Es ist ein weit verbreiteter Irrtum: Wer täglich in der Bibel liest, lange Zeit im Gebet verbringt und jeden Sonntag in den Gottesdienst geht – der ist ein guter Christ.

Wem das Lesen in der Bibel schwer fällt, wer wenig betet und nicht jeden Sonntag im Gotteshaus anzutreffen ist – der ist ein schlechter Christ.

So weit zum Irrtum. Der ist schon schlimm genug und ich gehe gleich noch genauer darauf ein. Was mich aber besonders stört und traurig macht – gerade als Pfarrer und Leiter einer Gemeinde: Christen üben – bewusst oder unbewusst sei einmal dahingestellt – unglaublichen Druck auf Menschen aus, die eher der zweiten Kategorie zuzuordnen sind. Dies geschieht natürlich von Menschen, die der ersten Kategorie zuzuordnen sind.

Was ist “geistliches Wachstum”?

Vorab möchte ich dir ein Buch empfehlen. Es ist nicht neu, aber ein Klassiker: “Das Geheimnis geistlichen Wachstums” von Dallas Willard. Ich habe es an einem Wochenende (an diesem Wochenende auf meiner “persönlichen Klausur”) gelesen. Er beschreibt sehr schön, was geistliches Wachstum ist. Zugegeben ein wenig aus dem Zusammenhang gerissen (wie jedes Zitat), bringt Willard es aber mit dieser Aussage so ziemlich gut auf den Punkt:

Geistliches Leben ist keine fromme Pose. Es ist kein „Du sollst nicht“, es ist ein „Du sollst“. Es öffnet die Türen zum ewigen Segen, zu den Kraftquellen Gottes.Das Geheimnis geistlichen Wachstums, S. 103

“Geistliches Leben” ist also kein vom alltäglich-irdischen Dasein abgeschottetes, monastisches, superfrommes Leben – es ist dein Leben inmitten des Alltags, das aber nicht unter rein irdischen Gesichtspunkten abläuft, sondern im Horizont der Liebe Gottes und es dir mitten im Alltag die “Türen öffnet zum ewigen Segen, den Kraftquellen Gottes.”

Es geht um weit mehr als um das Einheimsen des Awards für 175 ununterbrochen besuchte Sonntags-Gottesdienste, den Premium-Status, weil du auch Karfreitag und Ostermontag in der Kirche warst und das schnellste Aufsagen von 20 Bibelversen innerhalb einer Minute.

Mit anderen Worten: “Geistliches Leben” ist nicht die Summe meiner frommen Disziplinen (Willard nennt es in seinem Buch “geistliche Übungen”) sondern vielmehr ist es deren Vorausetzung oder noch einfacher ausgedrückt: Ein Leben im Bewusstsein der Gnade und Liebe Gottes. Oder ganz simpel: Geistliches Leben bedeutet in einer Beziehung mit Jesus zu leben.

Und diese Beziehung wiederum soll sich in jedem einzelnen meiner Lebensbereiche widerspiegeln und nicht nur am Sonntagmorgen oder wenn ich mich in mein stilles Kämmerlein zurückziehe.

Diese Beziehung trägt mich genauso,

  • wenn ich die Hände zum Lobpreis hebe oder mit meinem Mitarbeiter ein wichtiges Gespräch führe.
  • wenn ich in der Bibel lese oder mit dem Unverständnis über die Schule meines Kindes umgehen muss.
  • wenn ich intensive Gebetszeiten habe oder Fußball mit Freunden spiele.

In der westlichen Christenheit hat sich ein Gegensatz zwischen “weltlich” und “geistlich” aufgetan, der einfach schlecht, falsch und schlimm ist. Wir reden von “geistlichem Leben” – und reden so davon, als ob es auch ein anderes Leben gäbe. “Wie steht es um dein geistliches Leben?” Diese Frage habe ich nicht selten gehört – und sie ist dann falsch, wenn damit “geistliche Disziplinen” gemeint sind, durch die ich mich “von der Welt” abschotte.

Willard identifiziert in seinem Buch diverse “geistliche Übungen” wie bspw. Gebet, Feiern, Anbetung, Dienen oder Studium. Aber wohlgemerkt ist der Knackpunkt der, dass diese “geistlichen Übungen” mich nicht zu einem besseren Christen machen, sondern dass sie Ausdruck meiner Liebe und Beziehung zu Jesus sind. Viele vergessen das und meinen, sie müssen diese Übungen vollbringen, was wiederum dem Gerettetsein allein aus Gnade diametral zuwiderlaufen würde.

Die Frage ist also die Motivation hinter dem, was Willard “geistliche Übungen” nennt. Warum vollbringe ich diese Übungen? Wenn ich meine Beziehung zu Jesus dadurch vertiefe – wunderbar. Wenn ich mein frommes Gewissen damit befriedige – ganz schlecht.

