Das “Land der Ruhe” ist für mich eine der schönsten Umschreibungen zum einen für das, was auf Christen nach ihrem Tod wartet und zum anderen für das, was auf Christen Tag für Tag vor ihrem Tod wartet.

In der Bibel finden wir in einem längeren Abschnitt im 4. Kapitel des Hebräerbriefes eine Umschreibung von diesem “Land der Ruhe”. Ich möchte an dieser Stelle nur die Verse 9+10 zitieren, es lohnt sich aber, das gesamte Kapitel – und auch das vorausgehende Kapitel – zu lesen.

Gottes Volk erwartet also bis heute die Zeit der Ruhe, den wahren Sabbat. Wer zu dieser Ruhe gefunden hat, wird von aller seiner Arbeit ausruhen können, so wie Gott am siebten Schöpfungstag von seinen Werken ruhte.

Der Verfasser des Hebräerbriefes verwendet bei seinen Ausführungen die Wüstenwanderung des Volkes Israel (nachzulesen im 4. Buch Mose) sozusagen als “Negativfolie”. Denn auch dem Volk Israel war das “Land der Ruhe” verheißen – aber weil sie ungehorsam waren und Gott nicht vertrauten – nicht einmal dann, als er es ihnen (nachzulesen in 4. Mose 13+14) schenken wollte – wurde die Wüstenwanderung zu einem ziemlichen Dilemma.

Die Ausführungen im 4. Kapitel des Hebräerbriefes haben ich dazu gebracht, in einer Predigt dieses “Land der Ruhe” als das zukünftige und das gegenwärtige, also das “Land der Ruhe” nach dem Tod und das “Land der Ruhe” vor dem Tod, einmal genauer unter die Lupe zu nehmen. (Die gesamte Predigt kannst du im Podcast unserer Kirchengemeinde anhören: Hier geht’s zum Podcast.)

Das zukünftige Land der Ruhe

In den Wüstenzeiten und stürmischen Momenten benötigen wir Menschen einen festen Halt. Dann, wenn das Leben eben nicht so spielt, wie wir uns das wünschen, brauchen wir etwas, an dem wir uns wirklich festhalten können, das uns Kraft und echten Trost spendet und keine billige Vertröstung ist.

Als Christ bin ich der festen Überzeugung, dass ich mein Leben mit einer großen Diesseitshaftung bei gleichzeitiger Ewigkeitsperspektive leben sollte – und vor allem leben kann. Der christliche Glaube ist keine Krücke, er ist auch keine Psychohygiene, wie ihm manchmal von den Religionskritikern vorgeworfen wird, sondern ein festes Vertrauen auf den, den wir nicht sehen, aber auf den wir hoffen und den wir erwarten. Dieses zukünftige Land der Ruhe wird in der Bibel im letzten Buch, der Offenbarung, folgendermaßen beschrieben:

Eine gewaltige Stimme hörte ich vom Thron her rufen: „Hier wird Gott mitten unter den Menschen sein! Er wird bei ihnen wohnen, und sie werden sein Volk sein. Ja, von nun an wird Gott selbst in ihrer Mitte leben. Er wird ihnen alle Tränen abwischen. Es wird keinen Tod mehr geben, kein Leid, keine Klage und keine Schmerzen; denn was einmal war, ist für immer vorbei.“ Der auf dem Thron saß, sagte: 
„Sieh doch, ich mache alles neu!“ (Offenbarung 21,3-5)

Diese Beschreibung des zukünftigen Landes der Ruhe hat für mich eine unglaublich große und starke Kraft, gerade dort, wo ich dem Tod immer wieder ins Auge schauen muss.

Als Christ glaube ich nicht, dass ich eines Tages im Nichts enden werde, sondern dass ich im “Land der Ruhe” ankommen und die Ewigkeit mit Gott verbringen werde. Alle tröstenden und heilsamen Aussagen des christlichen Glaubens stehen und fallen für mich mit der Hoffnung auf dieses zukünftige Land der Ruhe. Wenn ich diese Hoffnung, diese Gewissheit nicht hätte, dann wäre der christliche Glaube in der Tat nichts weiteres als Psychohygiene, ja dann wäre er sogar gefährlich, weil alle gegenwärtigen Hoffnungen und Zusagen des göttlichen Trostes im Nichts verpuffen würden. Der Apostel Paulus hat es in seinem ersten Brief an die Gemeinde in Korinther so ausgedrückt:

Wenn der Glaube an Christus uns nur für dieses Leben Hoffnung gibt, sind wir die bedauernswertesten unter allen Menschen. (1. Kor 15,19)

Da ich aber nicht zu den bedauernswertesten Menschen unter allen Menschen gehöre, ist der Glaube an den lebendigen und auferstanden Herrn aller Herren für mich das tragende Fundament meines Glaubens und gleichzeitig das, worauf mein Glaube zulaufen wird, wenn auch für mich die letzte Stunde schlagen wird.

Und nur aus dieser Perspektive macht es Sinn, die zweite Dimension vom “Land der Ruhe” genauer zu betrachten.

