Leiter bleiben Lernende ein Leben lang! Diese schlichte Wahrheit drückt so viel aus. Auch wenn hier nur von einem Wort die Rede ist, widme ich gerade diesem die “Jubiläumsausgabe” meiner “Die Kunst des Leitens”-Beiträge, denn das hier ist Nr. 10.

Je länger ich mich mit Leitung beschäftige, desto überzeugter bin ich, dass “Lernen” ein wirkliches Tool in der Hand eines Leiters ist. Das hat verschiedene Gründe.

Wer lernt, wird besser

Simpel, oder? Aber manchmal vergessen wir es. Wer meint, schon am Ende der Fahnenstange angekommen zu sein, soll zusehen, dass er sein Fähnchen nicht in jeden Wind hält. Niemand kann ernsthaft behaupten “angekommen zu sein” – und gleichzeitig besser zu werden.

Schon in der Schule haben wir festgestellt: Lernen könnte ein probates Mittel sein, um bei der nächsten Klausur besser abzuschneiden. Ein Hoch auf alle, die hier auch noch einen Kausalzusammenhang erkannt haben.

Ich selbst liebe es, von anderen zu lernen. Das geschieht “eins zu eins” im Coaching genauso wie beim Hören von Podcasts (bspw. der der Leadership Podcacst von Craig Groeschel: https://www.life.church/leadershippodcast/). Ich kann beim Lesen eines guten Buches genauso dazu lernen wie beim Gespräch mit einem mich inspirierenden Gegenüber.

Alles, was ich benötige, ist die Einstellung: Ich will lernen!

Dabei spielt es keine Rolle, in welchem Verhältnis ich zum anderen stehe. So lerne ich viel von meinem Kindern. Am Wochenende war ich unterwegs und sah in einer Schneelandschaft Pferde. Ich nahm mein iPhone in die Hand, um für meine Kids Fotos und ein Video davon zu machen, denn der Anblick war faszinierend: “wilde” Pferde (zumindest nahm ich sie so wahr) in einer Schneelandschaft. Zwei der Pferde galoppierten hintereinander in den Wald. Als ich das Video meinen Kids zeigte, meinte mein Sohn: “Oh, zwei Pferde spielen miteinander”.

Und ich lernte: Schau an! Ich hätte gesagt, sie galoppieren. Er sieht darin ein Spiel. Wie cool! Kinder sehen “alltägliche Dinge” als Spiel. Was wäre, wenn ich das auch mehr täte? Schon wieder was gelernt.

Wer lernt, bleibt gelassen

Tagtäglich bin ich als Leiter Herausforderungen ausgesetzt und muss Entscheidungen treffen. Das ist nicht immer einfach und es führt nicht selten dazu, dass es richtig Kraft kostet. Schnell kann man dabei verbissen werden. Projekt XY muss unbedingt umgesetzt werden. Projekt XYZ dauert schon viel zu lange, ohne dass es erkenntlich vorwärts geht. Mitarbeiter N.N. treibt mich schier in den Wahnsinn. Und meinen eigenen Ansprüchen werde ich auch nicht gerecht. Schönen Dank auch!

…und dann nehme ich ein Buch in die Hand (aktuell ist es oft das Buch “Free to Focus” von Michael Hyatt) und lese ein paar Seiten darin. Und was passiert? Ich lerne etwas Neues kennen – beispielsweise den “Freedom Compass” – zu deutsch: Freiheits-Kompass. Dieser “zerlegt” meine Tätigkeiten in vier Bereiche und ich erkenne, was mich bindet und was mich freisetzt. Klar – die Umsetzung geschieht nicht von jetzt auf nachher.

Doch ich habe einen Erkenntniszugewinn, der mich mit aktuellen Herausforderungen anders umgehen lässt, weil ich Tools an die Hand bekomme, die mich in meinen Handlungen sicherer und lösungsorientierter machen.

Das führt unweigerlich dazu, dass ich gelassener werde, weil die subtile Botschaft an mein Hirn (und Herz) lautet: “Es gibt eine Lösung!”

Wer lernt, nimmt sich selbst nicht so wichtig

Und das ist die unweigerliche Konsequenz daraus, wenn ich gelassener werde. Wo ich in einem verbissenen Zustand meine, die Dinge selbst regeln zu müssen, erkenne ich in einem Moment des Erkenntniszugewinns: Ich bin gar nicht so wichtig!

Das ist befreiend – übrigens nicht nur für mich, sondern auch für meine Mitmenschen, weil sie eine bessere Ausgabe meiner selbst erleben und keinen sich selbst viel zu ernst nehmenden David Brunner.