In einem anderen Artikel gehe ich darauf ein, wie man geistlich wachsen kann. Vielleicht erkennst du auch darin: Es sind nicht die frommen Übungen, die mich geistlich wachsen lassen, sondern es ist meine Beziehung zu Jesus, das Wahr- und Ernstnehmen des Missionsbefehl und das Bewusstsein, dass ich als Christ immer und überall Teil seiner Mission in dieser Welt bin.

Was ist “fromme Gesetzlichkeit”?

Etwas ganz Ekliges. Denn es hat den Anschein, dass es genau richtig und gut klingt – aber dennoch geht es haarscharf am Ziel vorbei. Aber im Fußball ist es auch so: Knapp daneben ist auch vorbei.

Fromme Gesetzlichkeit definiere ich so:

Sie ist eine Haltung, die dem christlichen Gegenüber vorschreibt, was dieser im Blick auf sein eigenes geistliches Leben zu tun oder zu lassen hat – basierend auf meinem subjektiven Verständnis der Bibel und meinem subjektiven Verständnis dessen, was geistliches Leben ist.

Sollen wir dann gar keine Predigten mehr hören, Podcasts hören oder gute Videos anschauen? Moment! Wir müssen hier genau hinschauen und ich möchte das anhand von drei Worten tun, die für mich bedeutsam sind.

Erstes wichtiges Wort: Haltung

Natürlich kann ich meinem Gegenüber sagen: “Du hast dieses Portemonaie gestohlen. Das macht man als Christ nicht. Bitte gib es dem Besitzer wieder zurück.” Das ist kein Ausdruck von einer Haltung, sondern ich sage meinem Gegenüber (wohlgemerkt: wir reden von “frommer Gesetzlichkeit”, also von Christen, die sich gegenüber stehen oder die sich zueinander verhalten) nur das, was er ohnehin schon weiß.

Mit Haltung meine ich viel mehr, dass man so etwas wie die “Glaubenspolizei” spielt. Vor kurzem hat das erste Haustier in unserem Haus Einzug gehalten: eine Gottesanbeterin. (Jaja, ich weiß schon: Das perfekte Haustier im Pfarrhaus.) Im Terrarium haben wir in die Erde eine Zucht so genannter “Springschwänze” eingelassen. Das sind kleine, wuselige Tierchen, die einen Spitznamen haben, der schon sagt, was sie tun: Sie sind die “Bodenpolizei”, weil sie alles aus dem Weg räumen (ergo: fressen), was da nicht hingehört.

So muss man sich die fromme, gesetzliche Glaubenspolizei vorstellen: Es sind Menschen, die alles aus dem Weg räumen wollen, was in ihren Augen da nicht hingehört. Aber das tun sie nicht, weil es ihnen gerade in den Sinn kommt – es ist ihre Haltung, ihre Lebenseinstellung. Und jetzt mag es dich vielleicht ein bisschen überraschen: Ich kann es diesen Menschen nicht verübeln und es ist sozusagen “nur” ihre Schattenmission, die auf der anderen Seite ihrer unglaublichen Stärke liegt.

Meistens sind es nämlich Menschen, die unglaublich gewissenhaft und zuverlässig sind, die sich ihrem Gewissen und Herzen so verpflichtet fühlen, als käme es ihnen als ein Verrat ihres eigenen Selbst vor, wenn sie nicht als Glaubenspolizei auftreten würden, auch wenn sie sich selbst niemals so nennen würden – viele zumindest. Es gibt auch andere, die ohnehin immer alles besser wissen, stur sind und unbelehrbar – aber da hilft nur beten – was ich aus eigener Erfahrung weiß, und dankbar bin für die vielen Menschen, die in einer Zeit für mich gebetet haben, in der ich – und dessen rühme ich mich beim besten Willen nicht – auch zu dieser Glaubenspolizei gehörte.

Zweites wichtiges Wort: vorschreiben

Ich habe es oben schon angedeutet, aber genau dies geschieht bei “frommer Gesetzlichkeit”: Dir wird vorgeschrieben, was du zu tun und zu lassen hast. Und – leider kommt diese Keule sehr oft – steht dabei auf dem Spiel, wo auf der Skala von 1-10 des “guten Christen” du dich befindest. Hältst du dich nicht an diese Vorschriften, wanderst du automatisch in den unteren Bereich der Skala.

Geholfen ist dir damit überhaupt nicht. Im Gegenteil: die Fragen nehmen zu, das schlechte Gewissen plagt immer mehr und die Orientierungslosigkeit greift um sich. Diese hochexplosive Mischung wir dann entweder durch Überspielen, Beschäftigung und “Wird schon nicht so schlimm sein” überspielt – oder du verlierst dich in unzähligen Gesprächen, Büchern oder anderen Dingen, die dir nicht wirklich weiterhelfen.

