Heftig, oder?
Um es vorwegzunehmen: Ja, das geht! Du kannst Gemeinde leiten ohne Jesus.
Was ich damit meine? Du kannst Gemeinde leiten, ohne dass das, was du tust, wirklich im Sinn von Jesus ist.
Du denkst, es wäre in Jesu Sinn – aber es ist es nicht.
Bevor sich manche zurücklehnen, will ich dir sagen, wer davon “betroffen” ist:
- Pastoren
- Älteste
- Hauptamtliche
- Personen, die Leitungsverantwortung in der Gemeinde tragen
- Pfarrer
- Diakone
- you name it
Lass es uns nicht zu kompliziert machen: Einfach die Personen, welche die Gemeinde leiten. Wie auch immer das in deiner Gemeinde / in deinem Gemeindeverband benannt wird.
Und ganz besonders sehe ich hier alle Hauptamtlichen in der Verantwortung.
Falsche Annahmen
In seinem Buch “Emotional gesund leiten” beschreibt Peter Scazzero das Szenario unter anderem durch “falsche Annahmen”. Diese klingen so (S. 170):
- Wenn wir zu Beginn der Sitzung beten, lenkt Gott unsere Gespräche und Entscheidungen.
- Natürlich ist es Gottes Wille, dass unsere Gemeinde ständig Frucht bringt (und nicht etwa mal eine Zeit braucht, in der der Baum beschnitten wird).
- Jede Initiative, die im Rahmen unserer Gemeindestrategie positive Auswirkungen hat, entspricht dem Willen Gottes.
- Es ist in jedem Fall Gottes Wille, uns nicht mit Grenzen abzufinden, wenn wir an solche stoßen.
- Es ist selbstverständlich, dass alle unsere Mitarbeiter in gemeinsamen Entscheidungsprozessen darauf achten, was dadurch in ihnen ausgelöst wird dass sie in der Bibel und ggf. durch Rat von außen danach suchen, den Willen Gottes zu erkennen.
- Zu Sitzungen erscheint jeder Teilnehmer emotional ausgeglichen und hat sich vorher im Gebet und in Gottes Nähe vorbereitet.
- Zahlenmäßiges Wachstum und wachsende Beteiligung der Gemeindemitglieder an Gemeindeaktivitäten sind ein Zeichen authentischen Wachsens in Christus.
- Solange wir in der richtigen Richtung unterwegs sind, sieht Gott über manche zweifelhafte Motive, die uns antreiben, hinweg.
Und? Hast du dich darin wiedergefunden?
Ich bin ehrlich: Nicht nur einmal!
Und nur so am Rande: “Emotional gesund leiten” ist eines der besten Leadership-Bücher, die ich kenne!
Was aber hat das alles mit “Gemeinde leiten – ohne Jesus” zu tun?
Ich gehe jetzt einfachmal davon aus, dass du Christ bist, wenn du das hier liest und dich in der Leitung deiner Gemeinde befindest. Deswegen schreibe ich auch nicht “Gemeinde leiten – und nicht Christ sein” – nein, das meine ich nicht.
Vielmehr meine ich das, was Scazzero in seinem Buch “Emotional gesund leiten” so ausdrückt:

Diese liebende Beziehung beschreibt Scazzero ausführlich, an dieser Stelle nur so viel: Ich glaube, dass auch hier eine Menge Luft nach oben ist, wenn ich “christliche Leiterschaft” mir anschaue. Denn eine solche liebende Beziehung erwächst nicht im luftleeren Raum, sondern dort, wo ich regelmäßig die Nähe zu Jesus suche im Gebet und in seinem Wort, der Bibel.
Zurück zum Thema. Wie du anhand der “falschen Annahmen” siehst, geht es bei der Frage nach “Gemeinde leiten – ohne Jesus?” nicht um die großen Entscheidungen wie Bekehrung und Wiedergeburt, sondern darum, ob Jesus ganz konkret hineinsprechen darf in das, was ich als Leiter / als Leiterin in der Gemeinde mir vornehme und umsetze.
Wie die falschen Annahmen oben zeigen, gehen wir oftmals davon aus, dass wenn die Dinge “rund laufen”, wir meinen, das sei auch so von Gott gewollt. Das Problem ist nur, dass wir oftmals die falschen Messgrößen haben.
Geht es um Äußeres oder Inneres?