Leiterinnen und Leiter nehmen sich selbst oft viel zu wichtig. Ich kenne das. Leider. Vielleicht ist der Unterschied zwischen “Leider” und “Leiter” deswegen auch nicht so groß.

Wer sich aber selbst zu wichtig nimmt, nimmt das Wichtigste nicht wichtig genug. Wer aber erkennt, dass er noch jede Menge lernen kann, bringt damit zum Ausdruck, dass er selbst nicht so wichtig ist.

Gemeinden benötigen keine Leiter, die sich selbst wichtig nehmen. Denn diese stehen in der Gefahr, nur ihre eigene Agenda durchbringen zu wollen und gar nicht das, was Gott für die Gemeinde im Sinn hat. Gruselig wird es dort, wo Leiter meinen, ihre eigene Agenda wäre Gottes Agenda.

Deswegen ist es so wichtig, dass Leitende einer Gemeinde immer (!) Lernende und Hörende auf Gottes Wort und seinen Geist bleiben. Das bedeutet aber auch, dass gerade geistliche Leiterinnen und Leiter unbedingt regelmäßige Zeiten brauchen, in denen sie nur “für sich” in Gottes Wort lesen und Gottes Nähe suchen. Unverwezckt und nicht mit dem Gedanken “Was kann ich hier für die nächste Predigt rausziehen?”

Wo Leiterinnen und Leiter nur noch berufsbedingt und verzweckt die Bibel lesen, ist persönliches und gemeindliches Scheitern vorprogrammiert.

Wer lernt, rostet nicht

“Wie habe ich das eigentlich früher gemacht?” frage ich mich oft. Meine Ordination als Pfarrer liegt gute 11 Jahre zurück und manchmal stelle ich mir heute diese Frage. Oft im Blick auf Gemeindesituationen, die Wachstumspotenzial enthalten, an der Schwelle zu “Neuem” oder bei größeren Herausforderungen.

Dabei erkenne ich rückblickend: Ich leite heute an manchen Stellen anders als noch vor 11 Jahren – und das ist gut so! Denn es zeigt: Ich habe mich weiterentwickelt und bin nicht eingerostet. Auch wenn ich das natürlich an noch vielen Stellen mir noch viel mehr wünsche – und sicherlich nicht jede Entwicklung auch nur positiv ist.

Dennoch ist eine lernbereite Haltung aber Grundvoraussetzung, um nicht zu rosten.

Als Jugendlicher habe ich in unserer Kirchengemeinde u.a. Jungschar geleitet. Legendär waren die jährlichen Osterfreizeiten. Unvergessliche Momente. Als wir vor einer dieser Osterfreizeiten unser Vorbereitungstreffen hatten und es um die Programmgestaltung ging, sagte ich dem damaligen Leiter: “Du kannst doch heute keine Freizeit mehr durchführen wie noch vor 20 Jahren.”

Ein jeden Leiter sollte klar sein, dass alleine schon durch den gesellschaftlichen Wandel, der heutzutage noch wesentlich rasanter ist, ein “das haben wir schon immer so gemacht” ein No-Go ist. Warum? Weil deine Gemeinde dann bald dicht machen kann, weil du niemanden der heutigen Generation mehr erreichst. Leider ist dieser Gedanke nicht an den Haaren herbeigezogen, sondern Realität. Auch heute “schließen” Gemeinden. Aus diesen Gründen. Und das ist tragisch.

Lernplattformen

Ich will hier nicht nur theoretisch schreiben, sondern dir auch einige konkrete Tipps mitgeben, wie ich lerne. Für mich sind es vor allem Bücher, Podcasts, Blogs und Online-Kurse – aber ganz wichtig: Dieser theoretische Lernzuwachs muss dann ganz praktisch werden, indem du das Gelernte/Gelesene/Gehörte ausprobierst. Entweder in deinem eigenen, selbständigen Tun (so bin ich beispielsweise durch diese Artikelserie auf dem Weg, frei zu predigen) die Dinge implementierst oder sie mit deinem Leitungsteam oder einem anderen Team ausprobierst.

Was Leitung und Leitungskultur anbetrifft, ist es nach wie vor und vor allem der Leadership Podcast von Craig Groeschel: www.life.chuch/leadershippodcast aber auch der Podcast von Carey Nieuwhof. Beide bieten dir auch Shownotes, durch die du das Gehörte alleine oder im Team nachbearbeiten kannst.