Denn das Dilemma ist komplett: Du hast eine Vorschrift bekommen, deren Sinn du nicht ganz erfassen kannst – aber was willst du nun dagegen tun? Die Vorschrift kam ja so fromm daher – manchmal ganz subtil auch als Unterstellung oder Frage:

  • Als Christ nur zufälligerweise beten? Das geht nicht!
  • Du solltest jeden Tag mindestens 15 Minuten in der Bibel lesen.
  • Du kannst keinen Bibelvers auswendig. Schäm dich und gehe zurück in den Konfirmandenunterricht!
  • Du gibst nicht deinen Zehnten? Glaubst du wirklich, dass Gott dein Leben noch segnet?

Drittes wichtiges Wort: subjektiv

Der große Theologe Karl Barth prägte Anfang des 20. Jahrhunderts die so genannte “dialektische Theologie”. Was das ist? Das erkennst du an folgendem Zitat am besten – vielleicht auch eine der bekanntesten Aussagen Barths:

Wir sollen als Theologen von Gott reden. Wir sind aber Menschen und können als solche nicht von Gott reden. Wir sollen Beides, unser Sollen und unser Nicht-Können wissen, und eben damit Gott die Ehre geben.Karl Barth: Das Wort Gottes als Aufgabe der Theologie, 1922.

Alles klar? Was Barth damit sagen will: Wir sind Menschen, unser Wissen und Verstand ist bruchstückhaft und menschlich, von der Sünde “befallen”. Wie um alles in der Welt können wir von Gott reden?

Gleichzeitig sollen wir (nicht nur als Theologen) aber von Gott reden – wer sonst würde es tun, wenn nicht wir? (Ok, die ganze Zeit schreiende Steine zu hören, wäre jetzt auch nicht so der Brüller, wie in Lukas 19,40 beschrieben)

Was wir bei alledem aber immer, immer, immer bedenken müssen ist das, was der Apostel Paulus schreibt:

Unser Wissen ist Stückwerk.1. Korinther 13,9a

Fromme Gesetzlichkeit aber lässt diesen Gedanken außen vor – und das nicht einmal bewusst, sondern manchmal auch unbewusst. Ich muss – ja, bis zum Äußersten – immer der Ansicht sein, dass ich selbst irre – und nicht mein Gegenüber. Wo ich diese Ansicht nicht mehr habe, diese Haltung nicht mehr einnehme (sondern die der “Glaubenspolizei”) mache ich mich zum Werkzeug frommer Gesetzlichkeit.

Mir hat gefallen, was beim letzten K5-Leitertraining Heinrich Christian Rust sagte (ich zitiere aus dem Gedächtnis):

Ich ermahne keinen Bruder oder Schwester wegen eines Fehlverhaltens, wenn ich nicht auch über seine/ihre Sünde geweint habe.

Wow. Das sitzt! Und das ist genau das Gegenteil von Gesetzlichkeit. Wo aber Menschen im Herzen hart sind, da verlernen sie das Weinen über die Sünde des anderen.

Gnade statt Gesetzlichkeit

Egal, auf welcher Seite du stehst: Ob du Glaubenspolizist bist oder gerade von einem Glaubenspolizisten verknackt wurdest. Ich glaube, die Lösung für dieses Dilemma ist Gnade.

Lebensverändernde, unverdiente, wiederherstellende und vollkommen ausreichende Gnade. Erinnere dich daran: Du bist aus Gnade gerettet! Nicht, weil du gute Werke vorzuweisen hast. Nicht, weil dein Glauben bei einer Skala von 1-10 auf 11 Punkte kommt. Du bist einzig und allein aus Gnade gerettet. Auch nicht, weil du “Jesus in dein Herzen aufgenommen hast” (was ich hoffe, dass du es getan hast) – sondern weil dieser Jesus am Kreuz auf Golgatha für jeden Menschen gestorben ist.

Die Bibel ist da recht eindeutig, schonungslos und auf den ersten Blick deprimierend:

Sie sind allesamt Sünder und ermangeln des Ruhmes, den sie vor Gott haben sollen,Römer 3,23

Es gibt keine Ausnahmen. “Alle” heißt “alle”. Da können wir rumprobieren, solange wir wollen: “Alle” ist so ziemlich allumfassend, was bedeutet, dass wiederum auch “alle” den gleichen Grund haben, auf den sie ihren Glauben bauen und die Wiedergeburt feiern können – denn der Satz geht weiter:

und werden ohne Verdienst gerecht aus seiner Gnade durch die Erlösung, die durch Christus Jesus geschehen ist. Römer 3,24

Gnade. Was wünschte ich mir, noch mehr zu verstehen, welche Kraft, Schönheit und Veränderungspotential diese “erstaunliche Gnade” (amazing grace) doch hat. Ich will in ihr wachsen – auch wenn ich sie nie “ganz” greifen kann.

Eines aber glaube ich: Wenn wir die Gnade wählen als Umgangsform und nicht die Gesetzlichkeit, dann wird es besser: in unserem Leben, in unseren Gemeinden und in dieser Welt. Wir könnten zu uns selbst stehen, uns annehmen, wie wir sind – weil die Gnade viel größer ist. Und was wir mit uns können – das können wir mit unserem Gegenüber dann auch.


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