Um es einfach zu machen, unterscheide ich hier in Anlehnung an Scazzero einfach in “Äußeres” und “Inneres” bzw. “äußere Faktoren” und “innere Faktoren” und nenne dir ein paar Beispiele:
äußere Faktoren:
- Anzahl der Gottesdienstbesucher
- Spendenaufkommen im Monat / Jahr
- Entwicklung der Spenden
- Anzahl an Kleingruppen in der Gemeinde
- Anzahl an Teilnehmer in einer Kleingruppe
- Zustand des Gebäudes
- Strategien, um Menschen zu erreichen
- Konzepte, um das Gemeindeleben attraktiver zu gestalten
innere Faktoren:
- Glaubenswachstum der Gemeindelieder
- Bekehrungen und Taufen (von Menschen, die sich bewusst Jesus hinwenden)
- emotionale Gesundheit der Leiterinnen und Leiter
- vertiefte Beziehungen der Menschen zu Jesus
- gute zwischenmenschliche Beziehungen
- nicht nur Teilnehmer, sondern Leiter, die in ihre Berufung finden
- gesunde Ehen und Familien bzw. gesundes Single-Leben
Nun gibt es verhängnisvoller Weise auch noch das schöne Sprichwort “Facts are your friends” (“Fakten sind deine Freunde”). An und für sich ist da auch nichts Falsches dabei. Schlimm wird es nur dort, wo wir die Entscheidungen in der Gemeindeleitung (fast) ausschließlich auf Basis dieser “äußeren Faktoren” treffen und die “inneren Faktoren” übergehen.
In meiner ehemaligen Gemeinde hatte ich für einen kurzen Moment einen Geistesblitz und hätte mich für die richtige Richtung entscheiden können – und habe es vergeigt.
Jahr für Jahr haben wir an Weihnachten keine klassischen Weihnachtsgottesdienste gefeiert, sondern ein Weihnachtstheater in der hiesigen Stadthalle aufgeführt. Das Ganze war ein Mammutprojekt, das uns schon im Frühjahr zu beschäftigen begann und sich dann bis Weihnachten durchzog.
Um die 100 Personen waren beteiligt in den unterschiedlichen Bereichen und Diensten, die es gab: Schauspiel, Videotechnik, Lichttechnik, Kamera, Catering, Service-Team, Öffentlichkeitsarbeit und und und. Schon einige Tage vor der ersten Aufführung begannen die Aufbauten in der Halle eher wir dann vor und an Weihnachten drei Aufführungen hatten. Um dir im wahrsten Sinne ein Bild davon machen zu können: So sah es 2025 aus.

Und ganz ehrlich: Es hat Jahr für Jahr mega viel Spaß gemacht – und zwar nicht nur mir, sondern auch den anderen Mitarbeitern und Beteiligten. Ein riesengroßes Projekt, das Potenzial freigesetzt hat und Menschen bewegt hat, sich einzubringen – auch die, die sonst nicht so viel mitarbeiten, weil sie vielleicht nicht die Zeit haben oder eher der “Projekt-Typ” sind. Das ist alles super! Alles richtig schön – und das war es auch wirklich!
Hinzu kommt: Über 1.000 Besucher – und ein Ziel: Menschen sollen Jesus kennenlernen und von neuem geboren werden. Also ganz klar evangelistisch. Was sollte Gott da schon dagegen haben?
Und dann kam dieser eine Moment, als wir in einer Sitzung des Ältestenkreises (= Gemeindeleitung) über diese Projekt sprachen und in mir eine Stimme sich regte: “Sollten wir vielleicht einmal mit dem Weihnachtstheater aussetzen?”
“Wie absurd” war mein nächster Gedanke.
Dennoch: In mir wuchsen Gedanken und Fragen: Lohnt sich der Aufwand? Was wäre, wenn wir in viel tiefere Events oder sogar in Beziehungen investieren würden? Jahr für Jahr wünschen wir uns, dass Menschen dadurch nicht nur zum Glauben kommen, sondern auch Teil der Gemeinde werden – aber wieso geschieht das kaum? Und ist die Aussage “Wenn nur eine Person zum Glauben kommt, hat es sich gelohnt” wirklich korrekt? (Gib’s zu: Du hast das auch schon hier und da gedacht.)
Diesen Impulsen hätte ich noch weiter nachgehen sollen und den Widerstand in Kauf nehmen müssen. Heute bin ich schlauer.
Gemeinde leiten – ohne Jesus. Das war’s. Und wie gesagt: Ich bin nicht stolz darauf, aber ich schreibe das hier so ehrlich, damit du dich ehrlich machen kannst.
Versuchungen für einen Leiter
Als Leiter (und nochmal: schau die Liste oben an, wen ich damit meine) stehen wir immer in der Gefahr, auf Versuchungen hereinzufallen.
Wieso nicht jeden Sonntag im Gottesdienst dafür sorgen, dass wir qualitativ hochwertige Gottesdienste haben, eine biblisch fundierte Verkündigung, kraftvollen Lobpreis, ein Gebetsteam vor, während und nach dem Gottesdienst, das für die Gottesdienstbesucher betet und den Gottesdienstbesuchern die Möglichkeit geben, sich für ein Leben mit Jesus zu entscheiden.
