Dieses Buch ist faszinierend – oder besser gesagt: sein Autor, Harald Glööckler. Zugegeben: Bisher habe ich ihn lediglich als den extravaganten Modeschöpfer wahrgenommen, wie ihn die Medien darstellen – und weniger (bis gar nicht) als den Menschen, der eine bewegte Glaubensbiografie hat und die wirklich wichtigen Fragen des Lebens stellt und Antworten sucht. “Kirche öffne dich” wirft ein ganz neues Licht auf die Figur und den Menschen Harald Glööckler. Ich entdecke einen Menschen, der sich nicht nur auf einer Metaebene Gedanken über den (christlichen) Glauben macht, sondern seine eigenen Erfahrungen mit Kirche, Christen und dem Glauben teilt. Und diese Erfahrungen haben die ganze Bandbreite von “wunderschön” über “katastrophal” bis “unglaublich” zu bieten. Glööckler ist im christlichen Glauben aufgewachsen, groß geworden, hat die Kirche von innen kennen gelernt – und leider auch ihre Schattenseiten.
“Man stellt Gott und die Kirche nicht in Frage, Kind, versündige dich nicht!”, hörte ich die Erwachsenen abwiegeln, wann immer ich etwas genauer wissen wollte. “Das ist eben so. darüber diskutiert man nicht!”, das war die Standardantwort.S. 10
Und das ist noch ein harmloses Zitat darüber, was Glööckler mit Kirche und Glauben erlebt hat – aber ich will ja nicht spoilern sondern vielmehr die Neugier wecken, das ganze Buch zu lesen. Immer wieder kam mir beim Lesen ein Gedanke: “Respekt, dass Glööckler sich noch nicht komplett von Glaube und Kirche abgewandt hat nach dem allem, was er innerhalb und durch Kirche erleben musste.” “Er hat meinen höchsten Respekt” klingt total daneben und gönnerhaft, das ist überhaupt nicht meine Intention. Eher bin ich beeindruckt davon, dass Glööckler nach wie vor mit Kirche nicht abgeschlossen hat. Auch wenn er allen Grund dazu gehabt hätte, wie man bspw. auf Grund eines Erlebnisses mit einer evangelischen Pfarrerin verstehen könnte – aber auch hier gilt: Kein Spoiler. Selber lesen! “Kirche öffne dich” ist in 18 Kapitel unterteilt, die mit einem passenden Zitat bzw. wachrüttelnden Statement beginnen und im Prinzip nichts außer Acht lassen, was einem zum Thema “Kirche” und “christlicher Glaube” in den Sinn kommt. Das Erscheinungsbild ist absolut ansprechend und lässt das Buch noch mehr zu einem Erlebnis werden.

Was sich ändern muss

So lautet der Untertitel und man bekommt schon beim Lesen der Kapitelüberschriften einen Eindruck, worum es Glööckler geht und was sich bei Kirchens seiner Meinung nach ändern muss. Stellvertretend seien nur einige der 18 Kapitel genannt:
  • Homosexualität und Kirche (Kapitel 3)
  • Der Himmel ist in uns (Kapitel 6)
  • Ist Gott eine Frau? (Kapitel 8)
  • Toleranz der Religionen (Kapitel 12)
  • Die Bibel – das Kochbuch des Lebens (Kapitel 13)
  • Der Reichtum Gottes – oder: Würde Jesus rote Schuhe von Prada tragen? (Kapitel 16)
Ungefähr in der Mitte des Buches findet sich ein Zitat, das meines Erachtens sehr gut deutlich macht, worum es Glööckler geht:
Ein im Glauben verankertes Leben hat nichts zu tun mit Moral, sondern mit Rechtschaffenheit, Ehrlichkeit, Liebe und Verständnis. Ein Christ ist per definitionem ein Nachfolger und Nachahmer von Jesus Christus. Und Jesus selbst hatte sehr viel über Nächstenliebe und gute Lebensführung zu sagen – aber auffällig wenig über Moral.S. 80
Für Glööckler ist der Glaube in der Tat nichts Moralisches sondern eher etwas, das ihn auf die Suche schickt nach den wirklich wichtigen Fragen des Lebens. Was sich mir beim Lesen seines Buches aber leider immer wieder aufdrängt ist die Vermutung, dass er im Laufe seiner Glaubensbiografie leider immer mehr Fragen und immer weniger Antworten bekommen hat. Nicht, dass Fragen an sich schlecht wären – im Gegenteil: Ein Mensch, der eines Tages aufhört zu fragen, hört auch auf zu glauben und zu leben. Aber wenn sich so gut wie keine Antworten einstellen, ist die ganze Glaubensreise auch eher ein Umherirren als ein Ans-Ziel-Kommen. Verstehe ich ihn richtig, muss sich Kirche vor allem genau dahingehend ändern, dass sie Menschen in Freiheit führt, dass sie Menschen auf ihre Suche und ihrem Fragen nach Gott begleitet – und nicht als oberste moralische Instanz auftritt.

