Gemeinde – sie ist voller Kraft und Schönheit, voller Dynamik und Leidenschaft.

Und doch gibt es 5 ganz einfache Haltungen, wie du als Leiter sie mit ziemlicher Sicherheit an die Wand fährst. Verzeihe den Sprachgebrauch.

Vielleicht denkst du auch: “Wieso schreibt er nicht über 5 Haltungen, wie ich meine Gemeinde effektiv leite?” Nun, das könnte ich – aber uns Deutschen ist es eigen, dass wir nichts von Patentrezepten halten. Wir werden skeptisch, wenn jemand meint, Lösungen für bestimmte Dinge gefunden zu haben – ganz besonders im Bereich Gemeinde. Da gibt man sich lieber mit weniger zufrieden.

Aber 5 Dinge mal anzuschauen, die, wenn sie richtig schlecht laufen, die Gemeinde ruinieren können – das schaffen wir noch.

Aber Vorsicht: Ich meine es Ernst…

1. Mache es jedem recht

“Ich weiß ja, dass ich es nicht jedem recht machen kann, aber…”

Diesen Satz habe ich unzählige Male gehört. Sei dir sicher: Um deine Gemeinde effektiv zu ruinieren, reicht es schon, wenn du auch nur einen Gedanken daran verschwendest, es allen recht machen zu wollen. Ja genau – wollen! Denn da beginnt das ganze Unheil – an der Stelle, an der du das willst. Dabei ist es eine schlichte Überforderung an dich als Leiter und an dein Leitungsteam, wenn du das auch nur willst. Denn dass du es nicht allen recht machen kannst, hast du wahrscheinlich inzwischen schon erkannt und die Realität hat es dir bitter vor Augen geführt. Also hör auf, es zu wollen!

By the way: Jesus wollte das auch nicht. In dem Moment, als er mit dem verhassten Zöllner Zachäus sprach (und dann auch noch in seinem Haus zu Abend aß), hat er sich den Unmut vieler Menschen zugezogen. Glaubst du im Ernst, Jesus hätte das vorher nicht gewusst?

Als er im Tempel den Händlern auf sehr deutliche und drastische Weise (indem er ihre Tische umstieß und die Sachen zu Boden warf) klarmachte, dass dieses Haus ein Bethaus und keine Räuberhöhle ist, hat er sich den Hass dieser Händler zugezogen. Glaubst du im Ernst, Jesus hätte das vorher nicht gewusst?

Was maßt du dir also an, mehr zu wollen (!) als Jesus das zu Lebzeiten hier auf Erden tat?

Entspann dich! Weil du es niemals allen recht machen kannst, solltest du aufhören, das auch nur ansatzweise zu wollen. Stattdessen überlege dir, welches Profil deine Gemeinde hat oder haben soll, wo Ressourcen und Kompetenzen stecken, wo Menschen bereit sind, Reich Gottes auf kühne Weise erleben zu wollen. Und dann investiere voll und ganz in diesen Bereich – und lass den Rest getrost beiseite.

2. Gestatte keine Fehler, Zweifel, Unsicherheiten…

Ehrlich gesagt gibt es kaum etwas, das mich trauriger macht und noch mehr erschüttert als die Tatsache, dass es scheinbar in vielen Gemeinden nicht an der Tagesordnung ist, ehrlich sein zu dürfen. Zumindest wenn ich diverse Einträge auf Facebook meiner Online-Freunde lese, bestätigt sich dieser Eindruck.

Wie viel Leid ist über die Gemeinde Jesu gekommen, weil Menschen nicht ehrlich sein dürfen? Falsche Erwartungen gepaart mit dem Verständnis, dass vor allem die “richtige Lehre” entscheidend ist, hat viel Leid über Menschen gebracht.

Wenn jemand ehrlich wird, zweifelt, Dinge in Frage stellt, bekennt, dass sein Glaube gerade ziemlich am Boden ist, zugibt, dass er gerade in Sünde verstrickt ist und nicht rauskommt – dann, und genau dann, ist die einzig angemessene Reaktion deiner Gemeinde, dass sie diesen Menschen liebt, ihn – auch im übertragenen Sinne – in die Arme nimmt, ihm zur Seite steht und ihm eine Stütze ist, wieder auf die Beine zu kommen.

Statt dessen habe ich den Eindruck, dass in manchen Gemeinden Menschen, die am Boden liegen, noch getreten werden. “Du hast nicht genug geglaubt! Du musst deine Schuld bekennen! Trenne dich von XY und hör mit XYZ auf!” So oder ähnlich könnte es dann lauten.

