Luther. Der Mann, der Gott neu entdeckte

Stell dir vor, es ist ausgerechnet die wasweißichwievielte Biographie über eine Person der Weltgeschichte, die so richtig, richtig gut ist: Mitreißend, spannend, informativ, tiefgehend, sachlich, herausfordernd, interpretierend und kritisch zugleich. Here we go. “Luther. Der Mann, der Gott neu entdeckte” ist genau solch eine Biografie.

….noch eine Luther-Biografie?

Ehrlich gesagt war das mein erster Gedanke, als ich schon vor längerer Zeit davon las, dass Eric Metaxas dieses Mammut-Werk vorhat. Ist nicht schon genug über Luther geschrieben worden?

Ehrlich gesagt wird im Theologiestudium (das ich in Heidelberg absolvierte) so viel über Luther gelehrt, seine Ideen, Gedanken und Aussagen sind omnipräsent, so dass es schon manchmal den Eindruck erweckt, dass auch die evangelische Kirche zwei Heilige hat: Dietrich Bonhoeffer und Martin Luther.

Was also ist das Besondere an diesem Buch? Wodurch zeichnet es sich aus? Mir liegt nichts daran, diese Biografie mit “Biografie XY” zu vergleichen. Das wäre ein zum Misserfolg verdammtes Unterfangen. Wo anfangen, wo aufhören?

Vielmehr möchte ich mit dieser Rezension die Besonderheiten und Stärken dieser Biografie hervorheben. Denn davon gibt es eine Menge.

Ein Nicht-Theologe schreibt über Luther

Das muss einfach gut werden. Metaxas ist von Hause aus kein Theologe. Er ist Autor, Radiomoderator und studierte an der Universität von Yale. Unter anderem hat er schon Biografien über Dietrich Bonhoeffer und William Wilberfoce veröffentlicht, die weltweit große Aufmerksamkeit erlangten. Väterlicherseits ist Metaxas Grieche, mütterlicherseits hat er deutsche Vorfahren, was ihn sicherlich dazu bewogen, über Dietrich Bonhoeffer und jetzt eben auch über Martin Luther zu schreiben.

Metaxas ist ein brillanter Denker, was sich auf verschiedene Weise auch in der vorliegenden Luther-Biografie immer wieder zeigt. Diese liest sich wie eine Mischung aus spannendem Thriller und sachlicher Biografie. Metaxas streut jede Menge Originalzitate ein, die er aber in eine fortlaufende Erzählung über Martin Luther einbaut. Kurz gesagt: Es ist keine streng geisteswissenschaftliche Abhandlung, wie man es von einem Theologie-Professor erwarten würde, wenn er über Luther schreibt, sondern eben das Ergebnis eines redlich recherchierenden und wahrlich brillant formulierenden Autors.

Hilfreich sind immer wieder Notizen über Luthers Alter – auch in den Zwischenüberschriften. Diese machen es leichter, nachzuvollziehen, in welchem Tempo sich die Reformation und Luthers Denken entwickelte und in welchem Alter Luther bei den jeweils wichtigen Stationen seines Lebens und der Reformationsgeschichte war – super hilfreich vor allem auch dann, wenn man sich nicht berufsbedingt schon sehr oft und lange mit Luthers Biografie beschäftigt hat.

Schaut man in das Literaturverzeichnis, das diesem Buch zugrunde liegt, so findet man einige renommierte Werke, aus denen Metaxas seine Informationen zieht und Aussagen Luthers zitiert. Aber nochmals, um das zu betonen: “Luther. Der Mann, der Gott neu entdeckte” ist keine weitere (langweilige und langatmige) Lutherbiografie, die zäh zu lesen ist. Sie steckt voller Überraschungen und Interpretationen des Autors, die zuweilen lustig bis erhellend sind und sehr starke Bilder vor Augen malen – beispielsweise als Luther nach und nach erkennt, wie es im Inneren der Kirche seiner Zeit aussah:

Luthers Vulkan war noch nicht am Ausbrechen, aber untätig war er auch nicht mehr. Allmählich begannen sich die Puzzleteile zusammenzufügen, und eines von ihnen bestand in Luthers wachsender Erkenntnis, dass er es mit einer Kirche zu tun hatte, der es nicht mehr um die Wahrheit ging und die gute, ehrliche Fragen mit einem ungeduldigen “Sei still und füge dich, sonst setzt es was” beantwortete. Luther spürte instinktiv, dass dies nicht in Ordnung war und dem Wesen des biblischen Gottes zuwiderlief.Luther, S.132

