Dieses Buch liest sich phasenweise wie ein Krimi. Es beschreibt die Entstehungsgeschichte des biblischen Textes, wie wir ihn heute vorliegen haben. Weil die Bibel nicht einfach vom Himmel gefallen ist, sondern von vielen menschlichen Autoren verfasst wurde, gab (und gibt) es einen langen, langen Weg der Überlieferung. Auf welchen hebräischen oder griechischen Grundtext geht eigentlich die Lutherbibel, die “Hoffnung für alle” oder die “Neue Genfer Übersetzung” zurück? Gibt es diesen einen “Grundtext” überhaupt?

Unglaublich, welche Geschichte(n) hinter dem Text des Buches aller Bücher steht. Der norwegische Theologe und Schriftsteller Hans Johan Sagrusten schafft es, dieses vermeintlich trockene Thema wirklich sehr, sehr lebendig zu schildern.

Ihm gelingt es, sachlich-wissenschaftlich klingende Dinge wie “Codex Alexandrinus”, “Masoreten” oder “Majuskel 0220” mit Leben zu füllen.

Wie die Bibel überliefert wurde

Ohne eine lange Geschichte der Textkritik und Überlieferungsgeschichte hier vornehmen zu können, will ich dennoch kurz skizzieren, weshalb “Pergamente und Papyri” in meinen Augen auch für theologische Laien äußerst wichtig und relevant sein kann.

Die Bibel, wie wir sie heute lesen, ist nicht als gesamtes Werk entstanden, das von einem menschlichen Autor verfasst wurde, unzählige Male kopiert wurde und seitdem das meistverkaufte Buch der Erde ist.

Der hebräische, griechische (und lateinische) Grundtext, auf dem die Bibelübersetzungen unserer Zeit beruhen, ist wiederum ein Text, der zusammengesetzt ist aus vielen, vielen einzelnen “Pergamenten und Papyri”. Das heißt: Ein großer Text (der biblische Text) entstand aus vielen, vielen kleinen Texten, die über die Jahrhunderte und Jahrtausende geschrieben wurden, verloren gegangen sind, wiedergefunden wurden, teilweise zerstört sind und schließlich wie ein großes Puzzleteil zusammengesetzt wurden. Ja, man könnte sagen, dass die Bibel wie ein großes Puzzle ist, das aus vielen kleinen Teilen besteht. Und nur nebenbei bemerkt: Umso faszinierender ist es, dass sich durch die Bibel ein heilsgeschichtlicher roter Faden zieht, der die Überlieferung nicht nur überlebt, sondern auch bestimmt hat.

Nun kann man sich vorstellen, dass dieses “Suchen und Zusammensetzen” der einzelnen Puzzleteile (Pergamente und Papyri) eine in höchstem Maß akribische, spannende, atemberaubende und verantwortungsvolle Arbeit ist, die sich über Jahrhunderte erstreckte. Und genau diese Arbeit skizziert Sagrusten in seinem Buch “Pergamente und Papyri”.

Von verschollenen Pergamenten und raffinierten Mönchen

Ich will hier nicht spoilern, deswegen führe ich die Überschrift nicht weiter aus – aber vielleicht macht sie Lust auf mehr von dem, was Sagrusten wirklich beherrscht: Geschichten erzählen. Wie oben erwähnt, liest sich dieses Buch phasenweise wie ein Kriminalroman. Sagrusten beschreibt eben nicht nur trocken die wissenschaftliche Materie, sondern nimmt den Leser mit hinein in die Überlieferungsgeschichte, in die Zeit der Antike und des Mittelalters und mitten hinein in die Orte, die wichtig sind für die Überlieferung der Bibel.

Mal befinden wir uns in einem Kloster, in dem es irgendwie nicht mit rechten Dingen zugeht oder aber der Wissenschaftler, der sich in diesem Klostern befand, nicht ganz die Wahrheit sagt.

Dann wieder macht der Leser einen Ausflug an den See Genezareth, wo es um die Entsethungsgeschichte der “Krone von Aleppo” geht oder aber wir befinden uns in den Höhlen von Qumran.

Diese Anekdoten, Geschichten und Hintergrundereignisse machen dieses Buch so unglaublich lesenswert und spannend.

Eine inspirierende Tiefe und Weite

“Pergamente und Papyri” ist aber kein reiner Roman, sondern liefert sehr viel Faktenwissen über die Entstehung der Bibel als dem “Buch der Bücher”.

Dieses Wissen vermittelt Sagrusten aus seinem reichen Fundus an eigener Überzeugung und Kompetenz. Gleichzeitig aber lässt er unzählig viele Textwissenschaftler und Theologen zu Wort kommen, welche dem Buch eine inspirierende Tiefe und Weite geben.

Darüber hinaus widmet sich Sagrusten im letzten Teil seines Buches einigen “Fragwürdigkeiten” rund um die Überlieferungsgeschichte der Bibel. Er untersucht die wichtigsten Unterschiede der einzelnen Manuskripte nachdem er zunächst deren Tragweite und Bedeutung beschreibt.

Und nicht zuletzt geht er auf einige äußerst “brenzlige Fälle” der Überlieferungsgeschichte ein:

Was ist mit dem Ende des Markusevangelium passiert? Denn die letzten Verse (ab Vers 9 im 16. Kapitel) dieses Evangeliums finden sich in vielen alten Handschriften (Pergamente und Papyri) nicht. Ist es also erfunden worden oder über die Jahrzehnte und Jahrhunderte lediglich verschollen und erst später wider aufgetaucht?

Wie verhält es sich mit der Johannes 8,1-11, wo von der Begegnung einer Ehebrecherin mit Jesus geschrieben wird? (“Wer ohne Sünde ist, werfe den ersten Stein.”) Auch diese Geschichte findet sich in alten Überlieferungen nicht – schon gar nicht an dieser Stelle im Johannesevangelium, sondern teilweise sogar in anderen biblischen Büchern.

Sagrusten schreibt voller Leidenschaft über die Überlieferungsgeschichte des biblischen Textes. Gerade die Mischung aus Wissensvermittlung, spannender Schilderung und dem Klären brenzlige Fragen macht dieses Buch so lesenswert und lohnenswert.

Infos:
200 Seiten
20,00 EUR
ISBN: 978-3-417-26861-4
SCM Verlag

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Überblick der Rezensionen
Erscheinungsbild
Lesbarkeit
Ehemann // Familienvater // Pfarrer // Autor // Querdenker // Visionär // Whisky // Grillen // Apple // KSC //

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