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Ein Brief an die Kirche

Liebe Kirche,

seit ich denken kann, bist du Teil meines Lebens. Aber ich muss dir sagen: unser Verhältnis hat sehr gelitten in den letzten Jahren und ich wünsche mir, dass du mir zuhörst, wenn ich dir sage, warum das so ist.

Als kleiner Steppke habe ich die Jungschar besucht, später die Jungenschaft und den Jugendkreis. Im Jugendalter begann ich, Verantwortung zu übernehmen und leitete Jungschar, Jugendkreis, Freizeiten und vieles mehr. Sagen wir mal so: Ich habe ’ne Menge in unsere Beziehung investiert.

Sehr regelmäßig bin ich sonntags zu dir in den Gottesdienst gegangen – aber heute kann ich’s dir ja sagen: Weniger wegen dir, sondern vielmehr wegen der anderen Freunde. In guten Zeiten haben wir zwei Bankreihen belegt – immer die gleichen, „das war halt schon immer so“. Übrigens ein Satz, den ich nur aus unserer Beziehung kenne, der mir aber tierisch auf die Nerven geht.

Nach dem Abitur folgte das Theologiestudium, über das ich seitenweise schreiben könnte, aber nur so viel: Wenn du meinst, dass diese Art der Ausbildung zukünftiger Pfarrer der Weisheit letzter Schluss ist, dann glaube ich, dass du damit falsch liegst. Ich habe es als ziemlich weltfremd, teilweise sehr glaubenshemmend und ziemlich „churchy“ (das ist übrigens kein Kompliment sondern eine Zustandsbeschreibung, wie ich sie vornehme, wenn ich zum Ausdruck bringe, dass etwas Kirchliches ziemlich alltagsfremd daherkommt) erlebt. Ich habe das Geüfhl, dass es hauptsächlich darum geht, das eigene System aufrecht zu erhalten und Nachwuchs heranzuziehen, der brav den Talar mit Beffchen anzieht (wieso eigentlich?), die liturgische Sprache einübt (ob’s die Menschen verstehen oder nicht) und wirklich beginnt zu meinen, Orgelmusik wäre etwas Geiles, obwohl kaum ein Mensch das heute noch hört. Die letzte Charts-Platzierung klassischer Kirchenmusik ist irgendwie an mir vorbeigegangen.

Du denkst vielleicht: „Lass dir mal was Neues einfallen!“ Ja stimmt. Das kritisiere ich schon eine ganze Weile und es ist nicht neu – aber du änderst dich ja so gut wie nicht, weswegen ich es auch immer wieder sagen muss. Oder was tust du, dass die Kirchengebäude sonntags voller statt leerer werden?

Inzwischen habe ich einige Gemeinden kennengelernt durch das Vikariat, den Probedienst und zwei Pfarrstellen und ich muss sagen: Ich bin schwer enttäuscht von dir, liebe Kirche. Nicht von den Menschen vor Ort, nein! Nicht von den Gemeinden vor Ort, nein! Sondern von dir als Institution, als Dachverband, als Landeskirche – nenne es, wie du möchtest.

Kritik, die geäußert wird, verhallt. Die Basis wird so gut wie gar nicht wahrgenommen. Innovative Gemeinden und Konzepte werden hier und da unterstützt – das ist großartig, ja! Aber das Problem ist doch: Das ist nur ein kleiner, verschwindend geringer Anteil. Der große Rest läuft im Mainstream tapfer weiter Richtung….Untergang? Darf ich das so drastisch mal formulieren?

Immer noch hältst du an Formen fest, die heutzutage kaum einen Menschen interessieren. Predigten und Messen (ups, jetzt meine ich auch mal deine Schwester) sind teilweise so realitätsfern, wie mir Menschen immer und immer wieder bescheinigen, dass ich mich inzwischen schon gar nicht mehr freue, wenn Menschen bei uns sagen: „Wow, ihr seid so ganz normal; so anders; so nah am Menschen!“ Ich bin vielmehr traurig darüber, dass das scheinbar die Ausnahme ist.

Liebe Kirche,

weißt du, was ich dir wünsche? Mut! Einfach mal ’ne Menge Mut!

Mut, die Dinge anders zu machen als bisher.

Mut, der einsieht, dass es so nicht weitergehen kann.

Mut, der bereit ist, auch mal über den eigenen Schatten zu springen und zu lernen von denen, gegenüber denen du dich meist ein wenig herablassend äußerst – du nennst sie oft „die Frommen“ oder „die Evangelikalen“ oder „die Freikirchen“ – aber hey, meine Liebe: Die beißen allesamt nicht. Die sind echt supernett!

Ich wünsche dir Mut, der die nötigen Schritte geht, damit wieder Menschen das Evangelium in der „Volkskirche“ hören und nicht in Freikirchen abwandern müssen – ich kann diese Menschen so gut verstehen! Wirklich! Und ich freue mich, wenn Freikirchen wachsen – aber nun bin ich mal Pfarrer der Landeskirche und deswegen ist es doch vollkommen logisch, dass ich möchte, dass auch dieser Zweig deines Daseins wächst, blüht und gedeiht.

Ich wünsche dir einen Mut, der dich mal „out of the box“ denken lässt – und du wieder zurück findest zur Mitte deines Seins: Jesus Christus! Hör bitte endlich auf, dich mit Randthemen zu beschäftigen, sondern komme dem nach, was Jesus als Vermächtnis auf dieser Erde zurückgelassen hat, ehe er in den Himmel zu seinem Vater ging: „Macht alle Menschen zu Nachfolgern von mir!“ (Matthäus 28)

Er sagte nicht: „Führt den Grünen Gockel ein!“ Auch sagte er nicht: „Werdet zu Greenpeace mit Handauflegen“ (wie es Jan Fleischhauer einmal sagte). Ebensowenig hat er gesagt: „Aktuelle politische Diskussionen und Themen sollen auch in der Verkündigung der Kirche im Zentrum stehen!“ Hat er alles nicht gesagt – wieso tust du das nur viel eifriger, als den Menschen zu sagen: „Es gibt einen Gott , der dich liebt und sich so sehr nach dir sehnt, dass sein Sohn stellvertretend für dich starb, damit der Zugang zu ihm frei ist. Denn er alleine trägt in den Höhen und Tiefen des Lebens. Jesus alleine. Sonst niemand und nichts.“ Glaubst du es denn etwa nicht mehr, dass alleine Jesus den Menschen rettet? Dann könnte ich ja verstehen, dass die anderen Themen wichtiger sind, denn dann ist es in der Tat vollkommen egal, was du verkündigst.

Und ich wünsche dir Mut, in der aktuellen Corona-Pandemie deinen Gemeinden nicht noch mehr Hindernisse und Bürden aufzuerlegen, als sie ohnehin schon tragen müssen. Angst war noch nie ein guter Ratgeber – also hör auf, ängstlich zu sein!

Ach, liebe Kirche, du bist so schön, so stark, so lebendig, weil Jesus dein Boss und oberster Meister ist, wie es in diesem Buch namens Bibel heißt. Verstehst du nicht, dass du dich hässlicher, schwächer und weniger lebendig machst, wenn du ihn aus der Mitte verdrängst? Oder anders gesagt: Ohne Jesus im Zentrum bist du weit weniger attraktiv für Menschen! Das klingt paradox, ich weiß. Aber Menschen suchen doch nach etwas, das wirklich Halt gibt, ein Fundament, das wirklich trägt und Sinn gibt – du musst nicht die ganzen Mainstream-Zeitgeist-Floskeln wiederholen, denn du hast die Antwort in dir, die wirklich die einzig gute und hilfreiche Antwort ist.

Ich wünsche dir so sehr, dass die Hauptsache wieder die Hauptsache wird, dann regeln sich auch ein paar Nebensächlichkeiten. Dazu brauchst du Mut, ich weiß.

Liebe Kirche, ich will dir gerne helfen. Ich habe dir diesen Brief nicht geschrieben, weil ich einfach nur mal was loswerden wollte. Ich wollte dir sagen: Es geht auch anders! Schau mal über deinen Horizont hinweg in so vielen Regionen dieser Erde gibt es dich und du wächst, gedeihst, führst Menschen zum Glauben an Jesus. Wenn du genauer hinschaust, wirst du erkennen, dass das bei weitem und mit großem Abstand dort geschieht, wo es sich um so genannte „Freikirchen“ handelt und dort, wo Christen wegen ihres Glaubens verfolgt werden. Es ist in den seltenen Fällen die Staatskirche.

Ich frage dich: Willst du wieder Volkskirche werden und „dem Volk auf’s Maul schauen“? Ich fände das großartig. Wenn nicht jetzt – wann dann benötigen die Menschen Hoffnung, Zuversicht und einen Halt, der im Leben und Sterben trägt?

Du alleine hast ihn als Schatz in deiner Hand – und verpasst es so oft durch dein Auftreten, deine Sprache, deine Formen, diesen Schatz an Mann und Frau zu bringen. Du schaffst noch nicht mal die 5%-Hürde (deiner Mitglieder), was den Gottesdienstbesuch betrifft, meinst aber, dich in politische Diskussionen und gesellschaftliche Probleme einmischen zu müssen – unbedingt! Nur merkst du nicht, dass das wenig glaubhaft ist, wenn dir 95% deiner eigenen Mitglieder gar nicht zuhören wollen?

Liebe Kirche, es gibt keine Gemeinschaft, keine Ansammlung von Menschen, kein „Verein“, der so viel Kraft in sich trägt wie du – weil Jesus sie dir gibt. Wann setzt du sie endlich wieder frei? Wann nimmst du dir mal die Zeit, setzt sich hin und sagst ehrlich: So geht’s nicht weiter! Es muss sich grundsätzlich etwas ändern!

