Wenn ich diese Zeilen schreibe, bin ich 40 Jahre alt. Genau so alt wie Kaleb es war, als er in das verheißene Land als Kundschafter ausgeschickt wurde. Die Zeit war reif, so meinte er, dass Israel nicht länger durch die fruchtlose Wüste streifen, sondern das Land, in dem Milch und Honig fließen, einnehmen sollte. Mit ihm war Josua. Gegen ihn waren zehn weitere Kundschafter. Das Stimmenverhältnis war eindeutig, die Pessimisten schreiten wieder mal lauter und die Menschen ließen sich eher von negativen Nachrichten beeinflussen als von positiven.

Unschuldig in der Wüste

So kam es, dass Israel 40 Jahre durch die Wüste wandern musste und einige weitere Jahre hinzukamen, ehe es das verheißene Land Kanaan einnehmen konnte. Mittendrin im Volk: Kaleb. Der Mann, der anders glaubte, anders dachte, anders vertraute als die Mehrheit des Volkes. In dem war er nun aber mittendrin und hätte sich jeden einzelnen Tag der tristen Wüstenwanderei denken können: “Ihr seid mir echt mal schöne Dummköpfe. Wegen euch und eurer Borniertheit muss ich mitlaufen, jeden Tag durch den staubigen Wüstensand stapfen. Statt Milch und Honig gibt’s Wasser und Manna. Danke auch.”

An ihm lag es ja nicht. Er wäre sofort und ohne 40jährigen Umweg ins verheißene Land einmarschiert – weil er Gott vertraute. Es kam aber doch alles anders. Israel ist ja nicht nur durch die Wüste gewandert. Das wäre schon monoton und wenig inspirierend genug. Aber dazu kommt, dass sich Israel ständig irgendwelcher Gefahren ausgesetzt sah – vor allem durch andere Völker, die Israel den Krieg erklärten. Gleichzeitig erlebte das Volk zwar immer wieder, wie Gott es rettete – aber die Israeliten sind auch nur Menschen und die meisten fokussierten sich einfach auf das Negative.

Selbst die Wunder, die vor ihren Augen geschahen, ließen sie kalt. Tagtäglich versorgte Gott sie mit himmlischer Speise. Anstatt dankbar zu sein, waren die meisten Israeliten von der Eintönigkeit des Speiseplans genervt.

Und jetzt? Ist Kaleb verbittert, lebensmüde, grantig und ein alter, schroffer Mann, mit dem niemand etwas zu tun haben will, weil seine Seele bitterer ist als Galle? Weit entfernt. In Josua 14 findet sich die Schilderung einer erstaunlichen Begebenheit, die uns den Charakter von Kaleb beschreibt.

Alt – aber nicht verbittert

Das inzwischen eingenommene Land wird unter den Stämmen aufgeteilt. Da tritt Kaleb zu Israels Anführer Josua. Er erinnert ihn an diese eine Geschichte vor inzwischen 45 Jahren. “Josua, mein alter Freund. Erinnerst du dich? Damals. Als Mose uns aussandte, dieses Land auszukundschaften. Wir wollten Gott vertrauen. Was haben wir das Volk motiviert und versucht zu überzeugen. Es ist uns nicht gelungen. Die anderen zehn waren lauter und haben sie alle verwirrt. Aber jetzt ist es soweit. Wir sind am Ziel.”

45 Jahre. Fünfundvierzig Jahre. In Worten: f ü n f u n d v i e r z i g! So lange Jahre musste Kaleb darauf warten, dass die Verheißung, das Land, auf das er seinen Fuß stellen wird, als sein eigenes Land zu nennen, in Erfüllung geht.

Die Chancen standen riesig, dass in diesen 45 Jahren Kaleb verbittert geworden wäre; dass sein Herz eine Grube voll bitterer Galle, einem Gemisch aus allen Verletzungen, Enttäuschungen, Zweifeln und Tiefen des Glaubens geworden wäre. Wurde es aber nicht. Im Gegenteil:

Nun hat mich der HERR tatsächlich am Leben erhalten, wie er es versprochen hat. 45 Jahre sind vergangen, seit der HERR dies zu Mose gesagt hat. In dieser langen Zeit sind wir Israeliten in der Wüste umhergezogen. Heute bin ich 85 Jahre alt und noch genauso stark wie damals als Kundschafter. Ich habe die gleiche Kraft und kann immer noch kämpfen und Kriegszüge unternehmen. Die Bibel, Josua 14, 10-11

Unglaublich. Josua hat es tatsächlich geschafft. Er wurde alt – aber nicht verbittert. Er hat sein Herz nicht zu einer Mördergrube werden lassen.

Kennst du alte Menschen? OK, ernsthaft: Kennst du alte Menschen, die verbittert sind? Kennst du alte Menschen, die eine Liebe, eine Gelassenheit, ein Vertrauen in Gott ausstrahlen, dass es dir fast die Schuhe auszieht?