Carey Nieuwhof wiederum hat auch einige sehr, sehr interessante Online-Kurse veröffentlicht (Videos + Workbooks), die ich nur empfehlen kann! Sie sind sehr, sehr praktisch orientiert und äußerst hilfreich:

Auch Bücher, die direkt oder indirekt mit Leitung zu tun haben, inspirieren mich sehr. Oben schon erwähnt ist “Free to focus” (Michael Hyatt) momentan solch ein Buch.

Berufung. Eine neue Sicht auf unsere Arbeit” ist ein exzellentes Buch von Tim Keller über unsere Einstellung zu “meinem Job” im Allgemeinen. Das Buch ist nicht speziell aus Leitungsperspektive geschrieben, beinhaltet aber einige “Nuggets” auch für Leiter wie sie ihre Arbeit sehen.

Ordne dein Leben” von Gordon MacDonald ist ein Buch, das ich letzten Sommer gelesen, verschlungen und bearbeitet habe – und nach wie vor am Lernen bin, wie ich das darin Gelesene und Gelernte umsetzen kann. Auch kein klassisches “How to”-Buch für Leiter, aber unersetzlich, wenn es um Leiterschaft geht.

In eine ähnliche Richtung geht “Emotional gesund leiten” von Pete Scazzero. Eine absolute Empfehlung!

Was Gemeindeentwicklung angeht, lasse ich mich immer wieder gerne von anderen Gemeinden inspirieren. Ich surfe auf deren Homepage, ich schicke eine Email, wenn ich eine Frage habe, ich folge ihnen in den sozialen Netzwerken, um ihre Entwicklung mitzubekommen. Es bringt wenig, von einem Event / einer Predigt / einer Aktion einer Gemeinde inspiriert zu sein. Das ist besser als nichts, ja. Aber viel, viel wertvoller ist es, Gemeinden zu “folgen”, sie zu “beobachten” und sehen, welche Schritte sie warum und wie gehen und deren Entwicklung wahrzunehmen. Das ist unglaublich inspirierend!

So habe ich beispielsweise die Veränderung (und zugegeben: sie war riesig), welche die “Kirche im Brauhaus” (Gifhorn) in den letzten Monaten gegangen ist, einfach online verfolgt. Das war spannend. Das war inspirierend. Daraus habe ich jede Menge gelernt.

Inspirierende Kirchen und Gemeinden sind für mich:

Von diesen Gemeinden lerne ich durch Gespräche, durch Online-Plattformen, durch Material, durch das Schauen von Online-Videos/Predigten, durch ihre Art, Kirche zu leben, durch Artikel und vieles anderes.

Theologisch inspiriert mich momentan allen voran der Blog “Daniel Option” (www.danieloption.ch/) der Schweizer Brüder Paul und Peter Bruderer. Äußerst markant und “treffsicher” skizzieren sie theologische Herausforderungen der aktuellen Gemeinde-Landschaft. Absolute Leseempfehlung!

Ein großartiger deutschsprachiger Blog zum Thema (Gemeinde-)Leitung ist “Der Leiterblog” von Lothar Krauss.

Und nicht zuletzt versuche ich einfach von allem und jedem zu lernen, was mir so über den Weg läuft. Es ist wie mit dem Beten. Wenn Paulus uns auffordert “Betet ohne Unterlass!” (1. Thessalonicher 5, 17) meint er damit ja nicht, dass wir 24/7-Gebetstreffen 365 Tage im Jahr abhalten sollen. Er meint, dass unser Leben ein Gebet ist, dass es eben nicht “das Besondere” braucht, um beten zu können, sondern dass ich mit der Einstellung und Haltung des “Ich bete” durch den Tag gehe: Ob nach dem Aufstehen, beim Einkauf, beim Suchen einer Parklücke, wenn die Kids anstrengend sind, wenn ein Meeting super läuft, wenn die Arbeit zu viel wird, wenn es Highlight-Momente in der Ehe gibt, wenn ein Telefonanruf nervt, wenn schwierige Personen die Wege kreuzen, wenn ich mit Freunden zusammen bin, wenn ich das Leben feiere und wenn ich ins das Mittagessen koche. “Bete!”

Und genauso. In allem. Jederzeit: “Lerne!” Sei es in Begegnungen, Meetings, Diskussionen, beim Einkaufen oder Autofahren, bei Werbungen, die mir entgegenspringen oder Zeitungsartikeln: In allem kann ich lernen. Manchmal kommen großartige Ideen gerade dann, wenn sie nicht auf ein verkrampftes sondern ein offenes und lernbereites Mindset fallen. Eben dann, wenn ich mir das Lernen zur Lebensteinstellung und Alltagshaltung gemacht habe.

Und deswegen – ohne Wenn und Aber: “Lerne ohne Unterlass!


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