21. September 2008. Stadtkirche Karlsruhe. Ich werde zum Pfarrer der evangelischen Landeskirche in Baden ordiniert. Mit dabei: meine beiden “Ordinationszeugen”, wie das so üblich ist. Der eine ist Pfarrer Markus Weimer (heute Pfarrer in Radolfzell-Böhringen – geh mal hin und lass dich inspirieren; ein klasse Typ! www.ekiboe.de). Der andere ist mein Vater (dazu empfehle ich dir diesen Artikel: www.david-brunner.de/zwischen-trauer-und-hoffnung/).

Beide sprechen mir ein wunderbares Wort aus der Bibel zu. Das eine spricht genau in meine damalige Situation hinein. Markus hat Psalm 32,8 ausgewählt:

Gott spricht: “Ich will dich unterweisen und dir den Weg zeigen, / den du gehen sollst; ich will dich mit meinen Augen leiten.”Die Bibel, Psalm 32,8

Mein Vater wählte ein Wort aus, das mich seitdem genauso begleitet, das für mich die “DNA” eines Christen beschreibt – und das leider an einer entscheidenden Stelle nicht korrekt übersetzt ist:

Gott hat uns nicht gegeben den Geist der Furcht, sondern der Kraft und der Liebe und der Besonnenheit.Die Bibel, 2. Timotheus 1,7

Furcht oder Feigheit?

Der entscheidende Punkt ist, dass “Furcht” die falsche Übersetzung des griechischen Wortes δειλία (“deilia”) ist. Übersetzt man es korrekt, müsste es “Feigheit” heißen.

Jetzt magst du denken, dass das Haarspalterei ist, dann gib mir ein paar Sätze, um dir zu zeigen, dass dem nicht so ist. Der grundlegende Unterschied zwischen Furcht und Feigheit liegt für mich darin, dass Feigheit einen Schritt weiter geht.

Feigheit ist größer als Furcht, denn Feigheit bestimmt unser Tun und Handeln.

Oder wenn du es ein wenig ausführlicher und etwas “geschwollener” willst als meine simple Definition von Feigheit, dann habe ich im “Brockhaus Konversationslexikon” von 1894 eine sehr gute Definition gefunden:

Feigheit 
ist ein habitueller Zustand des Gemüts, in welchem sich der Mensch vor Gefahren oder Schmerzen in dem Grad scheut, daß dadurch einesteils seine Freiheit und Thatkraft gelähmt, andernteils sein Gefühl für Ehre und Schande abgestumpft wird.Brockhaus Konversationslexikon von 1894

Menschen haben Angst vor oder fürchten sich vor Spinnen – Feigheit lässt sie dahin kommen, keine Spinne auf die Hand zu nehmen.

Menschen haben Angst vor oder fürchten sich vor der Höhe – Feigheit lässt sie dahin kommen, nicht in die Gondel zu steigen oder den Berg hoch zu klettern.

…ok ok, wenn du dich hier angesprochen fühlst, dann denkst du eher: “Nein, nicht Feigheit – sondern der gesunde Menschenverstand.”

Ich möchte Feigheit ein wenig aus ihrem schlechten Nischendasein herausholen. Klar. Wir reden vom “Feigling” und der “feigen Sau”. Für mich ist Feigheit aber in erster Linie ein Zustand, der uns beschreibt, wenn unsere Angst oder Furcht unser Handeln und Tun bestimmt.

Paulus schreibt seinem Schützling Timotheus also nichts anderes als: “Lass nicht zu, dass die Angst und Furcht vor Menschen oder Dingen dein Handeln bestimmt. Das ist keine Haltung, die Gott dir geschenkt hat.”

Zwei Grundängste des Menschen

Manchmal ist es gut, die Dinge einfach zu halten. Deswegen glaube ich, dass es zwei Grundängste gibt, die uns Menschen bestimmen. Die eine Angst ist die vor großen Herausforderungen und Problemen und die zweite Angst ist die der Gottverlassenheit. Sinnbildlich dafür stehen in der Bibel die Geschichten von der Sturmstillung (Markus 4 / Matthäus 8) sowie für die Gotteverlassenheit die Abschiedsreden Jesu (Johannes 14-17), in denen er sich vor seinem Weg ans Kreuz von seinen Jüngern verabschiedet.

Diese beiden Stellen (Sturmstillung und Abschiedsreden) sind die einzigen Stellen des Neuen Testamentes, an denen das Wort “Feigheit” oder “feige sein” wieder vorkommt.

Und er (Jesus) sprach zu ihnen (seinen Jüngern): Was seid ihr so feige? Habt ihr noch keinen Glauben?Die Bibel, Markus 4,40
Den Frieden lasse ich euch, meinen Frieden gebe ich euch. Nicht gebe ich euch, wie die Welt gibt. Euer Herz erschrecke nicht und sei nicht feige.Die Bibel, Johannes 14,27

Die Angst vor großen Herausforderungen und Problemen kann uns schier in den Wahnsinn treiben: Der unliebsame Kollege, der Chef, der einen mobbt, die unfassbare Diagnose durch den Arzt, ein unüberwindbar scheinender Streit in der Familie, die Abschlussprüfung oder die katastrophale finanzielle Situation. Diese Angst hat viele, sehr viele Gesichter.

Aber auch die Angst vor der Gottverlassenheit spiegelt sich auf ganz unterschiedliche Weise wider: Bin ich genug für Gott? Kann mich Gott lieben nach dem, was ich angestellt habe? Ich spüre Gott gerade nicht mehr – ist er weg? Wieso hört er meine Gebete nicht?

