Millionen Christen weltweit werden verfolgt, weil sie an Jesus Christus glauben. Während wir in Deutschland unseren Glauben frei leben können, riskieren andere ihr Leben für den Besitz einer Bibel oder ein öffentliches Bekenntnis zu Jesus. Was bedeutet das für unseren Glauben? Und was können wir von unseren verfolgten Geschwistern lernen?
Christenverfolgung ist keine ferne Realität
Für viele Menschen in Deutschland ist Religionsfreiheit selbstverständlich. Gottesdienste können frei besucht werden, Bibeln stehen in nahezu jeder Buchhandlung und christliche Inhalte sind jederzeit verfügbar.
Natürlich merken wir auch in Deutschland, dass der Wind rauer und der christliche Glaube immer weniger selbstverständlich wird. Das ist nicht die Frage.
Aber eines bleibt: Wir können als Christen in aller Freiheit unseren Glauben leben.
Doch diese Freiheit gilt längst nicht überall.
In zahlreichen Ländern werden Christen überwacht, diskriminiert, inhaftiert oder sogar getötet, weil sie sich zu Jesus bekennen. Manche treffen sich heimlich in kleinen Gruppen. Andere verstecken ihre Bibel oder besitzen nur einzelne Seiten der Heiligen Schrift. Wieder andere wissen, dass jede Zusammenkunft ihre letzte sein könnte.
Und neulich sah ich ein Short auf YouTube, in dem davon die Rede ist, dass Christen in Nigeria in drei Jahren 1.900 Bibelverse auswendig lernen wollen, weil sie zurück kehren wollen in Gebiete, die sehr islamistisch geprägt sind und der Besitz einer Bibel einem Todesurteil gleichkäme.
Also lernen sie alle Verse mit wörtlicher Rede von Jesus auswendig. Wahnsinn!
Diese Realität ist schwer vorstellbar – und dennoch betrifft sie Millionen unserer Glaubensgeschwister.
Wir gehören zu einer weltweiten Familie
Die Bibel beschreibt die Gemeinde Jesu als einen einzigen Leib. Im zweiten Teil der Bibel, genauer gesagt im 1. Korintherbrief wird das im 12. Kapitel sehr ausführlich und sehr bildhaft beschrieben. Dabei gibt es einen Vers, der oft überlesen wird oder sagen wir mal so: Er scheint nicht so das Gewicht zu haben wie andere Verse in diesem Abschnitt. Aber er ist elementar und begründet eine gesund Theologie.
„Leidet ein Glied, so leiden alle Glieder mit.“ (1. Korinther 12,26)
Diese Worte erinnern uns daran, dass Christen weltweit miteinander verbunden sind. Unsere Brüder und Schwestern in Nordkorea, Nigeria, Iran, Afghanistan oder Eritrea sind keine Fremden. Sie gehören zu derselben Familie Gottes wie wir.
Deshalb sollte uns ihr Leid nicht gleichgültig sein.
Nicht aus Mitleid, sondern aus echter Verbundenheit.
Und das ist der Knackpunkt: Nehmen wir das so wahr? Oder lässt es uns kalt? Interpretieren wir das Bild der Gemeinde als Leib nur auf die Ortsgemeinde oder auf die weltweite Christenheit?
Verfolgte Christen verändern unsere Perspektive
Wer sich mit Christenverfolgung beschäftigt, merkt schnell, wie sich die eigenen Prioritäten verschieben.
Viele Diskussionen, die unsere Gemeinden beschäftigen, wirken plötzlich erstaunlich klein. Wir streiten über Musikstile, Gottesdienstformen, liturgische Fragen oder persönliche Vorlieben.
Natürlich dürfen solche Themen ihren Platz haben.
Doch während wir darüber diskutieren, riskieren Christen anderswo ihr Leben für ihren Glauben. Sie werden verfolgt, weil sie Jesus nachfolgen und an der Wahrheit seines Wortes festhalten.
Diese Perspektive stellt uns eine unbequeme Frage:
Worauf kommt es im christlichen Glauben wirklich an?
Nun will ich das Leid unserer verfolgten Christen nicht missbrauchen, um die Prioritätenfrage bei uns zu stellen. Das wäre instrumentalisiertes Leid und auch nicht richtig.
Gleichzeitig machen mir Berichte von verfolgten Christen immer wieder Mut, zu meinem Glauben zu stehen und die wirklich wichtigen Inhalte des christlichen Glaubens hochzuhalten und sich nicht im Kleinklein zu verlieren.