Das gegenwärtige Land der Ruhe

Diese gegenwärtige Land der Ruhe bedeutet: Leben in der bewussten Gegenwart Gottes in allen Wüsten und Stürmen, in allen Höhen und Siegen meines Lebens.

Dieses gegenwärtige Land der Ruhe betrete ich dort, wo ich mir bewusst werde, dass ich mein Leben hier auf der Erde nicht einfach nur so friste, sondern mir bewusst darüber werde, dass die göttliche Kraft der Auferstehung, die alles Leben ins Dasein gerufen hat und immer zum Guten und Besseren verändern kann, jeden einzelnen Moment meines Lebens für mich verfügbar ist. Und das äußert sich für mich in drei Dimensionen, die das Leben eines jeden Menschen bestimmen: Das betrifft unsere Identität, es gibt uns Orientierung und einen Frieden, nach dem unsere Seele ruhelos und rastlos sucht, bis sie ihn gefunden hat.

Identität

Schaue ich mir diverse gesellschaftspolitische Diskussionen momentan an und betrachte ich sie vor allem einmal durch die social media-Brille, fällt mir eines auf: Menschen sind auf der Suche nach ihrer Identität. “Wer bin ich – und wenn ja wie viele” heißt ein bekanntes Buch zum Thema. Auch Dietrich Bonhoeffer schrieb ein sehr ergreifendes Gedicht zum Thema mit dem Titel “Wer bin ich?“.

Wenn ich bewusst in das “Land der Ruhe” eintrete, mir also (Aus)Zeiten nehme, in denen nur “Gott und ich” zählen, dann weiß ich: Ich bin sein Kind, weil sein Wesen schon immer das des Vaters war und auch sein eigentliches Wesen ist (siehe mein Beitrag zu “Gott als Vater – sein eigentliches Wesen“).

Ohne mich jetzt in psychologische Tiefen zu begeben und vielleicht eher auf dünnem psychologischen Eis Schlittschuh zu laufen, so glaube ich doch, dass es für einen Menschen eine unglaublich große Kraft hat, wenn er die Frage “Wer bin ich eigentlich?” beantworten kann – und zwar nicht fragmentarisch, sondern ganzheitlich.

Diese Zuschreiben meiner Identität oder besser gesagt die Vergewisserung dieser Identität benötige ich immer wieder, um nicht im trubeligen Alltag dann eben doch äußerst fragil und fragmentarisch meine Identität zu suchen.

Orientierung

Was für das Auto ein gutes Navi ist, das ist für mein Leben das “Land der Ruhe”, weil ich hier Orientierung finde für mein Leben. Ich bin der festen Überzeugung, dass wir unsere besten Entscheidungen nicht aus einer Hektik und Unruhe heraus treffen, sondern dann, wenn wir uns im Land der Ruhe befinden, wenn wir auf Gott hören, wenn wir das Flüstern des Heiligen Geistes wahrnehmen und diesem einfach folgen.

Tag für Tag müssen wir unabhängig von unserem Beruf, familiären Stand und sozialen Kontakten viele Entscheidungen treffen. Manche sind trivial, manche sind weitreichend.

Im Land der Ruhe findest du Orientierung für die konkreten Dinge deines Lebens – deine Finanzen, Gesundheit, Gemeinde und Familie betreffend. Und noch vieles mehr.

Frieden

Und zuletzt finde ich im Land der Ruhe einen Frieden, wie ihn mir nichts und niemand auf dieser Welt geben kann.

Jesus hat einmal gesagt:

„Auch wenn ich nicht mehr da bin, wird doch der Friede bei euch bleiben. Ja, meinen Frieden gebe ich euch – einen Frieden, den euch niemand sonst auf der Welt geben kann. Deshalb seid nicht bestürzt und habt keine Angst! “(Johannes 15,24)

Mein Leben nicht in Abhängigkeit von meinen Entscheidungen und Gefühlen und auch nicht in Abhängigkeit von anderen Menschen und deren Verhalten zu mir führen zu müssen, sondern aus einem Frieden heraus, den Jesus schenkt, ist wohltuend und befreiend zugleich.

Und es entlastet. Es entlastet sehr, denn ich weiß: Dieser Friede ist kein Waffenstillstand, sondern dieser Friede ist SCHALOM, die biblische Realität für ein allumfassendes Geborgensein und Getragensein in der allgegenwärtigen göttlichen Liebe und Fürsorge. Nicht umsonst schreibt Paulus in Kolosses 3,15, dass dieser Frieden unser ganzes Leben bestimmen soll. Schön, wenn er es tut!

Dieses “Land der Ruhe” birgt so viel, dass wir gut daran täten, es mehr und mehr aufzusuchen in bewussten Ruhezeiten, die wir mit Gott haben, woraus dann keine Handlung sondern eine Haltung wird, immer und zu jeder Zeit in dieses Land eintreten zu können, um das zu bekommen, was wirklich trägt: Trost, Identität, Orientierung und Frieden.

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