Beide Ängste fühlen sich äußerst eklig an. Da gibt es nichts zu beschönigen, zu kaschieren oder fromm auszugleichen. Nichts dergleichen zählt. Solche Ängste kann kein Mensch gebrauchen – und dennoch treiben sie uns um.

Auch das Lesen von guten Büchern, Hören von guten Podcasts oder Reden mit guten Menschen hilft nur bedingt. Ich glaube, es hilft nur eines: Die Begegnung mit dem lebendigen Gott! Seine lebensverändernde und die Angst nehmende Realität ist das, was uns davor bewahrt, ein Feigling zu sein und nicht das zu leben, was Gott in uns gelegt hat: Kraft, Liebe und Besonnenheit.

Zwei Gundantworten Gottes

Und deswegen lässt Gott sich nicht lumpen und spricht durch Jesus genau in unsere Ängste hinein.

In die Angst vor großen Herausforderungen und Problemen sagt Jesus:

In der Welt habt ihr Angst; aber seid getrost, ich habe die Welt überwunden.Die Bibel, Johannes 16,33

In die Angst der Gottverlassenheit spricht Jesus:

Ich bin immer bei euch bis ans Ende der Zeit.Die Bibel, Matthäus 28,20

Seine Worte gelten, sind genug und haben Kraft! Hör auf Jesus, schau auf Jesus – dann wird es nach und nach hell. Schau nicht auf dich oder auf die Ängste – das verdunkelt dein Leben.

Und falls du dich fragst, ob du “gut genug seist” für Jesus: Lass den Quatsch!

Es gibt im Neuen Testament eine interessante Begebenheit, die du hier gleich lesen kannst. Zuvor solltest du aber wissen: Durch die damaligen gesellschaftlichen Konventionen und durch die auf sich geladene Schuld, empfand sich die Frau, die Jesus hier begegnet, alles andere als würdig, gerecht, wertvoll oder sonst was. Von allem das Gegenteil. Und noch viel schlimmer!

Von Herzen wünsche ich dir, dass du es genauso machst wie diese Frau: “Einfach” (ja, ich weiß, manchmal ist das gar nicht so einfach) zu Jesus gehen, dich von ihm segnen lassen, ermutigen lassen, lieben lassen.

Keine Verfehlungen, keine Zerbrochenheit, kein Hinfallen, keine Enttäuschungen und keine Verletzungen, keine Scham und keine Schuld können Jesus daran hindern, dich zu segnen, dich zu lieben, dich wiederherzustellen, dir zu vergeben und dich zu gebrauchen.
Er ist größer, stärker, liebender, gütiger und gnädiger als wir das auch nur ansatzweise erahnen können.

Jesus und die mutige Frau

Ein Pharisäer hatte Jesus zu sich zum Essen eingeladen, und Jesus war gekommen und hatte am Tisch Platz genommen . In jener Stadt lebte eine Frau, die für ihren unmoralischen Lebenswandel bekannt war. Als sie erfuhr, dass Jesus im Haus des Pharisäers zu Gast war, nahm sie ein Alabastergefäß voll Salböl und ging dorthin.

Sie trat von hinten an das Fußende des Polsters, auf dem Jesus Platz genommen hatte, und brach in Weinen aus; dabei fielen ihre Tränen auf seine Füße. Da trocknete sie ihm die Füße mit ihrem Haar, küsste sie und salbte sie mit dem Öl. Als der Pharisäer, der Jesus eingeladen hatte, das sah, dachte er: »Wenn dieser Mann wirklich ein Prophet wäre, würde er die Frau kennen, von der er sich da berühren lässt; er wüsste, was für eine sündige Person das ist.« Da wandte sich Jesus zu ihm.

»Simon«, sagte er, »ich habe dir etwas zu sagen.« Simon erwiderte: »Meister, bitte sprich!« – »Zwei Männer hatten Schulden bei einem Geldverleiher«, begann Jesus. »Der eine schuldete ihm fünfhundert Denare, der andere fünfzig. Keiner der beiden konnte seine Schulden zurückzahlen. Da erließ er sie ihnen. Was meinst du: Welcher von den beiden wird ihm gegenüber wohl größere Dankbarkeit empfinden ?« Simon antwortete: »Ich nehme an, der, dem er die größere Schuld erlassen hat.«

»Richtig «, erwiderte Jesus. Dann wies er auf die Frau und sagte zu Simon: »Siehst du diese Frau? Ich bin in dein Haus gekommen, und du hast mir kein Wasser für meine Füße gereicht; sie aber hat meine Füße mit ihren Tränen benetzt und mit ihrem Haar getrocknet. Du hast mir keinen Kuss zur Begrüßung gegeben; sie aber hat, seit ich hier bin, nicht aufgehört, meine Füße zu küssen. Du hast meinen Kopf nicht einmal mit gewöhnlichem Öl gesalbt, sie aber hat meine Füße mit kostbarem Salböl gesalbt.

Ich kann dir sagen, woher das kommt. Ihre vielen Sünden sind ihr vergeben worden, darum hat sie mir viel Liebe erwiesen. Wem aber wenig vergeben wird, der liebt auch wenig.« Und zu der Frau sagte Jesus: »Deine Sünden sind dir vergeben.« Die anderen Gäste fragten sich : »Wer ist dieser Mann, der sogar Sünden vergibt?«

Jesus aber sagte zu der Frau: »Dein Glaube hat dich gerettet. Geh in Frieden!«
(Lukas 7, 36-50)

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