Vor gut 500 Jahren hat ein „kleines, versoffenes Mönchlein“, wie er von seinen Gegnern genannt wurde, diese Welt und die Kirche auf den Kopf gestellt – Martin Luther. Ich glaube, der würde dir heute auch gut tun! Einer, der darauf geschaut hat, dass der oben angesprochene Schatz wirklich bei den Menschen ankommt. Er hat Wert darauf gelegt, dass Kirche in zeitgemäßen Formen sich auf den Weg zu den Menschen macht. Und was machst du? Du meinst, dass die Formen aus Luthers Zeiten auch heute noch zeitgemäß wären. Ich hoffe, du erkennst eines Tages, dass Luther gar nicht gewollt hätte, dass seine Lieder heute noch gesungen werden sondern dass er sich gewünscht hätte, zeitgemäße Ausdrucksformen zu finden. Der Versuch, die Reformation zu konservieren ist gescheitert! Es muss sich etwas ändern – und zwar von Grund auf.

Oh wie gerne würde ich das noch erleben, wie gerne würde ich Teil dieses Prozesses sein, wie gerne würde ich meine Kraft hineingeben in diesen Prozess, wenn er beginnt. Sagst du mir Bescheid, wenn’s losgeht?

Ich habe im Kleinen bei mir vor Ort, dort wo ich bin, schon begonnen damit. Und ich habe dort, wo ich bin, eine Ausdrucksform deiner selbst (also eine Kirchengemeinde) vorgefunden, die diesen Weg, diesen Prozess schon seit Jahrzehnten geht. Ich mach einfach nur weiter – ich habe das Rad nicht neu erfunden. Aber ich werde es mir nicht nehmen lassen, „dem Volk auf’s Maul zu schauen“ – und nicht deine gut gemeinten Ratschläge, Verlautbarungen und Gottesdienstformulare meiner Arbeit zu Grunde zu legen, denn das wird nicht viel bringen. Ich versuche es, ich stolpere, ich scheitere. Ich trage Wunden und Verletzungen davon, liebe Kirche! Manches von dem, was ich mache, ist nicht gut. Manches von dem, was ich mache, muss auch wieder „rückgängig gemacht werden“. Ich bin einfach nur fehlerhaft, alles andere als perfekt und mache eine Menge Fehler (und manchmal lerne ich sogar aus ihnen). Mich treibt einfach nur diese unbändige Sehnsucht um, dass Menschen Jesus begegnen.

Ich will eines Tages nicht zurückblicken und sagen: „Super, David, du hast dich dem kirchlichen Mainstream angepasst und keinen Ärger gemacht.“ Ich will zurückblicken und hoffen, dass mein Dienst davon geprägt ist, dass Menschen Jesus kennenlernen und ihm nachfolgen.

Ich habe vorhin viel von Mut gesprochen. Corrie ten Boom sagte einmal: „Mut ist Angst, die gebetet hat!“ Angst scheinst du jede Menge zu haben (genauso wie ich auch) – was glaubst du, wie viel Mut daraus werden könnte, wenn du es nur zulässt? Unfassbar viel, unfassbar Großes, unfassbar Schönes kann daraus erwachsen.

Liebe Kirche, du hast mich nun fast 43 Jahre meines Lebens begleitet – und ich wünsche mir, dass es noch viele Jahre werden. Versichern kann ich es dir nicht, aber ich will meinen Teil dazu beitragen, dass die Beziehung bleibt – du auch?

Liebe Grüße,

Dein David


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Wein. Geschenk Gottes

„Was ist eigentlich ein guter Wein?“ Dieser Frage geht Oliver Kircher in seinem Buch „Wein – Geschenk Gottes“ nach. Und es ist eine faszinierende Reise, die der Leser antritt. Das Buch ist von der ersten bis zur letzten Seite voller Leidenschaft und Eleganz, voller Liebe und Wissen rund um das Thema „Wein“.

Ich kenne Oliver Kircher nicht persönlich, aber ich würde gerne bei ihm „in die Schule gehen“. Auf bestechende Art und Weise schreibt er nicht nur ein paar Kriterien auf in Form eines Rundumsorglos-Pakets, was denn ein guter Wein sei.

Er geht das Thema viel, viel umfassender, tiefschürfender und nachhaltiger an. Als ich die letzten Seiten gelesen und das Buch zugeklappt hatte, dachte ich: „Wow! Ich will das alles nach und nach umsetzen.“

Tipps und Know-How vom Experten

Oliver Kircher (Jahrgang 1966) ist Pastor und Sommelier. Nachdem er in Süddeutschland zunächst als Pastor tätig war, ist er nun als Weinfachmann und Sommelier unterwegs und bietet unter anderem Seminare zum Thema „Wein und Bibel“ an.

Beim Lesen merkt man sofort: Hier schreibt ein Fachmann, der sich nicht nur Wissen angeeignet, sondern seine Leidenschaft zum Beruf gemacht hat. Er kommt nicht belehrend, sondern begeisternd daher. Und die Vielfalt dessen, die es in diesem Buch zu entdecken gibt, ist unglaublich groß.

Das beginnt bei den ganz kleinen Dingen wie den richtigen Gläsern oder was einen guten Korkenzieher ausmacht. Dann aber geht es natürlich um die „großen Themen“. Wie muss ein guter Boden beschaffen sein, damit er reiche Frucht bringt? Kircher schreibt über die unterschiedlichen Rebsorten und den Weinberg, die einzelnen Pflanzenbestandteile sowie die wichtigen Dinge, die es benötigt, um den Wein nicht nur richtig anzupflanzen, sondern auch zu pflegen.

Es geht um Aromen, die Farbe des Weins und was einen Tropfen zu einem „edlen Tropfen“ macht. Im Prinzip könnte man sagen: Kircher lässt nichts aus, was zum Thema „Wein“ zu schreiben wäre.

Was mich beim Lesen immer wieder begeistert hat, sind vor allem drei Dinge: Kircher schreibt voller Leidenschaft. Wie oben schon erwähnt, vermittelt er nicht nur Wissen, sondern schreibt und schöpft aus einem breiten Erfahrungsschatz als Sommelier und Weinexperte. Er lebt, was er schreibt.

Zum zweiten besticht dieses Buch durch eine gewisse Eleganz. Die Wortwahl, die Vergleiche bis hin zum Satzbau ist es keine triviale Sprache. Die Schönheit des Weins spiegelt sich in diesem Buch in der Schönheit der Sprache wider. Es macht schlicht und einfach große Freude, an diesem Buch dran zu bleiben und die Wein-Entdeckungsreise nicht zu oft zu unterbrechen.

Und zuletzt schreibt Kircher sehr authentisch. Gespickt ist dieses Buch mit persönlichen Erlebnissen des Autors – aber auch mit persönlichen Fehlern und falschen Annahmen, die er vor allem zu Beginn seiner Wein-Leidenschaft lebte und machte. Das macht es für mich als Laien natürlich noch attraktiver, ihm „zuzuhören“, weil hier niemand „von oben herab“ schreibt, sondern sich wirklich nicht zu schade ist, eigene Fehler zuzugeben, aus denen er selbst gelernt hat.

Wein, Gott und die Bibel

Und dann kommt etwas dazu, was mich wirklich beeindruckt. „Wein – Geschenk Gottes“ ist der Titel des Buches. Wie wird nun das Ganze miteinander verbunden? Irgendwie platt und mit der frommen Keule? Mitnichten!

„Wie aus dem Nichts“ würde man im Fußball sagen, tauchen plötzlich biblische Vergleiche, Bibelstellen oder biblische Personen auf, die sich in das von Kircher Erzählte einfügen. Aber nicht, dass sie stören würden – ganz im Gegenteil: Wie ein organisches Geschehen, wie zwei Dinge, die einfach zueinander gehören und gar nicht künstlich nebeneinander gestellt werden müssen schreibt Kircher über Wein – und über seinen Glauben. Er schreibt über die Schönheit des Weins und dass er des Menschen Herz erfreue (Psalm 104), er schreibt über den Fleiß, die harte Arbeit, die der Weinbau mit sich bringt – und findet einige biblische Beispiele.

Was mich theologisch besonders fasziniert, sind seine Darlegungen zum Genuss. Kirche bzw. der christliche Glaube steht scheinbar oft in der Gefahr, von zwei Seiten des Pferdes herunterzufallen: Entweder sind Christen die größten Spaßbremsen oder sie übertreiben es gewaltig und schwelgen in Luxus (vgl. manch Skandale in der katholischen Kirche oder bei Verkündigern des sogenannten Wohlstandsevangeliums).

Kircher wählt und beschreitet den Mittelweg – und das auf herausragende Weise. Er schafft es, immer wieder (und vor allem in der zweiten Hälfte des Buches) den Genuss des Weines, was mit Sicherheit auch Luxus ist, auf verantwortungsvolle Weise geistlich zu verorten.

Denn wenn Menschen die kreative Fähigkeit besitzen, mehr aus der Nahrungsaufnahme zu gestalten, als sich schlicht überlebensnotwendige Nährstoffe zuzuführen, dann hatte wohl doch der schöpferische Gott seine Finger im Spiel. Ihm geht es darum, dass wir Essen und Trinken mit allen Sinnen wahrnehmen können. Wir dürfen dabei Freude und Lebensglück empfinden.Oliver Kircher: Wein, S. 128

Freude und Lebensglück. Das passt zu Wein – das passt aber auch zu diesem Buch.

Praktische Tipps und hohe Ästhetik

Zwei Dinge runden dieses Buch so richtig schön ab. Zum einen ist es die Ästhetik. Neben der sprachlichen Ästhetik ist es auch die grafische Gestaltung des Buches, die sehr ansprechend ist. Viele Fotos von Wein, Weinreben, Weinbergen, von üppig gedeckten Tischen mit leckeren Gerichten und Weingläsern belegen: „Das Auge liest mit.“ Man bekommt richtig Lust, das Gelesene anzuwenden.

Zum zweiten sind es jede Menge „Wissensboxen“ im Buch, in denen der Autor ganz praktisches Wissen – also „Tipps & Tricks“ weitergibt. Als eines von vielen Beispielen seien nur die Wissensboxen genannt zur Kombination von „Wein und Mahlzeit“ – sprich: Welcher Wein passt zu welcher Mahlzeit?