Um dem vorzubeugen gibt es für dich als Leiter genau eine Option: Gib dein eigenes Fehlverhalten zu, deine Zweifel, deine Unsicherheit und dein Versagen. Keine Sorge: Nicht als Seelen-Striptease. Immer im geeigneten Rahmen und nicht gleich vor der gesamten Gemeinde, wenn dein Versagen sich bspw. auf dein Verhalten in einem bestimmten Kontext bezieht. Aber sei ehrlich! Nur das lässt auch deine Gemeindeglieder – die dir anvertraute Herde – ehrlich werden und zu einem echten und authentischen Glauben durchdringen.

…dann werden Menschen, die am Boden liegen, nicht noch getreten, sondern liebevoll unterstützt.

3. Hab’ keine klare Vision

“Eine Vision ist ein Bild der Zukunft, das Leidenschaft auslöst.” Eine ganz einfache Beschreibung von Bill Hybels zum Thema “Vision”. Und ich finde sie super. Ich meine nämlich erst mal noch gar nicht, dass du ein Leitbild, ein Strategie-Papier und was sonst noch brauchst. Aber du brauchst Leidenschaft. Und Zukunft. Und ohne diese beiden Dinge wird deine Gemeinde kaputt gehen.

Was treibt dich an, das zu tun, was du tust und das zu tun, was noch keiner vor dir getan hat?

Was gibt dir und deinem Leitungsteam Hoffnung, auch die kühnsten Träume zu träumen?

Was lässt dein Herz schneller schlagen, wenn du an deine Gemeinde denkst und an Bereiche, die es (noch) nicht gibt?

Zugegeben: Ein Bild der Zukunft haben wir alle. Die einen malen es halt schwarz – die anderen bunt. Welche Stifte nimmst du in die Hand?

Egal, was deine Leidenschaft entfacht: Sollte es nichts geben, dann wird dein Bild wohl eher schwarz. Der Grund liegt auf der Hand: Als Gemeinde Jesu sind wir Teil unserer Gesellschaft. Und diese unterliegt einem gewissen Wandel. Mal ist es der demographische, mal der finanzielle, mal der strukturelle oder der religiöse Wandel. Was auch immer der Wandel sein mag, der in deinem Kontext am ehesten greift: Er schafft nicht die besten Rahmenbedingungen, ja er zwingt dich sogar zu handeln: Der finanzielle Wandel lässt uns den Rotstift ansetzen, der demographische Wandel leert unsere Kirchen, der strukturelle Wandel verändert unser Bild von Gemeinde und der religiöse Wandel lässt uns als einen Anbieter unter vielen auf dem Markt der religiösen Möglichkeiten dastehen.

Die einzige Konstante also ist der Wandel. Und diesem mit einem leidenschaftlichen Bild der Zukunft zu begegnen ist mit Sicherheit der beste Weg. Ein Bild, das nicht nur von Träumerei gezeichnet ist, sondern auch die Konturen und Muster der Realität enthält.

Welche Stifte du also in die Hand nimmst, liegt an dir. Ich hoffe, es sind die Buntstifte.

4. Das war schon immer so…

Viele, die mich kennen, wissen: Wenn du mir diese Floskel sagst, kann das Gespräch schneller beendet sein, als es begonnen hat.

“Das war schon immer so” als Begründung für einen Sachverhalt im Gemeindeleben anzunehmen ist ziemlich dumm. Denn “immer” ist in Anbetracht der Ewigkeit eine ziemlich gewagte Aussage. “Immer” gibt es gar nicht – weil es unser Denken und unser Leben übersteigt. Also ist dieser Satz nicht nur emotional sondern auch sachlich so ziemlich zu vergessen. Natürlich steckt dahinter oft der Wunsch, den status quo insofern beizubehalten, als dass er einem als positiv erscheint. Nur möchte ich mal in Frage stellen, ob dem “immer so ist”. Denke ich alleine an die Entwicklung des Menschen vom Baby zum Greis wäre eine Einstellung à la “Das war schon immer so” nicht sonderlich förderlich für die Entwicklung.

“Das war schon immer so”. Kaum ein Satz drückt mehr Stillstand aus als dieser. Und von Stillstand singt ja schon Herbert Grönemeyer in “Mensch”. Und was ist in seinen Augen Stillstand? Der Tod.

