Hätte ich dieses Buch doch nur früher in die Hand genommen…

… nein, dann wäre nicht alles besser geworden in meiner Erziehung, aber ich hätte mich wesentlich früher über die Inhalte dieses Buches freuen können. Der Schatz, der sich in “Zwischen Furcht und Freiheit” verbirgt, ist unbeschreiblich groß.

Mehr als eine Studie zu Erziehung

Dieses Buch ist eine gute Mischung aus Studie, Wissensvermittlung, Ratgebern und Typbeschreibungen. Tobias Faix und Tobias Künkler ist mit “Zwischen Furcht und Freiheit” ein Meisterwerk gelungen. Weshalb? Der Untertitel sagt schon alles: “Das Dilemma der christlichen Erziehung”.

“Zwischen Furcht und Freiheit” ist nicht der x-te ideologisch geprägte Erziehungsratgeber, sondern viel mehr. Zwei Jahre lang haben Faix und Künkler Daten gesammelt und legen allen Eltern mit diesem Buch nicht nur das Ergebnis der Studie vor, sondern geben sehr viel “Handwerkszeug” an die Hand – und zwar in unterschiedlicher Form: Sei es durch wissenschaftliche (bspw. aus der Soziologie und Psychologie) Erkenntnisse oder aber auch durch die Rollenbeschreibungen von Vätern und Müttern am Ende eines jeden Kapitels.

Themen und Fragen, die wirklich relevant sind

Zugegeben: vor allem für Eltern, die ihre Kinder – in welcher Form auch immer – im christlichen Glauben erziehen möchten. Und genau daher rührt auch der Titel der Studie.

Auf der einen Seite hat sich manche Enge geweitet und es sind in der Glaubenserziehung im Vergleich zu vor ein paar Jahrzehnten neue Freiräume und Freiheiten entstanden. Dies zeigt sich an einem sehr positiven Familienklima, einem liebevollen Gottesbild und dem Bewusstsein, dass man den Glauben der Kinder nicht erzwingen kann.

Auf der anderen Seite gibt es alte und neue Ängste: die beständige Furcht, dass das Kind nicht gläubig wird, die Angst, dass es sich für einen anderen Glauben als den der Eltern entscheidet, oder auch die Befürchtung, dass das eigene Kind sich eines Tages als homosexuell outen könnte.Zwischen Furcht und Freiheit, S.13

Dieses Zitat lässt nur einige Themen- und Fragefelder anklingen, um die es in dieser Studie geht. Darüber hinaus geht es aber bspw. auch um die eigene erlebte und die nun praktizierte Erziehung und wie beide miteinander in einem Verhältnis (oder eher: Spannung?) stehen. Es geht um die Frage nach der Relevanz von Gemeindezugehörigkeit und Gottesdienstbesuch, um die Wichtigkeit von “Kinder- und Jugendarbeit” in einer Gemeinde aber auch darum, welche Gottesbilder einerseits selbst gelebt werden und weitergegeben werden. Nicht zuletzt werden natürlich auch viele ethische Fragestellungen beleuchtet, die höchst interessante Ergebnisse ans Tageslicht bringen.

Die ersten neun Kapitel sind recht ähnlich aufgebaut: Sie enthalten die Ergebnisse der Studie, welche durch grafisch ansprechende Schaubilder sehr schnell zu verstehen sind. Zudem gibt es zum Thema passend weitere Informationen seitens der Autoren sowie am Ende eines jeden Kapitels das Protrait eines Mutters oder eines Vaters – voll und mitten aus dem Leben gegriffen.

Viele kleine und große Nuggets

Dieses Buch enthält viele große und kleine Nuggets. Angefangen bei den Portraits der Väter und Mütter am Ende der jeweiligen Kapitel. In manchen Aussagen oder Beschreibungen findet man sich selbst wieder – oder eben “auf keinen Fall”. Darüber hinaus gibt’s sogar die ein oder andere praktische Anregung, die Erziehung der eigenen Kinder noch “besser” oder abwechslungsreicher zu gestalten.