Und zu guter Letzt für alle, die sich theologisch noch mehr in das Thema hinein vertiefen möchten, bietet Kircher am Ende eine Übersicht ausgewählter Bibelstellen zum Thema Wein mit einigen Gedanken und Erklärungen.

Mehr Infos über den Autor: www.weinpfarrer.de

ZUSAMMENFASSUNG
„Wein – ein Geschenk Gottes“ bietet kompakt in einem Buch nicht nur Wissen über Wein sondern auch über biblische Zusammenhänge zu diesem Thema.

Ästhetisch und sprachlich sehr ansprechend gestaltet ist es eine wahre Fundgrube für jeden, der sich eingehender mit dem Thema beschäftigen möchte. Der Leser findet nicht nur nachahmenswertes Know-How sondern auch viele geistlich-theologische Gedanken, die weit über das Thema „Wein“ an sich hinaus reichen und Antworten auf theologische Fragen nach dem Genuss, der Großzügigkeit und kreativen Schöpferliebe Gottes und einem verantworteten Umgang mit Wohlstand.

Ich empfehle dieses Buch gerne, weil ich der Überzeugung bin, dass jeder, der gerne Wein trinkt, nach dem Lesen dieses Buches dem Weingenuss noch intensiver, noch verantworteter und noch leidenschaftlicher nachgehen wird.

[su_icon_text icon=“icon: book“ icon_color=“#3b5998″]208 Seiten[/su_icon_text] [su_icon_text icon=“icon: book“ icon_color=“#3b5998″]ISBN: 978-3-7751-5970-8[/su_icon_text] [su_icon_text icon=“icon: map-marker“ icon_color=“#3b5998″ url=“https://www.scm-shop.de/wein-7515598.html?pa=8801005″ target=_blank]SCM Verlag[/su_icon_text] [su_icon_text icon=“icon: euro“ icon_color=“#3b5998″]19,99[/su_icon_text]

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How to Dad

Wie um alles in der Welt kann ich eigentlich ein guter Papa sein? Und wie kann ich meine Kids im Glauben an Jesus erziehen, so dass sie selbst ihren Glauben leben wollen und nicht darunter leiden, „fromm erzogen zu sein“? (Wie leider so viele junge Menschen!)

Wäre es nicht gut, es gäbe ein Buch, das nicht mit Lösungen um die Ecke kommt, sondern mit Erfahrungen, Erlebnissen, Momenten des Scheiterns und inspirierenden Storys?

An alle Papas: dieses Buch ist wirklich gut! Wieso? Drei einfache Gründe: Erstens ist der Autor, Jerrad Lopes, selbst Papa. Zweitens schreibt er in seinem Buch von jeder Menge peinlicher Momente, in denen du beim Lesen die Augen zukneifst und sagst: „Bitte, bitte, lieber Gott, bitte nicht…..oh er hat es doch getan!“ Und drittens: Jerrad Lopes kommt nicht mit billigen, frommen Floskeln daher oder gar irgendwelcher Patentrezepte.

Kein billiger Ratgeber

„How to Dad“ ist kein Ratgeber mit 101 Fakten und „Must have“. Es ist das Buch eines jungen Vaters, das wirklich inspiriert.

„Warum du nicht perfekt sein musst, um deiner Familie im Glauben voranzugehen“ ist der perfekte Untertitel für dieses Buch. Lopes liefert genug Beispiel! Ich will hier nicht spoilern, ansonsten würde ich euch Szenen aus dem Buch vorstellen, in denen das Wort „Fremdschämen“ oder „Totlachen“ eine ganz neue Bedeutung bekommt. Manchmal habe ich bei Lesen gedacht: „So viel Komik, Tragik, Slapstick und Fettnäpfchen reichen eigentlich für mehrere Väter.“ Lopes aber hat immer „hier“ geschrien.

So lustig das klingt – so sehr ist es die Stärke dieses Buches.

Jerrad Lopes erzählt seine eigenen Geschichten und platziert biblische Personen, biblische Ereignisse oder einzelne Bibelverse wirklich gekonnt und genau am richtigen Platz. Kein einziges Mal dachte ich beim Lesen: „Ach ja, jetzt kommt noch die fromme Keule.“ Vielmehr ist das passiert, was ich mir viel mehr noch von „christlichen Büchern“ wünsche: Die Botschaft der Bibel – egal ob paraphrasieren erzählt oder in Form von Bibelstellen – hat sich vollkommen organisch in das eingefügt, was Lopes schreibt und transportieren möchte.

Reich Gottes ganz praktisch

Lopes gliedert seine neun Kapitel in drei große Bereiche: Teil 1: Das Reich Gottes um dich herum, Teil 2: Das Reich Gottes in dir und Teil 3: Das Reich Gottes durch dich.

Und genau darum geht es ihm in seinem Buch: Reich Gottes. Ich glaube, dass jeder Vater, der sich als Christ bezeichnet, fragt, wie er in dieser Welt einen Unterschied machen und Reich Gottes leben kann. In den letzten Jahren haben wir im deutschsprachigen Raum (vor allem durch die „missionale Theologie“) viel darüber gelesen und hoffentlich auch gelernt, dass Reich Gottes mehr ist als nur Gemeinde – nämlich überall dort, wo wir als Christen hingesandt sind: Unsere Gesellschaft, unser Arbeitsplatz, der Verein, die Nachbarschaft.

Das ist alles korrekt – aber wir haben einen wichtigen Bereich zu wenig thematisiert: Die Familie. Deswegen erscheint Lopes‘ Buch genau zur richtigen Zeit. Es lenkt den Blick darauf, wie christliche Väter und Ehemänner auf eine wirklich gute, ehrliche, authentische und gleichzeitig biblisch fundierte und mit dem Eingreifen Gottes rechnende Art und Weise ihre Identität als Ehemann und Vater leben können.

Lopes schafft es, dieses – zugegeben – große Anliegen auf verständliche Weise in kleine Häppchen aufzuteilen (die drei großen Teile gliedern sich nochmals in jeweils drei Kapitel), kurzweilig zu schreiben und vor allem eines: Den Leser motivieren, das Buch nicht nur zuzuschlagen, sondern nachzudenken, zu beten und Neues auszuprobieren, mag es noch so schräg oder peinlich sein: Bei Jerrad Lopes war es schlimmer – das weiß man nach dem Lesen. Ich sag nur: vermeintliche Autorenlesungen im Schulhof der Schule oder oder ein kleines Kind, das im Supermarkt mal „groß“ muss.

Mehr wird aber nicht verraten! Wenn du Papa bist, kauf dir das Buch unbedingt. Wenn du Mama bist – schenk es dem Vater deiner Kinder. Mich hat es auf jeden Fall sehr inspiriert, mehr „Nein“ zu sagen (zu anderen Dingen) und zu investieren – in meine Ehe und in meine Familie.

Mehr als ein Buch

Wenn du noch mehr über Jerrad Lopes wissen möchtest, empfehle ich dir unbedingt seine Homepage. Er hat mit „Dad Tired“ nicht nur eine Online-Community gegründet, in der sich tausende Väter austauschen (ich bin selbst auch dabei), sondern auch einen eigenen Podcast, Instagram-Account – und somit hast du jede Menge Quellen, um weiter Inspiration zu erhalten.

Wie authentisch und ehrlich Jerrad Lopes an dieses „Thema“ herangeht, habe ich vor wenigen Wochen in einer Zoom-Konferenz (initiiert vom ICF München) selbst erleben können.

www.jerradlopes.com

www.dadtired.com

www.instagram.com/dad.tired/

ZUSAMMENFASSUNG
„How to Dad“ ist genau das richtige Buch für Väter, die ihre Identität als Ehemann und Vater stärken möchten

Einfach geschrieben und dennoch substantiell. Humorvoll und wachrüttelnd zugleich – das ganze Leben als Vater widerspiegelnd erzählt Jerrad Lopes von seinen eigenen Siegen und Niederlagen. Mit biblischen Beispielen und Bibelstellen gestützt ermutigt er den Leser auf unglaubliche Art und Weise. Ein ehrliches, ein authentisches und ein zutiefst hilfreiches Buch!

…und ganz am Ende gibt’s dann doch noch ein paar praktische Beispiele und Ideen.

[su_icon_text icon=“icon: book“ icon_color=“#3b5998″]192 Seiten[/su_icon_text] [su_icon_text icon=“icon: book“ icon_color=“#3b5998″]ISBN: 9783765521096[/su_icon_text] [su_icon_text icon=“icon: map-marker“ icon_color=“#3b5998″ url=“https://www.gerth.de/index.php?id=details&sku=192109000″ target=_blank]Gerth Medien[/su_icon_text] [su_icon_text icon=“icon: euro“ icon_color=“#3b5998″]15,00[/su_icon_text]

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Ankern

„Ich glaube nicht mehr“ ist ein Satz, den ich in den vergangenen Monaten und Jahren immer wieder hörte und las. Der Grund: progressive Theologie. Was verbirgt sich dahinter? Was ist das eigentlich, diese „progressive Theologie“? Wieso ist der Gott progressiver Christen nicht gleichzusetzen mit dem Gott historischer Christen? Was sind überhaupt historische Christen und progressive Christen, historisches Christentum und progressives Christentum? Sind die einen „veraltet“ und die andern „fortschrittlich“?

Auf diese Fragen liefert Alisa Childers profunde und theologisch sauber durchdachte Antworten. Ihr Buch trägt (auf deutsch) zurecht den Untertitel „Eine Verteidigung der biblischen Fundamente in postmodernen Gewässern“. Der englische Originaltitel drückt es vielleicht noch drastischer aus: „Another Gospel?“ („Ein anderes Evangelium?“)

Es geht darum, ob „progressive Theologie“ den Glauben stärkt oder schwächt; ob die Erkenntnisse so genannter „progressiver Theologen“ dazu führen, dass Menschen in ihrem Glauben an Jesus Christus fester verwurzelt oder aus diesem Glauben entwurzelt werden.

