültigkeit zu haben und daher zulässig zu sein. Es kommt zu einer lähmenden Denkverschmutzung.”
Nun ist Malik weder Philosoph noch Theologe, sondern seines Zeichens Management-Papst, dessen Bücher zu Standardwerken wurden und er ein gefragter Redner ist.
Überträgt man seine Gedanken einmal auf Kirche, wird es spannend.
Bei Kirche ist “irgendwie” alles möglich
Denn manchmal habe ich den Eindruck, dass auch bei Kirche “irgendwie” alles gleich gültig zu sein scheint. Landauf landab scheint man glauben zu können, was man möchte – Hauptsache so ein gewisser Gemeinschaftscharakter (man will ja nicht asozial sein) sowie ein Einsatz für die aktuellen gesellschaftlichen Fragen scheinen relevant – welche das sind, bestimmt die politische Debatte.
Aber was man glaubt? Nun – das ist ja Privatsache. Das geht niemanden etwas an.
Das Ganze treibt dann Stilblüten, wenn sogar Pfarrerinnen und Pfarrer nicht (mehr) das glauben, woraufhin sie ordiniert wurden: Die Bibel, als heilige Schrift und Wort Gottes, sowie die Bekenntnisse der Alten Kirche udnd der Bekennenden Kirche als verbindliche Richtschnur in ihrer Lehre.
Ob Jesus nun leibhaftig auferstanden ist oder nicht, ob er überhaupt für unsere Sünden gestorben ist oder nur aus Mitleid und ob es ihn überhaupt gab oder er nur ein schillerndes Fabelwesen ist – darüber ist man sich “bei Kirchens” nicht so ganz einig.
Oder anders gesagt: Jeder darf nicht nur glauben, sondern auch lehren, was er will.
Glauben, was er will – ja, das soll jeder. Schließlich ist die Religionsfreiheit ein hohes Gut und wir sollten alles dafür tun, dass diese Freiheit auch bestehen bleibt.
Als christliche Kirche sollte doch klar sein: Wo christlich draufsteht, muss auch christlich drin sein. Leider ist das nicht immer der Fall, was daran liegt, dass die “Standards” (wie Malik es nennt) nicht klar sind.
Was sind “die Standards”?
Als Christen benötigen wir “Standards”, nach denen wir unseren Glauben definieren, um eben nicht “alles Mögliche zu glauben”.
Malik zitiert an dieser Stelle übrigens Marie von Ebner-Eschenbach: “Wer nichts weiß, muss alles glauben.“
Nun könnte man es kompliziert machen, was man alles glauben muss und was nicht, welche Bekenntnisse, theologischen Bücher, Werke und was weiß ich nicht noch alles.
Aber ich mache es einfacher. Viel einfacher!
Die Standards, nach denen sich der christliche Glaube definiert, sind keine Standards, die wir uns aussuchen oder “machen” können.
Ich schlage dir etwas vor, was als Standard(-Weg) dienen kann, damit du eben nicht alles glauben musst.
Um die Beispiele oben nochmals zu nehmen:
Jesus Tod, Jesu Auferstehung, Jesu Existenz – ja was muss, darf, soll, kann ich glauben und was nicht? Wie kann ich zu einem soliden theologischen Urteil kommen, ohne von der Seite des fundamentalistischen Scheuklappentums zu fallen aber genauso wenig von der Seite des progressiven so-viel-wie-mölgich-über-Bord-Werfens?
Drei Gedanken gebe ich dir mit.
Zum einen – natürlich – lies deine Bibel! Schau, was in der Bibel steht und glaube es zunächst. Das ist schlichtweg revolutionär in der heutigen westlichen, theologisch liberal geprägten, woken, postmodern-opportunen Theologen-Bubble.
Gerade im Westen hat man manchmal den Eindruck, als müsse man erst einmal alles Mögliche, was in der Bibel steht, widerlegen und “anders sehen” oder eben: “irgendwie alles glauben” – nur nicht das, was in der Bibel steht. Das ist nicht neu, aber leider bei manchen immer noch “en vogue”.
Mach es anders. Mach es wie die meisten Christen auf dieser Welt: Glaube erst einmal das, was in der Bibel steht.
Zum zweiten lohnt sich ein Blick in die weltweite Kirche Jesu. Natürlich kannst du nicht jede einzelne Kirche und Denomination abklappern und ein 100% sicheres Ergebnis zu jeder einzelnen theologischen Frage bekommen, die du hast.
Nur lass uns doch mal schauen, was dort gelehrt wird, wo das Christentum auf dem Vormarsch ist, sprich: Wo Menschen zum Glauben an Jesus kommen, wo christliche Gemeinschaft wächst und Kirche einen maßgeblichen Einfluss auf ihr Umfeld hat. Das ist vor allem in Lateinamerika, Südamerika, Afrika und Asien der Fall – oder anders gesagt: im “globalen Süden”. Wie würden dort mehrheitlich die Antworten aussehen?
Hat Jesus gelebt? Natürlich!
Ist Jesus stellvertretend zur Sühne unserer Schuld und Sünde gestorben? Ja!
Ist Jesus leibhaftig auferstanden? Ja klar – wie denn sonst?
Und so würdest du auch zu anderen theologischen Fragen, die du hast, dort Antworten finden.
Und zum dritten ist es ebenso hilfreich, in die Kirchengeschichte zu schauen.
“Nichts Neues unter der Sonne” ist ein geflügeltes Wort geworden. Aber es ist so wahr. Jeder – wirklich jeder – theologische Streit und jede noch so abstruse Irrlehre innerhalb der Kirche gab es schon. Wir erfinden das Rad nicht neu.
Wurde in der Kirchengeschichte geleugnet, dass Jesus existierte? Ja!