“Das war schon immer so…”

  • zum Glück hat sich Jesus am Ostermorgen nicht daran gehalten, dass es immer schon so war, dass Tote tot sind.
  • zum Glück haben sich die ersten Christen nicht daran gehalten, dass es in ihrer Gesellschaft schon immer so war, dass Frauen zweitrangig waren.
  • zum Glück haben sich mutige Menschen der Kirchengeschichte nicht daran gehalten, dass Leid, Ungerechtigkeit und Not schon immer da war und dem nicht begegnet wurde.
  • zum Glück gibt es auch heute noch Menschen, deren ganze Power in Wallung gerät, wenn sie diesen Satz hören: “Das war schon immer so.”

“Das war schon immer so” – wenn du diesen Satz hörst, lächle, sei freundlich und lass dir versichern: Weil es schon immer so war, muss es auf keinen Fall auch so bleiben.

Das, was euch als Gemeinde bis hierher gebracht hat, ist mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit nicht das, was auch in eine bessere Zukunft führen wird.

Bitte, bitte, bitte: Geh neue Wege! Lass dich von Menschen und Gott inspirieren, verrückte, kühne, wagemutige und “nicht immer schon dagewesene” Dinge zu tun. Nicht um deiner selbst willen – sondern um der Gemeinde Jesu willen, die “die Hoffnung der Welt” (Bill Hybels) ist.

5. Vergiss den Heiligen Geist

Ich bin ein großer Fan der Apostelgeschichte. Dieses Buch im Neuen Testament beschreibt die ersten Schritte und Wege der noch jungen Christenheit. Und ich staune immer wieder von Neuem, wenn ich lese, wie der Heilige Geist in dieser Zeit gewirkt hat. Da ich davon überzeugt bin, dass er sich nicht ändert, hoffe und bete ich, dass er auch heute in der Gemeinde Jesu genauso wirkt.

Aber nicht als eine nebulöses Kraft, “die weht wo sie will”, sondern als konkrete Gottesperson. Als dritte Person der christlichen Gottheit (nein, das Fass der Trinität mache ich an dieser Stelle nicht auf). Als eben der Heilige Geist, der jeden einzelnen Christen mit übernatürlichen Gaben (nachzulesen unter anderem in Römer 12, 1. Korinther 12 und Epheser 4) ausstattet, die dazu dienen, dass die Gemeinde Jesu ihre volle Schönheit und Kraft entfaltet.

Deswegen: Vergiss ihn nicht! Er ist da. Immer noch. Nicht immer verfügbar, das ist klar. Und doch mächtig in seinem Wirken, wie ich auch schon in meinem Beitrag “Mehr Pfingsten, bitte!” geschrieben habe.

Vergiss ihn nicht, denn solltest du das, kann es ganz schnell sein, dass vieles, das in unseren Gemeinden landauf landab “gemacht” wird, reines Menschenwerk ist. Und das hat – leider – keinen Ewigkeitswert.

Nachwort

Nicht, dass du jetzt denkst, ich würde das alles schon 100% beherzigen. Ich bin und bleibe mein Leben lang ein Lernender. Und ich habe bei jeder dieser 5 Haltungen noch lange nicht ausgelernt. Im Gegenteil. Manchmal habe ich den Eindruck, dass da noch ein sehr langer Weg vor mir liegt…

Und ja ich weiß: Dieser Beitrag war mal wieder ein wenig provokant. Aber vielleicht benötigen wir genau das, was dieses Wort in seinem ursprünglichen Sinn meint: ein Heraus-Rufen aus unseren alltäglichen Mühlen und ein Hineingenommenwerden in die Realität Gottes, die unsere Gemeinden auf wunderbare Weise zu etwas außergewöhnlich Schönem verwandeln kann.

2 Kommentare

  1. Sehr gut – alle Punkte!
    Zum Thema “ehrlich sein”: Ich erinnere mich noch genau an den Sonntagmorgen, an dem mein Mann in seiner Predigt zugab, in den vielen Jahren unserer Ehe schon mehrfach gedacht zu haben: “Ohne diese Frau an meiner Seite wäre ich jetzt besser dran.” Das laute Durchatmen mancher Gottesdienstbesucher war im ganzen Raum zu hören, gelten wir doch gemeinhin als glückliches Paar (was wir auch wirklich sind, aber eben nicht immer). Also fragte er mich, wie es mir ergangen sei. Ich konnte ihm spontan zustimmen – manchmal hatte ich zumindest gedanklich schon die Koffer gepackt. An diesem Sonntag stand das Telefon (mal wieder) nicht still… 😉

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