Was muss man darunter verstehen?

Heute sind viele populäre christliche Autoren, Blogger und Redner progressiv. Ganze Denominationen sind inzwischen voller Leute, die sich so nennen. Dennoch sitzen viele andere Christen Sonntag für Sonntag in den Kirchenbänken, ohne auch nur zu ahnen, dass ihre Gemeinde sich eine progressive Theologie zu eigen gemacht hat.

Progressive Christen meiden absolute Aussagen und sammeln sich typischerweise nicht um Glaubensbekenntnisse oder Glaubensaussagen. Der progressive Blogger John Pavlovitz etwa schrieb im progressiven Christentum gebe es „keine heiligen Kühe“. Um progressives Gedankengut zu erkennen, mag es deshalb hilfreich sein, den Finger auf gewisse Hinweise, Stimmungen und Haltungen gegenüber Gott und der Bibel zu legen.

So betrachten progressive Christen die Bibel etwa als ein vorwiegend menschliches Buch und betonen das persönliche Gewissen und die persönliche Lebenspraxis gegenüber Gewissheiten und Überzeugungen.

Außerdem neigen sie dazu, wesentliche Glaubenslehren, wie die Jungfrauengeburt, die Göttlichkeit Jesu und seine leibliche Auferstehung, umzudefinieren, neu zu interpretieren oder gar ganz abzulehnen.Alisa Childers: Ankern, S. 18

Sicherlich keine allumfassende Definition von „progressivem Christentum“, aber Childers gibt hierdurch schon einmal ein paar Gedanken mit auf den Weg, wie sie „progressives Christentum“ sieht. Übrigens: Im weiteren Verlauf des Buches zitiert sie immer wieder sehr viele unterschiedliche Vertreter des progressiven Christentums (wie bspw. Brian McLaren, Nadia Bolz-Weber, Rachel Held Evans, Jen Hatmaker, Rob Bell, Brian Zahnd), so dass am Ende des Buches ein weitaus klareres Bild gezeichnet ist, was „progressives Christentum“ bedeutet.

Persönlich betroffen

Childers schreibt nicht distanziert, sondern als direkt Betroffene. Durch das gesamte Buch ziehen sich ihre Notizen und Erinnerungen an einen „theologischen Kurs“ in der Gemeinde, die sie vor einigen Jahren mit ihrem Ehemann besuchte. Der Pastor dieser Gemeinde (ein Agnostiker, wie er sich selbst bezeichnete) bot einen Kurs an, in dem so ziemlich alles hinterfragt wurde, was Childers bis dahin glaubte:

Während dieses Seminars wurden meine Überzeugungen infrage gestellt, mein Glaube erschüttert und mein Innerstes in Aufruhr versetzt. Alisa Childers: Ankern, S. 6

Nicht nur auf einer Meta-Ebene, ihren Glauben als metaphysisches Gedankengebilde betreffend, war diese Erschütterung real, sondern ganz praktisch in ihrem Alltag, dem das Fundament, der Boden unter den Füßen entzogen wurde.

Es war dunkel. Ich saß alles andere als bequem in einem Schaukelstuhl, dessen Armlehnen sich mir unangenehm in die Hüfte drückten. Mein unruhiges Kleinkind in den Armen wiegend, sang ich leise eine Hymne in die Dunkelheit – eine Dunkelheit, die mir so undurchdringlich vorkam, als könne sie meine Schluchzer in dem Moment ersticken, in dem sie meine Kehle verließen.
Ich wandte mich an einen Gott, von dem ich nicht mehr länger wusste, ob es ihn überhaupt gab. „Gott, ich weiß, du bist real“, flüsterte ich. „Bitte lass mich deine Gegenwart spüren. Bitte.“
Nichts.Alisa Childers: Ankern, S. 11

Das gesamte Buch hindurch beschreibt Childers diese ganz persönlichen Erfahrungen und Erlebnisse – sie sind teilweise nur schwer zu ertragen, wenn man sich vor Augen führt, in welche Zweifel, welche Tiefen und in welche Schwärze sie dadurch hineingeworfen wurde. Zwar ist Childers im christlichen Glauben aufgewachsen und großgeworden – bezeichnet sich aber selbst als schon immer kritisch denkend und hinterfragend, ist also alles andere als das „fromme US-Girl“, das man sich aus dem amerikanischen Bible Belt so vorstellt.

Ja, sie geht mit manchem, was sie in ihrem „christlichen Leben“ so erfahren und was ihr begegnet ist, durchaus kritisch ins Gericht. Sie spricht immer wieder von den Kieselsteinchen in den eigenen Schuhen, die beim Gehen drücken und schmerzen, die man widerwillig in Kauf nimmt und weiß „da stört etwas“ – aber dem keine größere Bedeutung beimisst oder es schnell mal wegdrückt.

So beschreibt Childers auch diverse Erlebnisse, die sie als Teil der Band „ZOEGirl“ hatte, während sie in den USA (und darüber hinaus) auf Tour war. Sie schreibt davon, wie so mancher Bekehrungsaufruf anderer Prediger auf der Bühne so ein Kieselsteinchen im Schuh war. Nicht, weil sie nicht theologisch dahinter gestanden wäre, sondern weil sie sich fragte, wie es wohl mit den (vielen) Teenagern, die in einem besonderen Moment ihr Leben Jesus übergaben, nach diesem Ereignis wohl weiterginge. (vgl. Kapitel 2 „Die Steine in meinen Schuhen“).

Diese lange „Einleitung“ stelle ich deswegen voran, weil sie zwei wichtige Grundlagen verdeutlicht:

  1. Childers schreibt nicht wie ein Blinder von der Farbe sondern als jemand, der in progressive Theologie direkt involviert war und sich intensiv damit auseinandersetzte.
  2. Childers schaut selbstkritisch und selbstoffenbarend auf ihre eigene Glaubensbiografie zurück, erkennt Schwachstellen genauso wie Stärken und glorifiziert nichts von dem, wie sie ihren Glauben lebte, wie sie ihn vermittelt bekam und wie sie darin aufwuchs.

Auf diese Weise kann Childers überzeugend von der Folge progressiver Theologie schreiben, nämlich der Dekonstruktion des Glaubens, während sie hier (wie die meisten progressiven Christen und Theologen) nicht stehen bleibt, sondern im letzten Kapitel ihres Buches von der Rekonstruktion des Glaubens schreibt.

Progressiv vs. Historisch

Auf dieses „Duell“ läuft es im Buch immer wieder – zurecht – hinaus. In den zwölf Kapiteln widmet sich Childers wichtigen theologischen Fragen, welche mal mehr oder weniger von der Peripherie her kommend, das „Grundkorsett“ des christlichen Glaubens ausmachen:

  • Ist Jesus Gott oder nur Mensch?
  • Ist die Bibel göttlich inspiriert oder doch (vor allem) nur ein von Menschen verfasstes Werk?
  • Gibt es Himmel und Hölle – auch in der Ewigkeit, nicht nur als irdische Bildsprache?
  • Welche Bedeutung hat der Tod Jesu am Kreuz?
  • Wie bindend oder inspirierend ist die Bibel im Blick auf ethische Themen von heute wie bspw. die Gender-Frage oder Homosexualität?
  • Beten alle Religionen den gleichen Gott an oder gibt es Unterschiede?

Diesen Fragen geht Childers meist auf dreifache Weise auf den Grund, ohne dabei ein bestimmtes Schema zugrunde zu legen:

  1. Childers lässt Vertreter des „progressiven Christentums“ zu Wort kommen.
  2. Childers beschreibt Gespräche und Treffen des oben genannten Kurses in der Gemeinde.
  3. Childers kontrastiert diese Aussagen mit den Zeugen der ersten Christenheit, also Vertretern der so genannten „Alten Kirche“ (ca. erstes bis drittes Jahrhundert).

Dabei trifft Childers eine grundlegende Entscheidung, die ich vortrefflich finde und für mich der wahre „Knackpunkt“ ist. Sie kontrastiert die Theorien und Theologie des progressiven Christentums nicht mit einer Theologie einer anderen theologischen Strömung der heutigen Zeit.

Vielmehr kontrastiert sie diese Aussagen mit den Aussagen, die wir in den ersten Aufzeichnungen der christlichen Gemeinde, in der Epoche der so genannten „Alten Kirche“, finden. Dieser Zeitraum belegt nämlich (wie es Childers auch immer wieder erwähnt): Die Ideen der „progressiven Theologie“ sind alles andere als „neu“ oder „innovativ“. Sie sind uralt und in der Kirchengeschichte schon längst als Häresie (Irrlehre) verworfen worden.

Demgegenüber ist der Kern des christlichen Glaubens „historisch“ (und nicht „traditionell“ oder „konservativ“), da er sich auf ein historisches Ereignis (das Leben, Sterben und Auferstehen Jesu) bezieht und in der Geschichte (Historie) der ersten Christen immer wieder auftaucht. Childers schreibt:

Während meine tiefen Überzeugungen von dem progressiven Pastor und meinen Mit-Kursteilnehmern regelmäßig infrage gestellt wurden, war ich bemüht, zu den Wurzeln unsres Glaubens zurückzugelangen – zu dem, was ich „historisches Christentum“ nenne.

Warum habe ich mich für das Wort „historisch“ entschieden statt für „traditionell“ oder „konservativ“? Wahrscheinlich deshalb, weil diese Ausdrücke zu viel Gepäck mit sich herum tragen. Sie können für unterschiedliche Leute sehr verschiedene Bedeutungen haben. Ich nenne es „historisch“, weil es genau darum geht.
Zwischen den Glaubensbekenntnissen aus vor-neutestamentlicher Zeit und den neutestamentlichen Dokumenten definierten die ursprünglichen Glaubenssätze das Christentum, die es einzigartig in der Welt gemacht haben.Alisa Childers: Ankern, S. 54

Childers erwähnt es in „Ankern“ immer wieder: Hinter ihr liegen Jahre der Auseinandersetzung und der Beschäftigung mit historischem Christentum, progressivem Christentum und Apologetik. Und das merkt man. Was Childers schreibt, schreibt kein Mensch einfach mal so. Man spürt sowohl ihre persönliche Betroffenheit, ihre Leidenschaft wie auch die tiefen theologischen Wahrheiten, die sie benennt.