Die Basis von Glööcklers Argumentation

Natürlich – und das ist theologisch gesehen der Haken, biografisch betrachtet aber vollkommen logisch – argumentiert Glööckler auf Grund seiner ganz persönlichen Theologie. Sein Gottesbild umschreibt er so:
Wenn Gott allmächtig und allgegenwärtig ist, wie kann er dann fern von uns sein? Und wenn er nicht fern ist, wieso sollten wir ihn suchen? Gott ist bei uns, Gott ist in uns – wir sind seine Kinder und damit selbst göttlich. Wir sind Gott! Es ist so simpel: Alles, was wir suchen, haben wir bereit in unserem Herzen.S. 155
Natürlich regt sich da in mir so mancher Widerspruch, zum Beispiel, dass die Bibel deutlich davon spricht, dass diejenigen Gottes Kinder sind, die Jesus in ihr Leben aufnehmen (Johannes 1,12) – und nicht automatisch alle Menschen, gleichwohl alle Menschen Gottes Geschöpfe sind. Was seinen persönlichen Glauben und den der postmodernen Gesellschaft betrifft, schreibt er:
Einige Gläubige, und dazu zähle ich auch mich selbst, klicken sich gerne aus verschiedenen Angeboten den perfekten Cocktail fürs Leben heraus. Und dennoch hätte ich die evangelische Kirche nie verlassen, hätte ich das Gefühl gehabt, von ihr verstanden und akzeptiert zu werden. Dieses Gefühl gab mir der Buddhismus viel eher; allerdings stört mich im Buddhismus die Verleugnung vom Gott.S. 157
Und wenn Glööckler im Folgenden dann vom “morphischen Feld” erzählt und dass er eine gewisse Hellsichtigkeit besitzt – nun ja. Da kann ich in nur zu gut verstehen, dass er sich selbst als Teil dieser “Cocktail-Klicker” versteht.

Warum mich Glööckler fasziniert und sein Buch fesselt

…ist eigentlich recht einfach zu beantworten: Glööckler erzählt authentisch von seiner Glaubensreise, seinen Fragen und Zweifeln, seinen Überzeugungen und Erwartungen im Blick auf Glaube und Kirche. Ich lese von einem Menschen, der stark ist, der kämpft, der nicht kleinbeigibt, obwohl er allen Grund dazu hätte, der Kirche den Rücken zu kehren. Ich lese von einem Menschen, dessen Glaubensüberzeugungen ich nicht in allen Dingen teile, mit dem ich aber am allerliebsten mal einen Kaffee trinken würde und ihm zeigen würde: Es geht auch anders! Kirche geht auch anders! Kirche geht auch nicht-moralisierend und den Menschen, so wie er ist, annehmend. Liebend gerne würde ich ihm sagen, wie sehr ich es bedauere, dass er Kirchen-Vertretern (im Haupt- oder Ehrenamt) begegnet ist, denen es mehr um die Institution ging als um Jesus selbst. Und ich merke, wie mich seine Zeilen, seine Gedanken, seine Erfahrungen, seine Bewertungen, seine Überzeugungen hinterfragen und das, was ich tue, auf den Prüfstand stellen.

Eine liebenswerte Vision von Kirche

Und wie gerne würde ich ihm sagen, dass ich seiner “Vision von Kirche” aus tiefstem Herzen zustimme, wenn er schreibt:
Ich frage deshalb Sie, liebe Kirchenvorsteher, Pfarrer, Gemeinderäte und Mitarbeiter: Was ist Ihr Traum, Ihre Vision für Ihre Kirche? Wie sehen Sie sie in der Zukunft? Lebendig, positiv und voller glücklicher Menschen statt grau und öde? Ist das nicht ein herrliches Bild? Träumen Sie voller Romantik, mutig, in bunten Farben und immer ein bisschen größer, als Sie es sich vorstellen können! Denn Gottes Möglichkeiten sind unerschöpflich! Und dann fangen Sie an alles zu tun, was nötig ist, um diesen Traum Wirklichkeit werden zu lassen. Denn von nichts kommt nichts, das ist auch ein Fakt des Lebens. Überlegen Sie sich neue, kreative Maßnahmen, wie Ihre Kirche wieder attraktiver werden könnte. Suchen Sie sich Verbündete. Laden Sie Künstler ein und interessante Sprecher, die frischen Wind auf Ihre Kanzel bringen. Und das können ruhig auch mal etwas kontroverse Leute und Ideen sein. Trauen Sie sich was, und haben Sie keine Angst vor Neuem, vor Veränderungen und vor Andersdenkenden! Angst immer ein schlechter RatgeberS. 157
Ja und am liebsten ende ich diese vielleicht etwas ungewöhnliche Rezension mit einer ungewöhnlichen Einladung:

Lieber Herr Glööckler, wie wäre es, wenn Sie genau solch ein Künstler und kontroverser Mensch wären, der in meiner Gemeinde (www.wutachblick.de) in einem ganz besonderen Format zu Wort kommt? Hiermit lade ich Sie ganz herzlich dazu ein! Ich würde mich freuen!

Infos:
208 Seiten 22,00 EUR ISBN: 9783863342135 adeo Verlag
Einen Einblick in das Leben von Harald Glööckler kannst du hier bekommen:

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Überblick der Rezensionen
Relevanz
Lesbarkeit
Erscheinungsbild
kirche-oeffne-dich"Kirche öffne dich" nimmt den Leser hinein in die faszinierende Glaubenswelt von Harald Glööckler sowie in seine Vision von Kirche. "Kirche öffne dich" ist mehr als ein Programm für Kirche - es ist die von Leidenschaft und Zerrissenheit aber immer von Respekt und Hoffnung geprägte Sicht einer schillernden Figur auf das, was Kirche ausmacht - oder besser: ausmachen sollte.

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