Es gibt nichts, was uns die Abwesenheit eines uns lieben Menschen ersetzen kann und man soll das auch garnicht versuchen; man muß es einfach aushalten und durchhalten; das klingt zunächst sehr hart, aber es ist doch zugleich ein großer Trost; denn indem die Lücke wirklich unausgefüllt bleibt, bleibt man durch sie miteinander verbunden. Es ist verkehrt, wenn man sagt, Gott füllt die Lücke aus; er füllt sie garnicht aus, sondern er hält sie vielmehr gerade unausgefüllt, und hilft uns dadurch, unsere echte Gemeinschaft – wenn auch unter Schmerzen – zu bewahren. Ferner: je schöner und voller die
Erinnerungen, desto schwerer die Trennung. 

Aber die Dankbarkeit verwandelt die Qual der Erinnerung in eine stille Freude. Man trägt das vergangene Schöne nicht wie einen Stachel, sondern wie ein kostbares Geschenk in sich. Man muß sich hüten, in den Erinnerungen zu wühlen, sich ihnen auszuliefern, wie man auch ein kostbares Geschenk nicht immerfort betrachtet, sondern nur zu besonderen Stunden und es sonst nur wie einen verborgenen Schatz, dessen man sich gewiß ist, besitzt; dann geht eine dauernde Freude und Kraft von dem Vergangenen aus. (Dietrich Bonhoeffer, Widerstand und Ergebung, DBW Band 8, Seite 255f)

Ich liebe diese Gedanken von Dietrich Bonhoeffer, weil sie so zutreffend sind. Weder romantisieren sie den Tod, noch verbannen sie ihn, wie das beides heute leider immer wieder geschieht.

Ein großartiger Mann Gottes…

Am 5. August 2018 hat ein großartiger Mann Gottes seinen irdischen Lauf vollendet und darf nun sehen, was er geglaubt und leidenschaftlich verkündigt hat.
Ich bin meinem Vater, Wolfgang Brunner, für vieles aus tiefstem Herzen dankbar. Aber wenn ich einzelnes benennen müsste, dann sind es vor allem zwei Dinge.
Zum einen lehrte er mich, Gott zu vertrauen in allen Lebenslagen. Sein ganzes Leben war geprägt von Gottvertrauen. Auch und gerade in den Zeiten als Pfarrer und Dekan. Und erst jetzt, wo ich selbst Pfarrer bin, kann ich mehr und mehr erahnen, was er alles durchstehen und durchkämpfen musste.
Bei allem strahlte er ein unglaubliches Gottvertrauen aus, das ihm eine ganz, ganz tiefe “geistliche Weisheit” gab, durch die er mich und viele andere Menschen prägte.
Und zum anderen ist es das Bekenntnis zu Jesus Christus. Auf eine so liebevolle und werbende Art hat er andere Menschen zum Glauben an Jesus – und nicht nur an eine nebulöse Floskel namens “Gott” eingeladen. Und in vielen, vielen Gesprächen sagte er mir immer wieder, wie sehr es ihm ein Anliegen ist, dass Menschen durch seinen Dienst zum Glauben an Jesus kommen. Auch und gerade in der Landeskirche, wo der Boden manchmal doch sehr hart und steinig ist.

…mit einer tiefen geistlichen Weisheit

Beide Dinge vereint spiegeln sich wider in einer Begebenheit ein paar Wochen vor meiner Konfirmation vor weit über 20 Jahren. Ich hatte mir den Konfirmationsvers “Rufe mich an in der Not, so will ich dich erretten und du sollst mich preisen” (Psalm 50,15) ausgesucht.
In seiner großartigen Weisheit und seiner väterlichen Liebe und Fürsorge war mein Vater aber nicht so ganz einverstanden damit und meinte: “Das ist schon sehr speziell auf Notlagen hin ausgesucht. Ich will dir einen Vers aussuchen, der das ganze Leben prägt.”
Mein Vater konnte nicht wissen (oder vielleicht doch?), dass er mit dem Vers, den er für mich aussuchte, mir ein Lebensmotto schenkte, das bis heute Gültigkeit hat. Mehr noch: Dieser Vers begleitet mich seit meiner Konfirmation in den Höhen und Tiefen meines Lebens, er ist mehr als ein Motto. Er hat mich geformt und geprägt und ich lebe aus seiner Tiefe und Kraft – und bin meinem Vater unglaublich dankbar, dass er ihn für mich ausgesucht hat:

Unser Glaube ist der Sieg, der die Welt überwunden hat!” (1. Johannes 5,4)

Und deswegen habe ich ihm aus tiefster Überzeugung gesagt: “Wir sehen uns wieder – und darauf freue ich mich!”

Natürlich ist das nur ein Bruchteil von dem, was ich über meinen Vater berichten könnte. Und viele, die ihn kennen, werden noch viele andere Dinge zu erzählen haben. 

Ich für mich möchte neben vielem, was ich gar nicht in aller Öffentlichkeit “breit treten” will, aber genau diese beiden Dinge teilen, um einen Menschen zu ehren, der wundervoll, liebevoll, fürsorglich, einzigartig, sehr weise, tief geistlich, hoch gebildet, sehr humorvoll, elegant, treu, zuverlässig, vertrauensvoll, sportlich, akribisch und vielseitig interessiert war. Wir sprechen oft von einem “ehrenden Andenken” im Blick auf einen Verstorbenen – dazu soll dieser Beitrag seinen Dienst leisten.

Von Hoffnung getragen

Als Christ habe ich die begründete Hoffnung, dass es ein Leben nach dem Tod geben wird, in dem nichts Schlechtes mehr Platz haben wird. Nur Gutes. Nur Göttliches. Nur Gott-nahe-sein. Und in dieser Realität werde ich meinen Vater (und alle anderen, die im Vertrauen auf Jesus Christus gestorben sind) wiedersehen. Diese Hoffnung trägt. Diese Hoffnung gibt mir Kraft, nicht in der Trauer zu versinken, die oft genug sich meldet – alleine in dieser kurzen Zeit seit seinem Tod. Die Erfahrung, wenn der eigene Vater stirbt, ist brutal schmerzhaft!

Diese Hoffnung aber trägt und hält – und ist das einzige, was angesichts des Todes wirklich Bestand hat. Dies kommt auch zum Ausdruck in einem Brief des bekannten Dichters Matthias Claudius – einer der Lieblingsdichter meines Vaters. Ein Teil dieses Briefes zitierte mein Vater in einer Andacht, die er nannte: “Jesus und die Stars”. Darin verglich er Jesus mit den Stars unserer heutigen Zeit und zeigte auf wunderbare Weise auf, wie viel mehr doch Jesus für uns getan hat und immer noch tut als die vermeintlichen Stars dieser Welt.

Ich und du können ohne Christus nicht leben. Wir brauchen jemand, der uns hebt und hält, solange wir leben, und uns die Hand unter den Kopf legt, wenn wir sterben sollen; und das kann Christus überschwänglich, nach dem, was von ihm geschrieben steht, und wir wissen keinen, von dem wir es lieber hätten.

Er ist eine heilige Gestalt, die dem armen Pilger wie ein Stern in der Nacht aufgeht und sein innerstes Bedürfnis, sein geheimstes Ahnden und Wünschen erfüllt. Wir wollen an ihn glauben, Andres, und wenn auch niemand mehr an ihn glaubte. (Matthias Claudius)

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