Und hier wird das Buch sicherlich nicht jedem schmecken – schon gar nicht Vertretern progressiver Theologie, denn Childers kommt zu klaren Erkenntnissen und scheut sich nicht, diese auch in Worte zu fassen.

Zum Beispiel über die Frage nach Himmel und Hölle.

Ich sage jetzt etwas Unpopuläres. Wir leben in einer Kultur, in der es als arrogant, ja hasserfüllt gilt, wenn man dogmatische Aussagen über die Realität macht. Aber wenn wir glauben, dass die Bibel wahr ist – wenn wir unserem Herrn Jesus folgen –, dann müssen wir mit ihm dies bejahen: Der Himmel ist real. Die Hölle ist real. Und eines Tages wird die Tür sich schließen.Alisa Childers: Ankern, S. 228

Oder auch im Blick auf die Frage nach dem Sühnetod Jesu im Kapitel „Kosmische Kindesmisshandlung“ (so wird das Kreuzesgeschehen mitunter von progressiven Theologen bezeichnet):

Progressive Christen glauben, sie stellen Gott in einem toleranteren Licht dar, indem sie den stellvertretenden Sühnetod Jesu verneinen. Aber in Wirklichkeit konstruieren sie damit nur einen co-abhängigen und ohnmächtigen Gott, der dem Bösen nichts entgegenzusetzen hat. Dieser Gott ist nicht wirklich gut. Dieser Gott ist nicht der Gott der Bibel. Dieser Gott kann niemanden retten.Alisa Childers: Ankern, S. 252

Fazit

Doch damit möchte ich diese Buchvorstellung nicht enden lassen. Ich will es Childers gleichtun und mit ihren Worten der Hoffnung enden. Denn das macht dieses Buch: Hoffnung.

Man muss weder beim Schaden, den progressive Theologie in den Gemeinden angerichtet hat, stehen bleiben noch beim Schaden, den Menschen persönlich genommen haben. Es gibt Antworten. Oder wie Childers in „Ankern“ ihr persönliches „Umdenken“ beschreibt:

Mir war, als käme ein Rettungsboot auf mich zugeschossen, und der Kapitän rief mir zu: „Es gibt Antworten! Steig ins Boot! Es gibt Antworten!“

Wenn Sie auch das Gefühl haben, Ihr Schiff reißt sich aus der Verankerung aufgrund von tiefen Verletzungen, Zweifeln, oder den überzeugend klingenden Einwänden eines progressiven Christen, dann hören Sie bitte genau hin:
Es.
Gibt.
Antworten.Alisa Childers: Ankern, S. 256

Und diese findest du schon in diesem Buch „Ankern“. Alisa Childers liefert aber nicht nur Antworten. Als US-Amerikanerin schreibt sie über das, was progressive Theologie in den USA und vor allem in christlichen Gemeinden anrichtet. Erfahrungsgemäß schwappt das, was „über dem großen Teich“ geschieht, wenige Jahre auch nach Europa. Insofern ist ihr Buch ein prophetischer Weckruf und ich wünschte, dass viele, viele Christen ihr Buch lesen.

Von Herzen dankbar bin ich Dominik Klenk und dem Fontis-Verlag, die das Buch „Another Gospel?“ in deutscher Sprache mit dem Titel „Ankern“ veröffentlicht haben. Am Ende des Buches findet sich nicht nur eine herausragende Literaturliste und jede Menge Fußnoten, sondern auch weitere Materialien und Ressourcen, um weiter dranzubleiben an diesem Thema.

Darüber hinaus finden sich ein Diskussionsleitfaden mit 14 Fragen sowie ein Nachwort von Dr. Dominik Klenk.

Außerdem empfehle ich dir einen Klick auf www.alisachilders.com. Von hier gelangst du zu vielen weiteren hilfreichen Ressourcen – beispielsweise auch zum Podcast von Alisa Childers.

ZUSAMMENFASSUNG
„Ankern“ von Alisa Childers ist eine prophetisch-mahnende Stimme für den deutschsprachigen Raum.

Klar, verständlich und theologisch begründet zeigt Childers in ihrem Buch auf, welchen Schaden „progressive Theologie“ verursachen kann. Gleichzeitig gibt sie dem Leser das an die Hand, was er benötigt: Gesunde, biblisch und historisch fundierte Theologie, um die Geister zu unterscheiden.

„Ankern“ ist ein Buch, wie ich es bisher noch selten gelesen habe: Es bleibt nicht bei einer schonungslosen Problemanzeige stehen, sondern zeigt Alternativen auf. Oder um im Bild des Buchtitels zu bleiben: „Ankern“ malt keine Drohkulisse theologischer Eisberge, sondern zeigt einen Weg, diese Eisberge unbeschadet zu umschiffen.

[su_icon_text icon=“icon: book“ icon_color=“#3b5998″]304 Seiten[/su_icon_text] [su_icon_text icon=“icon: book“ icon_color=“#3b5998″]ISBN: 9783038482062[/su_icon_text] [su_icon_text icon=“icon: map-marker“ icon_color=“#3b5998″ url=“https://www.fontis-shop.de/epages/fontisshop_de.sf/?ObjectPath=/Shops/fontisshop_de/Products/204206″ target=_blank]Fontis-Verlag[/su_icon_text] [su_icon_text icon=“icon: euro“ icon_color=“#3b5998″]20,00[/su_icon_text]

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Immer weiter

Stell dir vor, du hörst ein Album – und es „packt“ dich vom ersten bis zum letzten Song.

Musik. Text. Stimme. Stimmung. Atmosphäre. Abwechslung. Einfach alles nimmt von dir Besitz, das Album ist „durch“ und du kannst gar nicht anders, als es noch mal abzuspielen. Und noch mal. Und noch einmal. Und ein weiteres Mal.

Solch ein Album ist „Immer weiter“ von Lars Peter.

„Immer weiter“ ist das erste Solo-Album von Lars Peter, der manchen bekannter ist als Sänger und Keyboarder von anderen Künstlern und Bands (u.a. Michael Patrick Kelly).

Ich kenne diesen wunderbaren Musiker nicht wirklich persönlich – so ein bisschen flüchtig nur. Vor vielen Jahren sind wir uns immer mal wieder hier und da begegnet, als ich ehrenamtlich als Pseudo-Musikjournalist dem tristen Studienalltag entfloh. Aber „kennen“ – nein, das wäre etwas anderes. Wenn man dieses Album aber hört, dann bekommt man einen ziemlich tiefen Einblick in das, was Lars Peter umtreibt, was ihm Sorgen macht und was ihm ein Lächeln ins Gesicht zaubert und vor allem: Man bekommt einen ganz tiefen Einblick in seinen Glauben und in sein Gottvertrauen.

Gleichzeitig höre ich das Album und denke: Krass. Der Mann hat Mut. Echt mal! Die Texte sind entweder unmissverständlich klar und eindeutig, wovon er singt – oder aber sie bieten so viel Interpretationsspielraum, dass ich wiederum denke: Chapeau! Diesen Mut musst du erst mal haben.

Leute, das ist erst das zweite Album, zu dem ich auf meinem Blog einen Artikel schreibe – aber das muss einfach sein. Das Album ist der Wahnsinn!

Endlich mal wieder so ein ‚echtes Album‘. So ein Ich-erzähl-Geschichten-mit-richtig-guter-Musik-Album. Ein Album, das einen Künstler ganz authentisch in das Rampenlicht treten lässt und gleichzeitig höre ich die Texte und denke: „Darüber würde ich mich gerne bei einem guten Glas Wein unterhalten. Und darüber auch. Und hierüber.“ Ok, so viel Wein kann man gar nicht trinken, ohne dass die Kommunikation darunter leiden würde.

Liegt es aber vielleicht daran, dass Lars Peter in seinen Songs Themen und Gedanken aufgreift, die mich auch umtreiben? Wer weiß. Kann sein. Aber eines macht er – und ich glaube, das ist textlich gesehen die Stärke des Albums: Er erzählt von sich. Er kommt nicht mit dem Zeigefinger daher noch haut er dir irgendwas dogmatisch um die Ohren. Nein – er erzählt. Er erzählt von seinen Zweifeln, seinen Sorgen, seiner Last („Hilf mir“) und davon, dass er ins kalte Wasser springt und ein wenig neben sich steht („Neue Gleise“).

Überhaupt ist „Neue Gleise“ ein wunderschöner Opener für ein Album. Auf ganz behutsame Weise und wohlbedachter Sprache nimmt Lars Peter den Hörer mit hinein in das Geschehen vor dem Album, in die Monate (vielleicht Jahre?) des Prozesses bis das Album nun endlich da ist, entstanden ist, Melodien sich tief in Gehörgänge graben und Texte das Herz bewegen.

Wo sich das Album musikalisch einordnet? Gute Frage – ich bin ja sonst her der Fan der härteren musikalischen Gangart. Sagen wir mal so: Die Kategorie „Pop“ trifft’s sicherlich ganz gut und wenn du Musik so in Richtung von Mark Forster, Michael Patrick Kelly und Konsorten magst, dann wirst du die Musik von Lars Peter lieben. Aber wie du an mir siehst: Selbst dann, wenn du eigentlich andere Musik hörst, wird dieses Album dich begeistern.

Ach, was bin ich froh, kein Musikjournalist zu sein. So muss ich überhaupt nicht objektiv-kritisch über dieses Album schreiben, sondern kann dir, lieber Leser, sagen: Ein richtig, richtig schönes Album. Es ist ein Genuss, die Texte berühren und es ist schön – einfach schön!