Das ist alles viel einfacher, als du denkst! Glaub mir! Denn diesen Weg bin ich mehr und mehr gegangen in der letzten Zeit in meiner ehemaligen Gemeinde (die übrigens eine wunderbare Gemeinde ist: www.wutachblick.de) und weiß, wovon ich spreche.
Und mit “einfacher” meine ich lediglich: einfacher umsetzbar für jede Gemeinde(leitung). Denn nicht jede Gemeinde hat die Möglichkeit, ein Mega-Event zu stemmen.
Nicht einfacher ist es dort, wo man auf die anderen Faktoren Sonntag für Sonntag achtet – und nicht zu unterschätzen ist der geistliche Kampf, in dem man sich befindet als Pastor/Pfarrer, vor allem dann, wenn es dein Ziel ist, mit deiner Verkündigung Menschen zum Glauben an Jesus einzuladen und sie vor die Entscheidung zu stellen.
Woche für Woche, Sonntag für Sonntag haben wir die Chance, als Gemeinde Menschen zu prägen: im Gottesdienst, in Kleingruppen und in anderen Formaten sowie in Beziehungen. Deswegen habe ich höchsten Respekt vor Kolleginnen und Kollegen, die ganz treu ihren Dienst tun, wo nach außen ganz vieles eher nach “Mini Church” als nach “Mega Church” aussieht.
Aber wer weiß schon, was im Inneren geschieht? Vielleicht gibt es mehr Bekehrungen, mehr Taufen, mehr Lebensveränderungen, mehr Heilungen, mehr intakte Beziehungen, mehr gesunde Ehen oder Single-Leben als in anderen “großen” Gemeinden.
Der Mensch sieht, was vor Augen ist. Aber Gott sieht das Herz! (1. Samuel 16,7)
Was hast du vor, Jesus?
Im Prinzip ist es genau diese Frage, die man sich immer und immer wieder stellen sollte im Leitungsteam einer Gemeinde. Und: Man sollte sich darüber verständigen, wie der Prozess abläuft, durch den man meint, das Reden Gottes zu hören, sonst kann es ganz, ganz schnell manipulativ werden.
Denn es gibt immer diejenigen, die sofort Bilder, Bibelstellen und Visionen haben und die anderen, die sich sagen: “Ist ja schön und gut. Aber ich habe nichts gesehen und nichts gehört.” Wahrscheinlich stimmt das nicht einmal, aber sie hören und sehen den Willen Gottes eben auf andere Weise.
Und all diesen unterschiedlichen Charakteren muss die gleiche Wertigkeit eingeräumt werden. Gar nicht so einfach, kann ich dir sagen – aber lohnenswert! Und auch hier lerne ich noch dazu!
Nicht, dass du denkst, dass ich das inzwischen alles geschnallt und zu 100% umgesetzt habe. Nein – das will ich mit diesem Artikel gar nicht sagen.
Und dass ich in der Vergangenheit auch nicht nur glorreich agiert hatte, habe ich dir oben – hoffentlich und leider – eindrucksvoll geschildert.
Was ich nur glaube: Peter Scazzero hat recht. Wir können Gemeinde ohne Jesus leiten – oder konkreter gesagt: Wir können Gemeinde leiten, ohne Jesus zu fragen, was sein Wille ist.
Viel zu schnell gehen wir den “falschen Annahmen” auf den Leim – vor allem, wenn es um die Frage nach “Erfolg” geht. Denn ich glaube, hier braucht es eine ganz neue Definition.
Erfolg in Gottes Augen sind keine Zahlen! Definitiv nicht. Oder sagen wir mal so: nicht nur!
Jesus hat sich sowohl dem einzelnen zugewandt als auch der Volksmenge. Aber spätestens seit wir in der Kirche uns immer mehr von “Managementprinzipien” inspirieren lassen (was ich generell absolut gut finde), stehen wir in der Gefahr, nicht mehr unterscheiden zu können, was nun gut und hilfreich für Gemeinde ist – und was nicht.
Wir tappen in die “Machbarkeitsfalle” und denken, dass wie für ein Wirtschaftsunternehmen auch für die Kirche die “äußeren Faktoren” entscheidend sind: mehr Gottesdienstbesucher, mehr Spenden, mehr Kleingruppenteilnehmer. Aber ist “mehr” immer das Richtige? Ist “mehr” immer das, was Jesus will?
Wenn du Leiter in einer Gemeinde bist, dann empfehle ich dir, das Zitat, mit dem ich diesen Artikel enden möchte, aus dem Buch “Emotional gesund leiten” zu beherzigen.


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