Auf Seite 21 wird in Kürze untersucht, wie oft in welcher Bibelübersetzung das Wort “Familie” vorkommt. Um es kurz und knapp zu sagen: Je moderner und jünger die Übersetzung, desto öfters kommt das Wort “Familie” vor. Der Grund? Es werden andere Wörter, die eigentlich gar nicht “Familie” im heutigen Sinne meinen, mit dem Begriff “Familie” übersetzt. Könnte darin vielleicht schon ein “Dilemma-Faktor” liegen, dass wir unser modernes Familienverständnis in biblische Texte hinein interpretieren? Wobei: Was heißt schon “modernes Familienverständnis”? Gibt es das eine Verständnis von Familie? Und gibt es das unter Christen? Und wenn ja – unter den evangelischen, katholischen oder freikirchlichen? Genau diesem Geflecht aus unterschiedlichen Gedanken und Meinungen geht “Zwischen Furcht und Freiheit” auf eindrückliche und inspirierende Weise auf den Grund.

Aber nicht nur in Sachen “Familie” gibt es unterschiedliche Verständnisse. Wie sieht es denn mit den Erziehungsstilen aus, wenn wir bspw. nur einmal den “einweisenden” und den “hinweisenden” Erziehungstil nehmen?

Eltern, die ihre Kinder einweisend zum Glauben erziehen, stellen sie also gewissermaßen vor eine alternativlose Entscheidung. Sie tun alles dafür, ihr Kind zum Glauben zu führen. Mit welchen Mitteln – ob eher durch äußeren Zwang und strenges Reglement oder durch den geräuschlosen Druck angedrohten Liebesentzugs – ist dabei zunächst einerlei.

Im Gegensatz dazu setzt eine hinweisende Erziehung auf eine zwar prägende, aber freiheitlichere Glaubensvermittlung. Dem Kind soll das Bewusstsein vermittelt werden, dass es unterschiedliche Frömmigkeitsstile, Traditionen und auch andere weltanschauliche Perspektiven gibt. Diese soll es kennenlernen und dazu erzogen werden, einmal mündig seine eigene Entscheidung aus diesen Alternativen zu treffen.Zwischen Furcht und Freiheit, S.74f

So inspirierend und erhellend ich diese beiden Stile im Blick auf die Glaubenserziehung finde, so sehr glaube ich aber auch, dass hier eine (unbewusste) Gefahr des Schwarz-Weiß-Dankens gegeben ist: Eine einweisende Glaubenserziehung führt in die Enge, während eine hinweisende Glaubenserziehung in die Weite führt. Verbindet man diesen Gedanken mit dem knappen “Selbst-Test”, den man online durchführen kann, bestätigt sich leider meine Vermutung, dass hier unnötigerweise ein Graben aufgemacht wird, den es faktisch nicht unbedingt geben muss.

Ein ganz besonderes Nugget für mich als Pfarrer ist natürlich die Frage nach der Wichtigkeit und Wertigkeit von Gemeindezugehörigkeit und Gottesdienstbesuch oder aber auch die Darstellung der hinweisenden Erziehung nach Denomination sowie die Darstellung eines strafend-kontrollierenden Gottesbildes nach Denomination sind teilweise überraschend, aber irgendwie auch positiv wie negativ überraschend, schwarz auf weiß gedruckt die Ergebnisse zu sehen.

87 Prozent der Eltern sagen, dass es ihnen wichtig ist, dass ihr Kind regelmäßig an einem Gottesdienst teilnimmt.Zwischen Furcht und Freiheit, S.135

Ein wertvoller und zukunftsweisender Beitrag

Von Herzen empfehle ich dieses Buch allen, die in irgendeiner Weise dieses “Dilemma der christlichen Erziehung” verspüren: allen Eltern, denen der christliche Glaube und dessen Vermittlung an ihre Kinder wichtig ist – aber auch allen in christlichen Werken und Gemeinden haupt- und nebenberuflich Tätigen, deren Arbeit in irgendeiner Weise mit “Kinder- und Jugendarbeit” beschrieben werden kann.

Denn: das zehnte und letzte Kapitel von “Zwischen Furcht und Freiheit” beinhaltet zwar keine 95 Thesen, aber zehn sehr, sehr gute und wichtige Statements zum Thema unter der Überschrift “Konsequenzen für Christen und Gemeinden”.

Infos:
248 Seiten
19,95 EUR
ISBN: 978-3-417-26813-3
SCM R. Brockhaus
Selbsttest: Welcher Erziehungstyp bin ich?

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