Meine Anspiel-Tipps, in die du unbedingt reinhören solltest: „Neue Gleise“, „Hilf mir“, „Gib mir wieder neue Liebe“ und „Der Mann im Spiegel“.

Kaufen (und reinhören) kannst du das Album bei Gerth Medien – einfach hier klicken.

Homepage von Lars Peter

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Ein wichtiger Hinweis
Eine kleine Anmerkung (und nein: Ich bekomme keine Provision!): Künstler haben es in der momentanen Situation extrem schwer. Sie können so gut wie keine Konzerte spielen und bei den meisten Künstlern sind gerade Konzerte die Haupteinnahmequelle. Deswegen lege ich es dir sehr ans Herz, dieses Album zu kaufen, um Lars Peter zu unterstützen. Selbst wenn bald wieder Konzerte möglich sind – die Ausfälle des vergangenen Jahres können sie auch nicht kompensieren.

P.S. Vielleicht hast du dich gefragt, welches das andere Album ist, zu dem ich auf meinem Blog einen Artikel geschrieben habe – hier findest du die Antwort.


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5 Dinge, die Prediger unterlassen sollten

Ich predige für mein Leben gern und weiß, dass Gott mich an dieser Stelle begabt hat. Arrogant? Nein – ich weiß um meine Stärken und meine Schwächen. Von letzteren habe ich ’ne Menge.

Ich verrate dir ein Geheimnis: An nichts anderem in meinem Beruf arbeite ich so hart wie am Predigen. Wahrscheinlich in kaum einem anderen Bereich investiere ich Woche für Woche so viele Stunden. Heute predige ich frei – inzwischen ohne Manuskript, das dennoch in stundenlanger Arbeit unterhalb der Woche entstand. Nur mit Bibel und Smartphone, auf dem ich die Präsentation zur Predigt sehe und bediene.


Das war nicht immer so. Es war ein langer, ein mühsamer, manchmal ein steiniger Weg dorthin. Als ich vor wenigen Jahren einen Artikel darüber las, dass auch ich es schaffen könne, frei zu predigen, habe ich innerlich den Kopf geschüttelt. Heute stehe ich selbst dort. Und ich will dir mit diesem Artikel 5 Dinge an die Hand geben, die sich aus zwei Erfahrungen speisen.

Zum einen ist es meine persönliche Erfahrung als Prediger.

Zum zweiten ist es meine persönliche Erfahrung als Mensch, der Gottesdienste besucht und andere predigen hört.


1Die Gemeinde langweilen

Die Gemeinde hat ein Recht darauf, eine gute, eine unterhaltsame, eine herausfordernde, eine wachrüttelnde, eine humorvolle, eine seelsorgerliche, eine emotionale, eine apologetische, eine überzeugende, eine kurzweilige, eine liebevolle Predigt zu hören. Nur auf eines hat Gemeinde absolut kein Recht: auf eine langweilige Predigt!

Das beginnt dort, wo der Prediger mehr auf sein Manuskript als in die Augen seiner Zuhörer schaut. Wieso auch? Weiß er nicht, was er sagen will? Spricht er etwa nicht aus dem Herzen sondern aus dem Zettel? Ganz ehrlich: Wenn ich den Eindruck bekomme, da vorne steht einer, der erst mal ablesen muss, was er überhaupt verkündigen will, dann schalte ich ab. Es scheint nicht aus seinem Herzen zu kommen, sondern er liest etwas ab – und das braucht kein Mensch. Echt nicht. Wirklich nicht!

Wir benötigen Prediger, die vorne stehen, von ihrer Sache überzeugt sind und den Hörer an dem teilhaben lassen, was Gott in der Vorbereitung zu diesem Menschen gesprochen hat und was aus seinem Herzen und Glauben kommen.

Ich verrate dir kein Geheimnis: Wenn ich im Gottesdienst bin und der Typ da vorne langweilt mich, werde ich innerlich aggressiv. Denn das Evangelium hat eines ganz sicher nicht verdient: Langeweile!

Tipp:
Überlege dir, was dir wirklich leichtfällt: Ist es der Humor, die Story oder die Darstellung komplexer Inhalte? Dann nutze für deinen Predigtstil deine ganz persönlichen Stärken – damit wirst du garantiert nicht langweilen.

2Eine schlechte Vorbereitung als Standard

„Boah, die Woche war so voll, ich bin einfach nicht früher dazu gekommen als Samstag Abend!“ Das kann schon mal vorkommen. Keine Frage. Wenn es aber der Standard ist, hinterfrage ich schon deutlich: Wie willst du am Samstag Abend den biblischen Text lesen, auf dich wirken lassen, ihn sauber exegetisieren, Kommentare dazu lesen, Gott sprechen lassen, dir Bilder und „Moves“ überlegen, die Präsentation erstellen, die Konzeption der Predigt entwerfen, überdenken, über den Haufen werfen, neu sortieren, neu ordnen?

Predigen ist nichts, was man einfach mal so aus dem Ärmel schüttelt. Die Gemeinde merkt das. Sehr gut sogar. Meine Erfahrung ist die, dass „die Gemeinde“ (also die Summe der Gottesdienstbesucher am Sonntagmorgen) durchaus ein sehr sensibles Gespür dafür hat, wie viel Vorbereitung in einer Predigt steckt.

Die größte Challenge für mich ist, aus einem Bibeltext das „rauszuziehen“, was jetzt wirklich das ist, was Gott den Zuhörern mitteilen möchte. Denn nach einigen Jahren Predigen hat man so einen gewissen Fundus (auch wenn es meine Predigten nicht mehr in digitaler Schriftform gibt) an Beispielen, Wendungen und Bildern und die Gefahr besteht, von einem Beispiele, einem Bild, einem Vergleich her kommend die Predigt aufzuziehen.

Tipp
Mach dir eine gewisse Predigtvorbereitungs-Routine zu eigen, welche dir ausreichend (mindestens eine Woche) Zeit gibt, dich mit dem Predigttext, dem Thema und allem, was dazu gehört, auseinanderzusetzen. Ich habe in meinem Kalender mehrere fixe Termine, so dass meine Predigtvorbereitung kein Zufallsprodukt ist und auch nicht dann geschieht, wenn im Kalender eben grad mal Luft ist (was viel zu selten der Fall sein wird).

3Lies die Bibel nur zur Predigtvorbereitung

Echt? Machen Pfarrer so was? Ja! Leider! Ich find’s unmöglich, dilettantisch und heuchlerisch. Entweder ist die Bibel Wort Gottes, das mich selbst inspiriert, herausfordert, tröstet und ermutigt – oder es ist es nicht. Aber eines kann’s nicht sein: Etwas anderes für die Gemeinde wie für mich persönlich.

Übrigens hat auch hier die Gemeinde ein sehr, sehr feines Gespür dafür, ob du als Prediger aus der Bibel schöpfst, weil sie Teil deines Lebens und deines Glaubens ist oder weil du halt mal grad über ein paar Verse was erzählen sollst.

Hier kommen wir zum Knackpunkt: Predigen ist doch mehr als einfach nur ’ne Runde zu labern! Predigt ist auch mehr als wohlgeschliffene Rhetorik! Predigen ist Gottes Wort in eine Situation hinein zu verkündigen, um Glauben zu wecken und zu vertiefen. Das kann doch gar nicht funktionieren, wenn die Bibel (Grundlage jeder christlicher Verkündigung) nur dann eine Rolle spielt, wenn ich mich auf eine Predigt vorbereiten muss.

Ganz unabhängig davon hat die persönliche und kontinuierliche Beschäftigung mit Gottes Wort noch einen Nebeneffekt, der nicht Antrieb des persönlichen Bibelstudiums sein darf, aber dennoch ein großartiger Mehrwert ist: Es erschließen sich dir die Gesamtzusammenhänge der Bibel, welche für das Predigen wiederum ein großer Gewinn sind, weil es immer auch um „das große Ganze“ geht, für das schlicht und einfach das Verständnis fehlt, wenn ich die Bibel nur punktuell zur Predigtvorbereitung heranziehe.

Tipp
Nimm dir jeden Tag Zeit, um in Gottes Wort zu lesen, für dich persönlich, ohne „Verzweckung“ und nicht als Predigtvorbereitung.

4Predige mit salbungsvollem Singsang in der Stimme

Kennst du ihn? Dieser besondere, scheinbar klerikale Singsang in der Stimme eines Pfarrers, beginnend mit: „Liebe Gemeinde, der Predigttext für den heutigen Sonntag steht in….“

Es ist der erste Schritt, ganz sicher an Glaubwürdigkeit zu verlieren! Aber 100%! Denn es drückt eines aus: Du bist nicht authentisch! Und das ist das Schlimme „dahinter“. Es geht nicht primär darum, nicht „so und so zu klingen“, sondern vielmehr geht es darum, authentisch zu sein! Nichts ist schlimmer, als ein Prediger, bei dem man den Eindruck gewinnt (obwohl man ihn vielleicht gar nicht kennt): „Der ist gar nicht authentisch!“

Du kennst das aus anderen Bereichen deines Lebens: Menschen, die dir nicht authentisch scheinen, haben sofort an Glaubwürdigkeit verspielt. Und wie schlimm ist das bitteschön, wenn’s um das Predigen geht? Unbezahlbar und unüberwindbar schlimm!

Mach es dir bitte nicht zu eigen, „wie andere predigen“ oder „wie es scheinbar klingen muss“, wenn du predigst. Da gibt’s kein „So muss das klingen“ – und ganz ehrlich: Auf gar keinen Fall klerikal-verklärt salbungsvoll.

Tipp
Nimm deine Predigten auf, bevor du sie hältst – oder zumindest einen Teil. Und dann höre dir deinen Predigt-Podcast vom Sonntag an. Erkennst du Unterschiede? Bist du authentisch (geblieben)?