Wurde bestritten, dass er für unsere Sünde starb? Ja!
Wurde abgelehnt, dass das Grab am Ostermorgen leer war? Ja!
Und was ist mit diesen Lehren geschehen? Ganz einfach: Sie wurden als Irrlehren gebrandmarkt.
Holy forever
Vielleicht kennst du ja das Lied “Holy forever”.
In der deutschen Übersetzung heißt es zu Beginn folgendermaßen:
Tausend Generationen knien in Anbetung
Sie singen: “Alle Ehre sei dem Lamm”
Und wer uns schon vorausging und wer noch glauben wird
Sie singen: “Alle Ehre sei dem Lamm”
Dein Name ist höher, dein Name ist größer
Und nichts reicht an dich heran
Kein Thron, keine Herrschaft, kein Reich und keine Weltmacht
Nein, nichts reicht an dich heran
Und der Himmel singt: “Heilig”
Alle Schöpfung singt: “Heilig”
Du bist hoch erhöht, heilig
Heilig für immer
Ich mag dieses Lied vor allem deswegen, weil es zum Ausdruck bringt, dass wir Christen in Deutschland im 21. Jahrhundert keine besonderen Typen sind. Wir reihen uns ein in eine annähernd 2.000 Jahre alte Geschichte von Kirche und von Christenheit.
Nichts, was wir heute glauben, ist auf unserem Mist gewachsen oder ist unserem innovativen Geist oder unserer Schaffenskraft geschuldet.
Was wir glauben, glaubten schon viele, viele Generationen vor uns, wenn wir auf dem Boden der biblischen Überlieferung bleiben.
Das ist deswegen so wichtig, weil der Blick über den räumlichen Tellerrand (also in die weltweite Kirche Jesu) sowie über den zeitlichen Tellerrand (also in die Kirchengeschichte) uns dessen vergewissert, was Christen wirklich glauben.
Denkverschmutzung lauert überall dort, wo Menschen heute meinen, es “endlich begriffen zu haben”, was in der Bibel wirklich gemeint sei oder was Gott durch diese oder jene Bibelstelle sagen will und dabei der Glaube von Millionen von Christen auf anderen Erdteilen oder vor unserer Zeit einfach mal in die Tonne getreten wird.
Wie hochmütig!
Deswegen lohnt es sich immer bei theologischen Fragen, dass du dich schlau machst.
Das kann ganz einfach funktionieren.
Ich gebe dir ein Beispiel – und attestiere dir ausreichend Fantasie und Vorstellungskraft, dass du dir überlegst, wie du das für dich adaptieren kannst und so Hilfe findest bei theologischen Fragen und Unsicherheiten.
Ich habe auf Grund einer Predigtreihe, die ich in meiner vorherigen Gemeinde hielt, mächtig Ärger bekommen – von Kollegen und meiner Kirchenleitung. Also wollte ich mich vor den anstehenden Gesprächen nochmals theologisch absichern bzw. Klarheit bekommen, ob ich nun wirklich falsch lag oder ob ich mich – gemessen an dem zeitlichen und räumlichen Tellerrand – auf gutem Weg befand.
Dazu habe ich schlicht und einfach einem großartigen Theologen unserer Zeit geschrieben, ob er mir – da er eine weltweite Perspektive hat durch seinen Dienst sowie eine große Expertise durch seine Professur – einfach mal ein paar Takte dazu sagen könne, wie die theologische Mehrheit aussieht im Blick auf dieses Thema – und zwar weltweit.
Wir hatten einen ca. 1 1/2 stündigen Zoom-Call. Mehr war es nicht. Aber für mich war es ein Hochgenuss (und ich habe mitgeschrieben wie ein Verrückter), weil er einfach mal so “aus dem Ärmel schüttelte”, wie die theologische Position der unterschiedlichen Kirchen weltweit zu diesem Thema ist und ich feststellte, was ich vorher schon ahnte: “meine Kirche” (die Evangelische Kirche in Baden bzw. die Evangelische Kirche in Deutschland) vertritt hier eine absolute Minderheitenposition, durch die sie sich ins Abseits schießt, was die weltweite Glaubensgemeinschaft betrifft.
Die überwältigende Mehrheit der christlichen Kirchen weltweit hat eine ganz andere theologische Position – und das ging querbeet durch die Kirche: römisch-katholisch, syrisch-orthodox, serbisch-orthodox, griechisch-orthodox, anglikanisch, pfingstlerisch, evangelikal – im Juristenjargon würde man sagen: “Die Beweislast war erdrückend.” Zu meinen Gunsten.
Es ist manchmal einfacher, als du denkst, dich schlau zu machen. Und wenn du die Zeit und Muße hast, kannst du ja sämtliche Äußerungen, die dir begegnen, auf ihre Richtigkeit überprüfen. Natürlich setzt das ein gewisses Maß an Medienkompetenz voraus.
Und dennoch: Denkverschmutzung vermeiden wir am ehesten dort, wo wir uns selbst auf den Weg machen und die “Standards” (wie Malik es ausdrückt) überprüfen.
Denn: “Wer nichts weiß, muss alles glauben.” (Marie von Ebner-Eschenbach)
P.S. Gerade theologische Aussagen, die darauf deuten, dass man nun im 21. Jahrhundert dieses oder jene theologische Problem, diese oder jene theologische Fragestellung, diese oder jene Bibelstelle endlich richtig interpretiere oder endlich herausgefunden habe, was sie wirklich bedeute – glaub mir: Lass die Finger davon! Man kann nicht einfach mal schnell 2.000 Jahre Christentum und 2.000 Jahre christliche Theologie abtun und der Überzeugung sein: Alle lagen falsch bisher – jetzt ist die Wahrheit endlich ans Licht getreten.

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