Ebenso räumt Metaxas mit manchen Legenden auf, die sich stur um Luthers Wirken seit Jahrzehnten halten. So zum Beispiel über den Reichstag in Worms 1521, der so maßgeblich für Luthers Wirken und die Reformationsgeschichte war. “Hier stehe ich und kann nicht anders” soll Luther am Ende seiner “Verteidigung” gesagt haben – pathetisch klingen diese Worte im Ohr all derer, die sie schon in diversen Luther-Verfilmungen sahen. Nur: So ganz korrekt sind sie nicht, wie Metaxas schreibt – allerdings, und das finde ich beachtenswert bei allen “Korrekturen”, die Metaxas vornimmt: Ihm geht es nicht darum, als Besserwisser daherzukommen, sondern um eine eine historisch redliche Arbeit, durch die er auch erklärt, wie manche Legenden zustande kamen:

Der Schluss dieser Antwort lautet in einer erweiterten Version so “Hier stehe ich, ich kann nicht anders. Gott helfe mir. Amen.” Diese Worte hat Luther wohl nicht gesagt. Das Originalprotokoll von Luthers Verhör vor dem Reichstag erwähnt diese Worte nicht. Nach dem Bericht des anwesenden Konrad Peutingers lautete der letzte Satz Luthers: “Got kum mir zu hilf.” Die berühmten Worte “Hier stehe ich nun…” finden sich erstmals auf einem Holzschnitt aus dem Jahre 1557. Doch sind sie im Laufe der letzten 500 Jahre millionenfach zitiert worden. Selbst wenn Luther sie nicht gesagt haben sollte, sind sie doch eine perfekte Beschreibung einer Position, die sich auf das Gewissen gegenüber Herrschenden beruft, was sicher der Grund dafür ist, dass sie im kollektiven Gedächtnis haften geblieben sind.Luther, S.286

Luther und die Entwicklung seines geistlichen Lebens

…stehen unausgesprochen im Mittelpunkt dieses Werkes. Natürlich ist jedem Leser, der sich schon vor der Lektüre dieses Buches mit Martin Luther beschäftigte, klar, dass der große Reformator zeitlebens eine geistliche Entwicklung durchlebte.

Seine großen geistlichen Erkenntnisse, der großartige Verdienst, dass die Menschen endlich (wieder) glauben konnten, was in der Bibel steht, weil es ihnen jemand sagte, das Geschenk des Glaubens und das Gerechtsein vor Gott allein aus Gnade, waren allesamt geistliche Errungenschaften, die Luther selbst durchlebte und nicht schon in die Wiege gelegt bekam.

Angetrieben von Zweifeln, die ihn immer wieder heimsuchten, war es der junge Mönch Martin Luther, der ständig beichten “musste” – es lag wie ein Zwang auf ihm. Dass ihn Gewissensbisse richtiggehend zermarterten, beschreibt Metaxas wie folgt:

Luther war nahezu besessen vom Beichten. Dies ging schließlich so weit, dass seinem Beichtvater – niemand anderes als der Ordensgeneral Staupitz selbst – seine übertriebene Skrupelhaftigkeit schwer auf die Nerven ging. Einmal beichtete Luther geschlagene sechs Stunden lang. Jeden Winkel seiner Seele durchsuchte er nach Sünden und danach jeden Winkel in dem Winkel, bis Staupitz fast nicht mehr geradeaus sehen konnte. Wann wäre der Kerl endlich fertig?Luther, S.76

Wie anders klingt es doch, was Luther dann 1517 erlebte und wie er es 1545, ein Jahr vor seinem Tod, beschrieb:

Da erbarmte sich Gott meiner. Tag und Nacht war ich in tiefe Gedanken versunken, bis ich endlich den Zusammenhang der Worte beachtete: “Die Gerechtigkeit Gottes wird in ihm (dem Evangelium) offenbart, wie geschrieben steht: Der Gerechte lebt aus dem Glauben.” Da fing ich an die Gerechtigkeit Gottes als eine solche zu verstehen, durch welche der Gerechte als durch Gottes Gabe lebt, nämlich aus dem Glauben. […] Mit so großem Hass, wie ich zuvor das Wort “Gerechtigkeit Gottes” gehasst hatte, mit so großer Liebe hielt ich jetzt dies Wort als das allerliebste hoch. So ist mir die Stelle des Paulus in der Tat die Pforte des Paradieses gewesen.Luther, S.135 (zitiert nach Kurt Aland: Die 95 Thesen Martin Luthers und die Anfänge der Reformation, Gütersloh 1983, Bd 2, S.20

Metaxas schafft es auf ausgezeichnete Weise, vor allem im ersten Drittel des Buches diese “geistliche Reise” Luthers zu verdeutlichen und bei allen biografischen Angaben und Beschreibungen immer wieder in den Mittelpunkt des Erzählten zu rücken. Für den weiteren Verlauf des Buches bildet das eine unabdingbare Grundlage um besser verstehen zu können, was Luther bewegte.