5Vergleiche dich mit anderen Predigern

Der einfachste Weg, etwas Großartiges zu zerstören, ist: das Vergleichen! Gott hat dich so, wie du bist, einzigartig erschaffen. Du hast auf deine Art und Weise etwas zu geben, wie das sonst niemand anderes kann!

Und wenn Craig Groeschel, Joyce Meyer und Johannes Hartl so predigen, wie sie predigen, dann hast du nicht so zu predigen, sondern auf deine ganz eigene und persönliche Art. Es hat so ein bisschen was mit dem eben schon angesprochenen Punkt der „Authentizität“ zu tun: Sei du selbst! Predige, wie dir der Schnabel gewachsen ist!

Ja, dazu gehört auch, dass du mal „Scheiße“ sagen kannst – wenn du es sonst auch tust, warum nicht? Wenn es nicht OK wäre vor Gott, solltest du es auch in deinem Alltag unterlassen. Natürlich sollten sich in deiner Predigt die Momenten in Grenzen halten, in denen du dieses Wort verwendest.

In unserer heutigen Zeit zählt mehr denn je das „Ich auf der Kanzel“. In meiner Ausbildungszeit war das noch so ein wenig verpönt. Also die Frage: Wie sehr muss/soll/darf ich als Prediger als Person in der Predigt vorkommen oder muss ganz hinter mein Amt zurücktreten?

Mehr denn je leben wir in einer Zeit, in der wir Menschen „scannen“. Ganz schnell schauen wir, ob das, was sie sagen, auch ihrem Tun und Handeln entspricht – es geht also nicht mehr nur um Authentizität sondern auch um Integrität.

Sei du selbst! Predige auf die Art und mit der Wortwahl, die Gott dir gegeben hat – und gleichzeitig arbeite so sehr an dir, wie an niemand anderem, dass du besser wirst und du auf deine Art noch mehr Menschen für Jesus gewinnen kannst.

Aber auf deine Art – nicht auf die Art des anderen.

Tipp
Wo verstellst du dich? Warum? Rede mit jemandem darüber, weshalb du das tust! Du kennst Prediger, die „besser“ predigen als du? Wunderbar – lerne von ihnen, aber kopiere sie nicht, indem du versuchst, so zu predigen wie sie.


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Das Prinzip vom Respekt

Ein heißes Eisen und gleichzeitig ganz wichtiges Kapitel in Maxwells „Die 21 wichtigsten Führungsprinzipien“, wenn wir diese für Gemeindearbeit adaptieren wollen.

Es geht um nichts andere als um die simple Frage:

Wem folgen die Menschen eigentlich?

Stell es dir nur mal praktisch vor. Du hast ein Treffen für ein Gemeindeprojekt und es gibt einen – nominellen – Leiter. Ist dieser automatisch auch der, dem die Menschen folgen? Das muss nicht so sein. Denn Menschen – so Maxwell – folgen automatisch den Menschen, vor denen sie Respekt haben und die im „Leitungslevel“ ein oder mehrere Schritte weiter sind.

Denn machen wir uns (als Leiter) doch nichts vor: Wir haben in der Gemeinde mit vielen Ehrenamtlichen zu tun, diese aber wiederum können bspw. durch ihren Beruf oder im Verein so sehr in leitender Position sein, dass ihr „Leitungsniveau“ wesentlich höher ist als das der angestellen/hauptberuflichen Personen in der Gemeinde.

Ist das schlimm? Ja, wenn der Pfarrer, Pastor, Diakon, Jugendreferent oder wer auch immer die hauptamtliche Person ist, nicht in der Lage ist, sich demütig zu zeigen und diese ehrenamtliche Person auch in eine verantwortungsvollere Ebene (in diesem Projekt / in dem Team / für das Event) zu stellen. Denn eines ist doch klar: Die Menschen folgen so oder so der Person, vor der sie am meisten Respekt haben und die im Leitungsniveau weiter ist.

Menschen folgen anderen nicht aus Zufall. Sie folgen denen, deren Leitung sie respektieren. […] Im Allgemeinen fühlen sich Mitarbeiter aber schlicht zu Menschen hingezogen, die bessere Leiter sind als sie selbst.Maxwell, Die 21 Wichtigsten Führungsprinzipien, S. 80

Ist das schlimm? Nein – im Gegenteil. Es ist großartig, wenn der Pfarrer, Pastor, Diakon, Jugendreferent oder wer auch immer die hauptamtliche Person ist, für die Leitung dieses Teams / Projekts / Events jemanden an die Seite gestellt bekommt, der richtig gut leitet und dem die Menschen auch noch folgen.

Pfarrer als Schlüsselperson

Lass es mich ganz ehrlich sagen: Ich glaube, dass viele Pfarrer und Pastoren genau damit ein Problem haben. Sie können nicht anerkennen, dass andere Personen in ihrem Team besser leiten als sie. (Das begegnet dir übrigens in jedem Setting – nicht nur in der Kirche.) Dummerweise werden sie dadurch zu Schlüsselpersonen. Denn entweder, sie beharren auf ihre Autorität qua Amt (was aber meistens sich negativ auswirkt) oder sie anerkennen, dass das gar nicht sein muss und sie deswegen keine schlechteren Menschen sind.

Wieso sollen Pfarrerinnen und Pfarrer der Landeskirche auch gute Leiter und Führungspersönlichkeiten sein, wenn das in ihrer Ausbildung eine sehr untergeordnete bis marginale Rolle spielt? Studieren dann „zufällig“ Top-Leiter Theologie und werden Pfarrer? Oder studieren Menschen mit durchschnittlicher bis niedriger Leitungsbegabung Theologie und werden dann Pfarrer? Dreimal darfst du raten!

Wenn ich in einem Team „qua Amt“ der Leiter bin und erkenne, dass jemand anderes wesentlich besser begabt und fähiger ist als ich, frage ich ihn noch nicht sofort, ob er die Leitung übernehmen möchte – da schrecke ich manchmal ein wenig zurück, da ich der Ansicht bin, dass Ehrenamtliche heutzutage es noch schwieriger mit einem guten Ressourcenmanagement haben als vor vielen Jahren. Aber ich gehe mit der Person ins Gespräch und wenn ich den Eindruck habe, dass es passen könnte, frage ich sie, ob sie die Leitung übernehmen möchte. Falls ja, ist das super – falls nein, ist das schade, weil dann das Team nicht das Optimum bringen kann, weil es mit mir als Leiter leben muss.

Konkrete Tipps

Am Ende gebe ich dir ein paar Gedanken und Hinweise mit. Diese sind sowohl für dich als „Leitungsperson qua Amt“ (Pfarrer/Pastor) als auch für dich als ehrenamtlicher Mitarbeiter. Warum? Weil es meine Hoffnung ist, dass wir aus den Teams, in denen wir arbeiten, das Beste rausholen.

  • Halte nicht krampfhaft daran fest, dass du das Sagen haben musst, nur weil du „der Pfarrer“ bist.
    • Ermächtige Ehrenamtliche, in denen du sie zum Leiter eines Teams machst.
    • Lass Ehrenamtliche die Teamtreffen leiten.
    • Freue dich darüber, dass andere den ehrenamtlichen Leitern folgen.
    • Gib Ehrenamtlichen größtmöglichen Freiraum und „lass sie einfach mal machen“.
    • Kontrolliere nicht alles, sondern lass Ehrenamtliche ihre Vision und ihre Konzeption entwickeln.
    • Stell es in den Dienst der Gemeinde und mach es für die Gemeinde zum Nutzen, das Menschen anderen Mitarbeitern/Leitern folgen.
    • Frag dich mal: Wie sehr kratzt es an deinem Ego, dass andere in bestimmten Bereichen besser leiten als du?
  • Hab keine Angst, deine beruflich/privat erworbene Führungskompetenz auch in der Gemeinde einzubringen.
    • Lass dich nicht abwimmeln, wenn du denkst, dass du besser leitest.
    • Überzeuge das Leitungsteam der Gemeinde für deine Idee – und unternimm nichts „gegen die Gemeindeleitung“, denn das sorgt nur für Unruhe.
    • Sei mutig und ehrlich und sag deinem Pfarrer, wenn du den Eindruck hast, dass du oder eine andere Person in einem bestimmten Bereich der bessere Leiter bist.
    • Nimm andere mit ins Boot, die dir schon folgen, um das Gespräch mit Pfarrer und Leitung zu suchen. Das ist keine Meuterei, sondern gabenorientiertes und beziehungsorientiertes Leiten.

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Ich predige, also bin ich!

Zuweilen habe ich den Eindruck, dass dieser Satz auf nicht wenige Pfarrerinnen und Pfarrer zutrifft. Wer bin ich eigentlich? Was macht mich aus? Was gibt mir meine Identität? Dass ich predige!

Ursprünglich klingt der Satz anders. Er stammt aus der Feder des Philosophen und Mathematikers René Descartes und lautet:

Ich denke, also bin ich!René Descartes (1596-1650)

Descartes ging es darum, sich seiner eigenen Existenz und Erkenntnisfähigkeit sicher zu sein. Das letzte tragfähige Fundament und Anzeichen dafür ist seiner Meinung nach das Denken. Weil der Mensch denkt, ist er. Weil ich weiß, dass ich denke, bin ich. Das Denken stiftet sozusagen meine Identität und versichert mich meines Daseins und meiner Daseinsberechtigung.

Nun empfinde ich genau diese Frage als eine enorm wichtige: Wer bin ich? Was macht mich aus? Was versichert mich meiner Daseinsberechtigung? Ich habe darüber an anderer Stelle einen wichtigen Beitrag geschrieben: Erkenne deine wahre Identität in Jesus!

Deswegen gehe ich in diesem Beitrag nicht darauf ein, was meine wahre Identität ist und wie ich sie finde, sondern vielmehr werfe ich eine Problemanzeige in den Raum, die vielleicht dem ein oder anderen eine Hilfe zur Selbsterkenntnis ist – oder zur Erkenntnis über seinen Pastor – ob dieser will oder nicht.

