Ich wünschte, dieses Buch schon vor Jahren gelesen zu haben. Was ist das für ein unglaublicher Goldschatz und Ratgeber. Vorweg: Ich empfehle dieses Buch allen – und wirklich ausnahmslos allen -, die mit Menschen zu tun haben und immer wieder vor herausfordernden Gesprächen stehen. Dieses Buch könnte dazu beitragen, dass viele Missverständnisse und Verletzungen erst gar nicht geschehen.

Das EIGER-Modell

Ich bin kein Bergsteiger-Experte, deswegen will ich auch keine Vergleiche anstellen. Der Eiger ist nicht nur ein Berg, sondern auch Namensgeber für diesen “Kompass für schwierige Gespräche”. Dabei steht “EIGER” für die Anfangsbuchstaben von 5 Komponenten einer jeden herausfordernden Gesprächsmixtur:

Ereignis

Interpretation

Gefühle

Empathie

Reaktion

René Meier, Pfarrer und Geschäftsführer einer Kommunikations- und Beratungsfirma (www.redens-art.ch), weist immer wieder darauf hin: Diese Phasen eines Gesprächs laufen nicht streng chronologisch und linear ab. Mitunter kann es recht turbulent zugehen – und ich denke, dass das jeder weiß, der schon herausfordernde Gespräche führen musste.

Dennoch: diese fünf Phasen durchlaufen wir vor, während und nach einem schwierigen Gespräch. Und es ist gut, sich dieser Phasen bewusst zu sein und zu erkennen, wie sie miteinander in Zusammenhang stehen oder einander bedingen. Dabei gilt eine Maxime, die Meier immer wieder betont.

Deshalb heißt der wichtigste Grundsatz im Blick auf schwierige Gespräche: Die wichtigste Person sind Sie!S. 11

Die wichtigste Person

Und weil ich als Leser dieses Kompasses die wichtigste Person bin, fordert es sehr heraus. Wer meint, in diesem Buch einen Ratgeber dafür zu bekommen, wie man am besten aus schwierigen Diskussionen herauskommt und wie man es schafft, am besten seine eigene Meinung durchzubringen – der muss dieses Buch nicht lesen. Er wird darüber nämlich keine Auskunft bekommen.

Wer aber an sich selbst arbeiten möchte, schwierige Gespräche als Herausforderung und Chance und nicht als Damokles-Schwert oder Katastrophenszenario zu sehen, der wird hier fündig. Genauso wird der fündig, der ganz praktisches Handwerkzeug benötigt, wie er durch schwierige Gespräche hindurch navigieren kann. Und: fündig wird jeder, der auch eine gute, saubere, knackige theologische Begründung sucht und ein paar überraschende Erkenntnisse gewinnen möchte, inwiefern schon in der Bibel schwierige und herausfordernde Gespräche an der Tagesordnung waren und wie die Menschen damit umgingen.

Und nicht zuletzt wird jeder fündig, der im Gegenüber – mag er noch so konträrere Ansichten haben und “schräg” rüberkommen – einen liebevollen, liebenswerten und von Gott wunderbar gemachten Menschen sieht, der das Recht auf ein faires Gespräch hat.

Das bedeutet nun aber eben nicht, dass ich nur an mir arbeiten muss und dass ich das Problem bin, aber dass eine gesunde Selbstwahrnehmung und manchmal auch eine angebrachte Selbstdistanz dazu führen können, schwierige Gespräche gut zu meistern.

Praktische Tipps und Handwerkzeug

Meier liefert in diesem Buch aber nicht nur Theorie, sondern auch wirklich handfestes Handwerkzeug für die Praxis. Meist in Form von Fragen, aber auch in Form von jeder Menge Fallbeispielen, in denen ich mich teilweise sofort wiederfinden konnte, ohne sie exakt so erlebt haben zu müssen.

Natürlich gibt es nicht den 1:1-Leitfaden für schwierige Gespräche, weil schwierige Gespräche ja genau deswegen so schwierig sind, weil sie sich nicht nach “Schema F” verhalten. Meier schafft es aber wirklich hervorragend, so praxisnah und fokussiert Formulierungen von Fragen anzubieten, die sich schon beim Lesen und Reflektieren als wunderbares Handwerkzeug entpuppen.

Darüber hinaus skizziert Meier sehr kurz, prägnant aber eben genau auf das Wesentliche reduziert Kommunikations-Theorien, über die es schon viele andere Bücher gibt, die in “Kompass für schwierige Gespräche” aber auf die Essenz reduziert werden – und dadurch eine großartige Hilfestellung sind.

Im Blick auf die erste Phase, das “Ereignis” und die Frage, wie man zu gemeinsamen Lösungen kommen kann, skizziert Meier das “Havard-Konzept” (wikipedia.org/wiki/Harvard-Konzept) von Roger Fisher.

Vielen sicherlich bekannt, aber dennoch hilfreich und mit schöner Grafik aufgenommen ist das “4-Ohren-Modell” von Friedemann Schulz von Thun (www.schulz-von-thun.de/die-modelle/das-kommunikationsquadrat). Zuletzt – für mich auch nicht neu, aber in diesem Zusammenhang sehr inspirierend – beschreibt Meier das Konzept der “gewaltfreien Kommunikation” nach Marshall B. Rosenberg (wikipedia.org/wiki/Gewaltfreie_Kommunikation).

Fazit

“Kompass für schwierige Gespräche” ist genau das, was der Titel sagt: Ein Kompass. Ich muss ihn schon verwenden und dann gibt er mir die Richtung vor – gehen muss ich aber selbst. Durch dieses Buch bekommt der Leser aber so viele wertvolle Handreichung, dass das nächste schwierige Gespräch schon nicht mehr so schwierig sein sollte.

Voraussetzung sind für mich zwei Dinge:

  1. Die Bereitschaft, an sich selbst zu arbeiten.
  2. Eine wertschätzende Haltung meinem Gesprächspartner gegenüber.

René Meier schreibt sehr verständlich, ohne trivial zu wirken. Die vielen Fallbeispiele, die klare und verständliche Sprache und die hohe Praxisrelevanz machen das Buch zu einem unverzichtbaren Begleiter für jede Führungsperson, jede Pfarrerin und jeden Pfarrer, jeden Leiter, jede Leiterin – kurz: Für jeden, der immer wieder vor schwierigen Gesprächen steht.

Infos:
224 Seiten
15,99 EUR
ISBN: 978-3-7751-5840-4
SCM Hänssler

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