Aber es bleibt nicht bei einer Grundlage oder Fundament. Man merkt beim Lesen sehr, dass der Untertitel des Buches Programm sein soll: “Der Mann, der Gott neu entdeckte”. Das zieht sich wie ein roter Faden durch, dass Luthers Bemühungen und selbst die kritischen Darstellungen Metaxas diesem höheren Ziel und Anliegen dienen.

Nachdem Metaxas im Großen und Ganzen biografisch das Leben, das Wirken und die Wirren rund um Martin Luther darstellte, widmet er einen letzten Teil des Buches einigen Themen und theologischen Topoi, die ihm an Luthers Wirken wichtig erscheinen.

Martin Luther hat mit seinem Leben und Wirken die Welt verändert wie kaum ein anderer. Fast jeder Aspekt des Lebens in den heutigen westlichen Ländern hat irgendwo mit Luther zu tun, und inzwischen sind diese Werte dabei, auch die nicht westliche Welt zu erobern. […] Luther selbst hätte sich sicher kaum vorstellen oder erträumen können, was aus seinen Gedanken werden würde, da er noch in vielerlei Hinsicht im Mittelalter steckte. Die Welt nach Luther ist eine Welt des bunten Pluralismus geworden, eine Welt des Dissens, der Religionskriege, aber auch der Religionsfreiheit und Gleichheit. Schließlich aber auch eine Welt der Demokratie, der Autonomie und Freiheit und noch vieler anderer Dinge, die noch unsere heutige Welt bestimmen, während die Geschichte weitertanzt zu zu ihrem unbekannten Ziel.Luther, S.568

Diese Themen sind nichts weniger als die Frage nach dem freien Willen, Liebe und Ehe, die Sakramente (Taufe und Abendmahl), Wahrheit und Gewissen, Pluralismus und vieles mehr.

Große Persönlichkeiten an der Seite des Reformators.

Wie nebenbei erfährt der Leser dieses Buches jede Menge über die großen Persönlichkeiten, die im Leben und Wirken Martin Luthers eine Rolle spielten: Kurfürst Friedrich der Weise, Georg Burkhardt alias Spalatin, Philipp Melanchthon, Andreas Bodenstein alias Karlstadt, Luthers Beichtvater Johann von Staupitz, Kaiser Karl V., Justus Jonas, Luthers Eltern und Familie, Luthers Ehefrau Katharina von Bora sowie viele, viele weitere Männer und Frauen, die in der damaligen Zeit eine wichtige Rolle spielten.

Alleine der “Blick hinter die Kulissen” der damaligen katholischen Kirche um Papst Leo X. gewährt tiefe Eindrücke, wie es damals in der Kirche zuging und wieso der Ablasshandel so stark aufkam und eine so wichtige Rolle in der katholischen Kirche spielte (und bis heute spielt). Natürlich darf hier der Name Johann Tetzel auch nicht fehlen. Ein Dominikaner, der den Ablasshandel wohl auf die perfideste Art und Weise vorantrieb.

Interessant natürlich auch im Laufe der biografischen Darstellung ist nicht nur Luthers Leben als Ehemann und Vater, der einige Schicksalsschläge hinzunehmen hatte, sondern auch die Auseinandersetzung mit Thomas Müntzer und Karlstadt – zwei Reformatoren, die “noch eine Schippe drauflegten” – aber nicht immer (oder nur selten) wirklich weise agierten.

Abgerundet wird dieses wunderbare Buch durch ein ausführliches Literaturverzeichnis, ein Stichwortregister sowie sehr viel Bildmaterial.

Ich empfehle dieses Buch allen, die sich schlau machen möchten, wie es damals zur Zeit Martin Luthers gesellschaftlich und kirchlich zuging, die nicht nur bei 95 Thesen und dem “stinkenden Madensack” (wie Luther sich selbst einmal bezeichnete) stehenbleiben möchten, sondern die tiefen Zusammenhänge und Dynamiken der Reformation verstehen wollen ohne dafür ein Theologiestudium absolvieren zu müssen.

Eric Metaxas: Luther. Der Mann, der Gott neu entdeckte
640 Seiten
ISBN: 978-3-7751-5825-1
Verlag: SCM Verlag
Preis: 29,99 EUR

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Überblick der Rezensionen
Lesbarkeit
Erscheinungsbild
Relevanz
Ehemann // Familienvater // Pfarrer // Autor // Visionär // Whisky // Grillen // Apple // KSC //

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