Das Wunder von Errikousa

Wie vermittelt man seinen Kindern im Teenageralter, dass ein nahestehender Verwandter im gleichen Alter Opfer eines antisemitischen Attentates wurde?

Wie schafft man es, die Ereignisse auf einer kleinen griechischen Insel, die sich vor über 70 Jahren während der Nazi-Zeit auf dramatische Weise ereignet haben, zu rekonstruieren?

Und wie um alles in der Welt hängen diese Ereignisse von vor 70 Jahren mit dem antisemitischen Attentat in Kansas im April 2014 nicht nur auf theoretischer, sondern ganz praktischer Weise zusammen?

Kurz gesagt: Darum geht es in “Das Wunder von Errikousa”. Streng genommen ist das aber “nur” der Rahmen. Der Inhalt ist noch wesentlichen verrückter, atemberaubender, zu Tränen rührend und einfach unbeschreiblich.

Hinzu kommt der sagenhafte Schreibstil von Yvette Manessis Corporon. Ja, sie ist Redakteurin und Produzentin eines us-amerikanischen Nachrichtenformats namens “Extra”. Man müsste meinen, dass es ihr ja nicht schwer fällt, ein Buch zu schreiben. Ja, das mag sein. Und ja, das “Handwerk” an sich hat sie sicherlich gelernt.

Aber mit welchem Fingerspitzengefühl, Akribie und mit welchem Feingeist sie dieses Buch geschrieben hat, ist überragend. Die unzähligen dramatischen und tragischen Ereignisse könnte man reißerisch schreiben und präsentieren. Oder man macht es wie Corporon: feingeistig, sensibel, die Würde der betroffenen Personen achtend, Emotionen beim Leser weckend aber nicht auf Grund von Effekthascherei, sondern aus einem anderen Grund: Corporon will mit diesem Buch aufmerksam machen – auf die Geschichte des griechischen Judentums, auf die Schönheit und Geschichte der Inseln Korfu und Errikousa, auf die Spiritualität und den die Gesellschaft dort durchdringenden (orthodoxen) christlichen Glauben und nicht zuletzt: Corporon macht Hoffnung.

Sie macht Hoffnung, weil sie die Aussage von Marcia Haddad Ikonomopoulos (Präsidentin der “Vereinigung der Freunde griechischen Judentums”) beherzigt, die in den so überaus gründlichen Recherchen ihrer Arbeit ihr eines Tages begegnete:

Ich glaube, dass wir die nächste Generation nicht die Namen der Verbrecher – mögen sie in der Hölle schmoren – lehren sollten, sondern die Menschen hervorheben sollten, die die Zivilcourage und den Mut hatten, etwas zum Positiven zu bewirken.Das Wunder von Errikousa, S.197

“Ganz nebenbei” (aber von Corporon sicherlich vollkommen beabsichtigt) erfährt der Leser jede Menge über das Leben auf dieser scheinbar paradiesischen kleinen Insel namens “Errikousa”, über die Gräueltaten der Nazis auf dieser Insel und auf Korfu sowie über die Verwobenheit über Geschichten, die scheinbar jahrzehntelang auseinanderliegen und doch jede Menge miteinander zu tun haben.

“Das Wunder von Errikousa” ist ein Meisterstück, das uns die Bedeutung von Vergebung, Gemeinschaft, Gnade und der Kraft, die aus dem Glauben wächst, lehrt.

Wie diese Geschichten, die beide so tragisch sind und doch über 70 Jahre auseinander liegen, miteinander verwoben sind, beschreibt Corporon auf meisterhafte Weise. Die Erzählstränge gehen ineinander über, das Buch ist in verschiedene Teile gegliedert, so dass man nie den Zusammenhang oder den Überblick aus den Augen verliert. Ich bin beim Lesen eingetaucht in zwei Geschichten, die streng genommen noch viele weitere Geschichten enthalten. Ich habe viel über das Leben von Christen in abgelegenen griechischen Inseln gelernt sowie über das erstaunliche Ergebnis, das herauskommt, wenn man akribisch und – in positiver Weise – besessen und voller Hingabe die Lebensgeschichte von Juden zu rekonstruieren versucht und “Zeitzeugen” ausfindig macht, die Aufschluss darüber gibt, wer diese Familie (und ihre Nachkommen) ist, die von der eigenen Großmutter (von der Autorin) unter Lebensgefahr während des Zweiten Weltkrieges versteckt wurde.

Die Lektüre dieses Romans, dieser Biografie, dieses Geschichtsbuches, dieses….man kann es nicht klassifizieren – sie hat mich nachdenklich gemacht, sie hat mich beeindruckt, sie hat mich fasziniert.

Dabei schreibt Corporon sehr ehrlich. In dieser gesamten “Familiengeschichte” beschreibt sie Situationen, in denen dem Leser der Atem stockt. Sie beschreibt eigene Fehler. Sie malt mit wunderbaren Worten Hoffnung, wo andere nur Grau in Grau sehen. Es ist ein sehr, sehr ehrliches Buch, ja – aber zu keinem Zeitpunkt hat man als Leser das Gefühl, sich einem Seelen-Striptease ausgesetzt zu sehen; auch für Fremdschämen ist kein Platz. Der Grat ist schmal, ein so ehrliches Werk zu veröffentlichen, um sich nicht einem ungesunden Voyeurismus preiszugeben aber in meinen Augen hat Corporon das wirklich einzigartig gut gelöst.

Ich kann dieses Buch sehr empfehlen. Es regt nicht nur an, über die deutsche Geschichte nachzudenken sondern ist ein tolles Beispiel dafür, dass jeder Mensch einen Unterschied macht in diesem Leben – unabhängig davon, wo er lebt, wie er lebt und in welchem “Zeitalter” er geboren ist.

Und: Es ist nie zu spät für Hoffnung. Auch wenn Menschen diese aufgeben – Gottes Wege sind viel größer.

Das Wunder von Errikousa
368 Seiten
ISBN:  978-3-7751-5957-9
Verlag: SCM Verlag
Preis: 22,99 EUR

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