Ich kenne beide Sorten von alten Menschen. Die ersten tun mir leid. Vor den zweiten ziehe ich meinen Hut und wünsche mir, dass ich – wenn Gott mich so lange am Leben erhält – mit 85 Jahren genauso bin: alt – aber nicht verbittert! Nicht lebensmüde, sondern lebensfroh. Nicht pessimistisch, sondern optimistisch. Nicht ängstlich, sondern voller Gottvertrauen. Nicht panisch, sondern gelassen. Nicht misstrauisch, sondenr hoffnungsvoll.

Dabei ist Bitterkeit nicht einmal eine Frage des Alters. Ich kenne Menschen, die sind noch weit, weit weg von Kalebs 85 Jahren – aber verbitterter als manch andere. Das ist traurig. Das schmerzt. Das soll nicht sein. Denn verbitterte Menschen sind wie eine bittere Speise: Ungenießbar – aber eigentlich und immer noch wunderbare und von Gott geliebte Menschen.

Kalebs Geheimnis

Wie hat der Kerl das nun aber angestellt, dass er nicht bitter wurde? Was hat er getan, dass der Frust, die Enttäuschungen, die Verletzungen und wie Galle giftiges Schlechtreden sein Wesen nicht so verändert hat, dass er verbittert wurde? Denn mal im Ernst: Wenn du 40 Jahre durch die Wüste wanderst mit Menschen, die nicht immer vorbildlich sind im Denken, Handeln, Glauben und Leben – dann ist die Gefahr sehr groß, dass dein Herz sich öffnet für allerlei Schlechtes. Aber das scheint bei Kaleb nicht der Fall gewesen zu sein.

Was also war sein Geheimnis? Man könnte sagen: “Wegen Überfüllung geschlossen!” Das war sein Geheimnis. In dem oben schon zitierten Kapitel 14 des Josua-Buches wird Kaleb drei mal charakterisiert, der “Gott treulich nachgefolgt” ist – so übersetzt es Martin Luther.

Treulich nachgefolgt. Das Wort “treulich” gehört nicht zu meinem aktiven Wortschatz, deswegen habe ich im Hebräischen nachgeschaut, was dort eigentlich steht. Wenn man es wörtlich übersetzen würde, steht da: “Randvoll mit Gott angefüllt”. Das ist Kalebs Geheimnis. Sein Herz, sein Wesen, sein Verstande, seine Sinne, er selbst war “randvoll mit Gott angefüllt”.

Mich beeindruckt das ungemein und ist genau das, was ich an “alten und nicht verbitterten Menschen” immer wieder feststelle: Die Beziehung zu Jesus ist ihnen so wichtig, dass sie keine Gelegenheit auslassen, im Glauben zu wachsen und diese Beziehung zu stärken – also: geistlich zu wachsen.

In Begegnungen mit solchen Menschen mache ich viele Entdeckungen – zwei davon sind in meinen Augen aber fast schon “konstitutionell” für ein Wesen wie Kaleb:

  1. Diese Menschen haben viele Schicksalsschläge in ihrem Leben erlebt. Es lief nicht alles rund. Im Gegenteil. Sie haben Dinge erlebt, die unglaublich schwer waren und sind.
  2. Es war nicht ihre willentliche Entscheidung, dass Frust, Ärger, Wut, Verletzungen und Enttäuschungen nicht in ihr Herz vordrangen. Es war schlicht und einfach nicht in dem Maße möglich wie bei anderen Menschen, weil: “Wegen Überfüllung geschlossen.”

Um alt und nicht verbittert zu werden, wie Kaleb auch im hohen Alter eine jugendhafte Ausstrahlung zu haben und einen tief verwurzelten Glauben zu leben, ist weniger eine Entscheidung gegen, sondern eine Entscheidung für etwas.

Die Entscheidung, mein Herz “randvoll mit Gott anzufüllen” oder wie Paulus es in Epheser 5,18 schreibt:

Lasst euch immer wieder vom Geist Gottes erfüllen!Die Bibel, Epheser 5,18

Wir brauchen mehr “Kalebs” in unseren Gemeinden! (Frauen sind hier natürlich genauso gemeint wie Männer.) Und wir sollten dankbar sein, wenn wir sie haben – und ihnen das auch sagen.

Als ich gestern im Gottesdienst über Kaleb gepredigt habe, habe ich es den ein oder anderen nach dem Gottesdienst auch gesagt: “Du bist für mich so ein Kaleb.” Die Dankbarkeit und das Strahlen in deren Augen war wunderbar.

Wenn du auch solche Kalebs kennst: Geh zu ihnen! Ehre sie! Sag ihnen, wie sehr du sie schätzt!

Danke, liebe Kalebs, dass es euch gibt!

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