Wie wertvoll ist Gottes Wort?
Besonders beeindruckend ist der Stellenwert der Bibel für verfolgte Christen.
Während viele von uns mehrere Bibeln zu Hause besitzen, riskieren andere Menschen Gefängnis oder sogar den Tod, nur um ein Exemplar lesen zu können.
Sie verstecken Bibeln, lernen Bibelverse auswendig (denk an die 1.900 Verse) oder geben einzelne Seiten heimlich weiter.
Das macht deutlich:
Die Bibel ist weit mehr als ein Buch. Sie ist Hoffnung, Trost und Lebensgrundlage. Und kleiner aber wichtiger Nebeneffekt: Wenn die Bibel nur ein Märchenbuch wäre, wie viele sie sehen – warum um alles in der Welt werden Menschen dann für das Lesen in diesem “Märchenbuch” verfolgt und getötet?
Ich glaube, dass ähnlich wie die Dämonen im Neuen Testament ganz genau wussten, dass Jesus der Messias ist, so wissen auch Despoten und Diktatoren, Terroristen und Christenverfolger ganz genau, welche Kraft Gottes Wort entfaltet und wie lebensverändernd diese Buch ist – das alles andere als ein Märchenbuch ist.
Vielleicht sollten wir uns deshalb ehrlich fragen:
Wie selbstverständlich gehe ich mit Gottes Wort um? Nutze ich die Freiheit, die Gott mir geschenkt hat?
Ich habe es ja schon an vielen Stellen geschrieben und auch in meinem Podcast zur Sprache gebracht (so zum Beispiel in Folge 31 “Warum vernachlässigen Christen diese beiden Dinge?”): Wir leben eine Gebetslosigkeit und Bibelvergessenheit als “Christen des Westens”, für die wir uns eigentlich schämen müssten.
Oder nein. Sagen wir es anders: Es ist an der Zeit, dass auch wir Christen, die NICHT verfolgt werden, die Kraft und die Schönheit des Gebets und der Bibel neu entdecken! Das klingt schon besser, oder?
Gebet verbindet uns
Nicht jeder kann in Länder reisen, in denen Christen verfolgt werden.
Aber jeder Christ kann beten.
Gebet ist keine Notlösung, sondern Ausdruck unserer Verbundenheit.
Und falls du wissen willst, warum ich den Satz “Da hilft nur noch beten” nicht mag – schau mal hier nach.
Was jeder Christ in Deutschland tun kann: Für verfolgte Geschwister beten. Wenn du nicht weiß, wie das genau gehen soll oder wenn du den Eindruck hast, dass nach drei mal beten sich alles nur wiederholt – dann empfehle ich dir einmal mehr den Gebetskalender von Open Doors.
Wahlweise als Heft, das du zum Beispiel in deine Bibel legen kannst (denn in der liest du ja jeden Tag) oder auch als Smartphone-App, die dich zu einem selbst gewählten Zeitpunkt nicht nur ans Gebet erinnert, sondern die – wie im gedruckten Kalender auch – dir jeden Tag ein ganz konkretes Gebetsanliegen beschreibt.
Wenn wir regelmäßig für verfolgte Christen beten, tragen wir ihre Last mit und erinnern uns selbst daran, dass wir Teil einer weltweiten Gemeinde sind.
Unsere (westliche) Theologie heilen
Ich bin davon überzeugt, dass wir “im Westen” – ach, lass uns einfach mal hier in Deutschland bleiben, ok? – eine beschädigte Theologie haben.
Die wenigsten Gemeinden und Pastoren sind connected mit verfolgten Christen. Dazu muss man noch nicht mal in einem Land gewesen sein, in dem Christen massiv verfolgt werden oder mit verfolgten Christen gesprochen haben – was aber beides sicherlich mega hilfreich ist.
Vielmehr ist schon die Grundvoraussetzung, dass wir überhaupt verfolgte Christen in “den Leib Christi”, die Gemeinde, eingliedern – nein, besser gesagt: Uns bewusst machen, dass sie schon längst Teil davon sind.
Viele Gemeinden und Pastoren habe insofern eine defizitäre und beschädigte Theologie, als dass verfolgte Christen einfach nicht “auf dem Schirm” und damit auch nicht Teil des Gemeindelebens sind.
