Ich wollte dieses Buch nicht weiterlesen, sondern war an einem Punkt, an dem ich es am liebsten zugeklappt und in die “Lese ich sowieso nicht”-Abteilung meines Bücherregals gestellt hätte.
Aber ich habe mir dann doch einen Ruck gegeben, den inneren Schweinheund überwunden, dem Buch eine zweite Chance gegeben – und bin sehr dankbar dafür, weil sich viele großartige Schätze darin finden konnte.
Um was geht’s?
Der – zugegeben ziemlich lange – Untertitel des Buches sagt schon alles: “Warum Jesus nachzufolgen nicht bedeutet, die Welt zu retten, auf alles eine Antwort zu haben, sich mit geistlichem Stillstand abzufinden oder ständig ein schlechtes Gewissen zu haben”.
Christen kennen die Zerrissenheit zwischen dem “Eigentlich sollte ich”….” und dem “Leider ist die Realität anders”. Christen wissen darum, dass sie mit ihrem Leben Jesus verherrlichen sollen, zu Gottes Ehre leben sollen, nicht selbstsüchtig sein und den Nächsten (und sogar den Feind) lieben sollen.
Christen wissen das.
Christen wollen das.
Christen lieben das.
Christen schaffen das nicht.
Und jetzt? Kopf in Sand, in der Erdspalte verschwinden oder auf eine einsame Insel fliehen?
Zugegebenermaßen ist Christen öfters danach, solchem Fluchtverhalten zu vertrauen als sich dem Dilemma zu stellen.
Und genau hier springt “Christsein schafft eh keiner” für Christen in die Bresche.
Aber vorher müssen wir noch eine Sache klären:
Warum ich das Buch (erst) nicht weiterlesen wollte
Kevin DeYoung geht ganz zu Beginn des Buches auf die Frage nach der Heilsgewissheit ein. Eine Frage, die man als Christ manchmal explizit sich stellt – aber sehr, sehr oft ist sie wie ein unsichtbarer doppelter Boden, der sich durch all die Lebensbereiche eines Christen zieht und – wenn auch nicht immer explizit, so doch zumindest implizit – Fragen sich aufdrängen wie:
Bin ich gerettet?
Gehöre ich zu Jesus?
Habe ich wirklich mein Heil in Jesus gefunden?
…wenn ich mich doch so und so verhalte, wovon ich überzeugt bin, dass es nicht nach Gottes Willen ist.
DeYoung nun meint, dass es drei Zeichen für die Heilsgewissheit gibt – und ich fasse es hier sehr vereinfacht zusammen: Das erste Zeichen ist ein theologisches und hat im Prinzip eine christologische Verankerung, weil wir an Jesus glauben und weil wir glauben wer er ist und war. Das zweite Zeichen ist ein moralisches, das heißt: Wir leben “rechtschaffen” (so zumindest die deutsche Übersetzung des Buches) und das letzte Zeichen zeigt sich darin, wie sehr wir unsere Glaubensgeschwister lieben.
Ich war beim Lesen sehr aufgebracht, weil ich diese Ansichten nicht teile. DeYoung legte dann offenbar, dass er auf diese Ausführungen, die er schon einmal online veröffentlichte, jede Menge Widerspruch erhielt und zitiert einige der Kommentare. Ich musste schmunzeln. “Also geht’s nicht nur mir so” dachte ich.
Auf den folgenden Seiten geht DeYoung auf die drei Haupteinwände ein, die gegen seine drei Zeichen (die er alle aus dem 1. Johannesbrief ableitet) angeführt werden.
Mich hat es nicht überzeugt und ich würde ihm nach wie vor an manchen Punkten widersprechen.
Das war dann der Moment, in dem ich mich entscheiden musste: Lese ich weiter oder lege ich das Buch “ad acta”? Wie oben erwähnt, habe ich weitergelesen und das war gut so.
Denn obwohl ich DeYoung in dieser Grundannahme nicht folge und es auch ein, zwei weitere Passagen im Buch gibt, die ich nicht mitgehen kann, so findet sich sehr, sehr viel Wertvolles.
Einladung zu einem fröhlichen Christsein
So würde ich nämlich den Rest des Buches (und dieser “Rest” ist bei weitem der größte Teil) bezeichnen.
DeYoung geht auf einige Lebensbereiche sowie zentrale Glaubens-Ausübungen ein, wie bspw. Umgang mit Finanzen, das Beten, das Lesen in der Bibel, die Frage nach der Generationenschuld sowie nach der persönlichen Evangelisation.
In all diesen Bereichen können wir als Christen uns schnell überfordert fühlen und Gedanken kommen uns in den Sinn, die so oder so ähnlich klingen:

“Ich lese zu wenig in der Bibel.”
“Meine Gebetszeiten sind echt mau.”
“Ich müsste mehr spenden und großzügiger leben.”
“Wann habe ich eigentlich das letzte Mal jemandem von Jesus erzählt?”
Was DeYoung meiner Meinung nach hervorragend nun schafft: Er hält den Anspruch hoch und gleichzeitig öffnet er die Augen dafür, dass wir aus der Gnade leben und fröhlich unseren Glauben leben sollen.
Die Gefahr besteht darin, dass wir bei ungenügender Selbstbewertung zu dem Schluss kommen könnten: “Christsein schafft eh keiner!” oder: “Christsein schafft mich – aber ich schaffe es nicht!”
Wie wir dem entgegentreten können und warum es sich lohnt: Genau darum geht es in diesem Buch und ich finde: Am Ende hat es seine hoch seelsorgerliche Komponente, weil DeYoung das Dilemma und die Zerrissenheit, in der sich viele Christen befinden, nicht kleinredet aber auch nicht mit der “frommen Keule” daherkommt, sondern auch sehr einfühlsame und vor allem biblische begründet einen anderen Weg aufzeigt.
Deswegen kann ich dir “Christsein schafft eh keiner” wirklich empfehlen! Vielleicht geht’s dir zu Beginn ja gar nicht so wie mir und du bist mit DeYoung vollkommen einer Meinung – bestens! Aber selbst wenn es dir so geht wie mir: Lies weiter! Es lohnt sich!
Kevin DeYoung: Christsein schafft eh keiner
Seiten: 144
Preis: 11,90
ISBN: 9783986653828
Verlag: Verbum Medien

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