Ja, richtig gelesen. Ich bin überzeugt davon, dass unsre verfolgten Geschwister ein Teil unseres Gemeindelebens sein sollten. Das kann auf ganz unterschiedliche Weise geschehen:
- regelmäßige Gebetsabende für verfolgte Christen
- verfolgte Christen einen Platz im Gottesdienst geben (live, per Video oder als Info)
- Gebetspatenschaften
- Gemeindeglieder zu Wort kommen lassen, die aus Ländern kommen, in denen Christen verfolgt werden
- Christen zu Wort kommen lassen, die selbst Verfolgung erlebt haben
- Vertreter von Organisationen einladen, die sich für verfolgte Christen einsetzen
Sicher fällt dir noch mehr ein. Das alles aber bleiben “Events” und wird Ausdruck von Aktionismus sein, wenn wir unsere verfolgten Geschwister nicht in unsere Theologie integrieren.
Wie eingangs schon erwähnt: Wenn im 1. Korintherbrief vom Leib Christi die Rede ist, dann ist nicht nur die Ortsgemeinde gemeint, sondern der ganze, weltweite Leib Christ.
Alleine diese Perspektive einzunehmen und immer wieder wach zu halten würde vieles in Bewegung setzen.
Leider lesen wir die Bibel oft sehr individual-existenziell, oder einfacher gesagt: “Was will Gott MIR sagen, wenn ich die Bibel lese?” Es geht also um mich. Nach dem Motto: “Ich, mich, meiner, mir. Ach, Herr Jesus, segne uns vier.” So ticken wir. Leider.
“Was bringt’s mir?” ist die weniger fromme Frage, die aber unsere Gesellschaft sehr beherrscht.
Leider verlieren wir dadurch den “Blick über den Tellerrand” – klar: Wir sind ja auch so sehr mit uns selbst beschäftigt, dass wir den Blick schon gar nicht mehr vom Loch heben können und über den Tellerrand blicken. Welches Loch, fragst du? Das Loch, das entsteht, wenn man sich zu sehr um sich selbst dreht und im Erdboden verschwindet.
Will sagen: Zur einer relevanten, gesunden und biblischen Theologie gehört, dass wir verfolgte Christen nicht als “Event” betrachten, sondern sie als Teil des Leibes wahrnehmen, zu dem wir selbst auch gehören.
Darf man Leid instrumentalisieren?
Nein! Darf man nicht!
Gleichzeitig hat aber die Einbeziehung verfolgter Christen in die eigene Theologie und in das Gemeindeleben einen gewissen Nebeneffekt: Fokussierung auf das Wesentliche.
Jedes Mal, wenn mich Berichte von verfolgten Christen erreichen, denke ich mir: “Und was war jetzt eigentlich noch mal mein Problem/unser Problem/das Problem in der Gemeinde?” Das heißt: Mein Blick auf verfolgte Christen rückt so manches zurecht, das scheinbar ganz wichtig wäre im Gemeindeleben – aber spätestens dann der Prüfung nicht mehr standhält. Das Problem dabei ist nur: Wenn zu wenige in der Gemeinde / in der Leitung diesen Blick haben, dominieren die hausgemachten Probleme dann doch. Leider.
Aber lass uns das mal theologisch betrachten. Es ist doch vollkommen klar, dass wenn wir den Blick nur auf uns richten und uns nicht um die anderen Geschwister im Glauben kümmern, wir nicht in Gottes Willen unterwegs sind.
Gerade im 1. Korintherbrief thematisiert das Gott immer und immer wieder, wenn er Paulus sozusagen als “Sprachrohr” gebraucht, um den Christen in Korinth deutlich zu machen: Ihr seid EIN Leib. Dann gibt es aber die, denen die anderen egal sind und sie bei den Zusammenkünften keine Rücksicht aufeinander nehmen (1. Korinther 11) oder es gibt diejenigen, welche den anderen unnötige religiöse Gesetze aufladen wollen (1. Korinther 8).
Immer wird solch ein Verhalten zurecht scharf verurteilt.
Nicht anders verhält es sich nun damit, wenn wir das Leid verfolgter Christen in unserem Gemeindeleben und unserem persönlichen Glaubensleben ausklammern. Ich habe das selbst viel zu lange getan und kann dir versichern: Es war nicht gut!
Genauso aber nehme ich wahr, dass seit mir die verfolgten Christen ein Herzensanliegen geworden sind, hat das einen glaubensstärkenden Einfluss auf mich.
Jetzt hoffe ich, das auch in der Gemeinde noch mehr einbringen zu können – aber das wird sich zeigen, denn zum 1. September beginne ich ja erst mal die neue Stelle in der Matthäus Gemeinde (wie du hier nachlesen kannst).

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