Der Drang, sich äußern zu müssen

Pfarrer und Pastoren sind notorische Sprecher. Kurze Anmerkung: „Pastoren“ sind die „Pfarrer“ der Freikirchen sowie der Landeskirchen ab Mitteldeutschland bis in den Norden. Denn auch dort heißen die „Pfarrer der Landeskirche“ Pastoren (vor allen in Norddeutschland) – im Süden werden die „Pfarrer der Landeskirche“ auch Pfarrer genannt – und Pastoren sind die „Pfarrer der Freikirchen“. Verwirrung komplett? Wunderbar. Ich verwende den Begriff „Pastor“ und „Pfarrer“ nicht streng getrennt – mal so, mal so und damit will ich allesamt vereinen und meinen.

Pfarrer und Pastoren können nicht anders als notorisch zu sprechen. Dieser Beruf legt es auch nahe. Gottesdienste, vor allem eben die Predigten, Andachten, Grußworte, Religionsunterricht, Meetings, Sitzungen, Besprechungen aber auch gedruckte Worte wie Gemeindebrief-Artikel, Pressemeldungen, Liturgien und Gottesdienstabläufe, Dienstanweisungen, Geburtstagsgrüße, Emails und Jobbeschreibungen für Mitarbeiter. Das alles spielt sich landauf landab in jedem Pfarrbüro ständig ab. Ein Pfarrer produziert Unmengen an Worten Tag für Tag.

An sich ist das auch nicht das Problem. Zum Problem wird’s nur dann, wenn ich nicht mehr merke, wann ich eigentlich auch mal ruhig sein sollte, nichts sagen sollte, nicht predigen sollte. Der Kabarettist Dieter Nuhr hat es einfach schön auf den Punkt gebracht:

Wenn man keine Ahnung hat – einfach mal die Fresse halten!Dieter Nuhr

Und genau das gelingt Pfarrern oft nicht. Leider. Ich sage nicht, dass ich es besser kann. In den letzten Jahren hab ich mir aber eine Haltung zu eigen gemacht, durch die ich auch mal „die Fresse halten“ kann. Ich sage dann: „Sorry, da habe ich keine Ahnung! Frag jemanden, der sich damit auskennt – oder wenn du möchtest, mache ich mich schlau und gebe dir dann eine Antwort.“

Was ich aber nicht mehr will: So zu tun, als hätte ich Ahnung und meinen Senf zu allen möglichen Würstchen dazu geben.

Ansonsten äußern sich Pfarrer und Pastoren mit einem großen Schuss Selbstüberzeugung zu Sachverhalten, von denen sie keine Ahnung haben, aber weil man so ein Wortgetriebener (und damit meine ich leider nicht das Wort Gottes) ist, muss man einfach etwas dazu sagen. Man kann nicht anders, es ist wie ein Zwang, der über einem hängt – Fresse halten? Geht nicht.

Ich bin doch darauf getrimmt zu predigen, zu verkündigen, andere (positiv) zu beeinflussen und zu inspirieren, ich muss, ich muss, ich muss einfach predigen, ob der andere es jetzt hören will oder nicht, ist ja sein Problem, nicht meins – also predige ich und predige ich und predige ich.

Es gibt ja so ein Sprichwort, das besagt:

Du kannst dem Deutschen alles nehmen – nur nicht seine Bedenken!Quelle unbekannt

Wir sind nun mal leider nicht nur eine Nation der Dichter und Denker, sondern auch der Nörgler und Motzer. Das scheint also auch zum identitätsstiftenden Merkmal des Deutschen zu gehören – frei nach Descartes:

Ich motze, also bin ich!

Und leider beschleicht mich immer wieder das Gefühl, dass es bei Pfarrerinnen und Pfarrern ganz ähnlich ist. Du darfst ihnen alles nehmen – nur nicht das Predigen! Denn darüber definieren sie sich. Hier äußern sie sich meist politisch, gesellschaftskritisch, geistlich und manchmal sogar theologisch. Viele Predigten aber sind gespickt von „Eisegese“, also Dingen, die dem biblischen Text in den Mund gelegt werden, aber dort gar nicht stehen.

Warum nur?

Ich frage mich das oft – und ehrlich: Ich bin ja nicht besser. Frag mal meine Frau! Ich rede auch viel und schreibe viel – immerhin hast du es bis hierhin geschafft. Aber ich finde es sehr bedenklich, wenn Pfarrerinnen und Pfarrer meinen, sich über das Predigen zu definieren. Nein, klar, logisch – das würde keiner so sagen. Nie im Leben! Genug „Geistliche“, die jetzt diese Zeilen lesen, werden innerlich kochen und denken: „Wie kann er nur? Wie kann er nur…..mich so ertappen?“

Ich glaube, es sind drei Gründe, die dem zugrunde liegen, dass Pfarrer so oft einfach nicht den Mund halten können, weil sie sich über das Predigen (in den unterschiedlichsten oben auch genannten Formen) definieren.

Prioritäten

Der erste Grund ist recht simpel: Wir lernen in unserer Ausbildung, dass die Predigt das Wichtigste ist. Klar – Liturgikdozenten würden das jetzt anders sehen, aber wenn ich sowohl auf Studium als auch Ausbildung (Vikariat) zurückblicke, dann gab es immer diesen Subtext: „Das Wichtigste an deinem Beruf ist das Predigen!“ Eigentlich nur in der Seelsorge lernen wir, auch mal zuzuhören. Ansonsten: predigen! Verkündigen! Mund aufmachen! Im Gottesdienst, im Reliunterricht, im Konfirmandenunterricht, Seniorenkreis, Ältestenkreis, Kindergottesdienst, Dienstbesprechungen, als Vorsitzender des Trägers eines Kindergartens und und und.

Alleine das Lernen der exegetischen Methoden (egal welche man nun präferiert) dient dazu, „später einmal“ einen biblischen Text sauber zu exegetisieren, also das „rauszuholen“ was drinsteckt und nicht reinzulegen, was nicht drinsteckt (das wäre die oben schon erwähnte Eisegese).

Das hat auch seine Berechtigung, denn durch das Predigen geschieht nicht nur Wortverkündigung, sondern dadurch leite ich als Pfarrer auch „meine Gemeinde“. Ich setze Akzente, ich kann mir sicher sein, dass wenigstens hier mir die Leute zuhören und dass ich ohne große Unterbrechungen zwischen 15 bis 45 Minuten reden kann – je nach Gemeinde.

Ich predige leidenschaftlich gerne, deswegen ist es mir vollkommen fremd, nun predigtkritische Töne anzuschlagen, aber ich glaube, dass ein guter Gottesdienst nur dann entsteht, wenn den anderen Elementen des Gottesdienstes ebenso eine hohe Aufmerksakmkeit in der Planung und Vorbereitung zukommt.

Einseitige Ausbildung

Der zweite Grund: Wir können nichts anderes! Das klingt süffisant bis lustig – aber ist so. Ein „normaler Pfarrer“ (in der Landeskirche) hat ein Studium der Theologie – das war’s. Was macht man mit dem Ding? Man wird Pfarrer – oder kann noch in den Religionsunterricht. Aber ansonsten ist es doch eher schwierig, auf Grund der Ausbildung irgendwo zu landen. Handwerksberufe, Dienstleistungssektor, IT-Branche oder Industrie – das alles bleibt einem auf Grund der Ausbildung verschlossen. Ich habe Theologie studiert – damit bewege ich mich in einem sehr, sehr engen Korridor der Berufslandschaft in Deutschland.

Wo andere Berufsausbildungen heutzutage durchlässiger sind für andere Formen des Berufs, da ist der Pfarrer mit seinem Theologiestudium irgendwie so das Männchen im Walde, das pfeift, um seine Angst zu vertreiben. Nein, ganz so schlimm ist es nicht. Aber seien wir doch bitte mal ehrlich: Auf der einen Seite ist da ein klassisches Theologiestudium mit Fächern wie Kirchengeschichte, Dogmatik, Praktische Theologie und Ethik. Auf der anderen Seite sind da im Pfarrberuf Dinge wie Haushaltsplan, Mitarbeiterführung, Kindergartenträgerschaft und Leitungsposition.

Ich meine – dass das hinkt und stinkt, ist ja jetzt nicht weiter verwunderlich. Ebenso wenig, dass man sich als Pfarrer dann auf das vermeintlich sichere Terrain zurückzieht, ist doch auch klar. Und klar ist auch, dass das Predigen nicht alles ist – es gibt ja weitere Kernkompetenzen wie Seelsorge und Religionspädagogik (Reliunterricht in der Schule sowie Konfirmandenunterricht), die vermeintlich (!) größte Wirkung jedoch meint der Pfarrer im Gottesdienst und hier vor allem in der Predigt zu erzielen.

Hach, es ist einfach zum Davonlaufen. Wir gelangen immer wieder an den Punkt, dass der Gottesdienst – und hier die Predigt – das Nonplusultra zu sein scheinen.

Pfarrer allein zuhause

Der dritte Grund: Einsamkeit. What??? Ja genau. Ich glaube, es ist wie in jedem anderen Beruf auch: Wo du keine Freunde hast, die in dein Leben hineinsprechen, dir auf die Sprünge helfen, dich stärken und ermutigen, aber auch korrigieren und zurechtweisen, da versuchst du über den Beruf deine Identität und Bestätigung zu bekommen. Das ist nun also wirklich nichts Pfarrer-Spezifisches. Das kannst du genauso als Softwareentwickler, Gärtner, Modeschöpfer, Versicherungsfachangestellter, Arzt, Bäckereifachverkäufer oder Lehrer.

Was aber sicherlich so ziemlich spezifisch ist (und in nur wenigen weiteren Berufen vorkommt), ist die Tatsache, dass man als Pfarrer mit recht vielen Menschen Kontakt hat – und das auch noch auf einer eher sozialen und zwischenmenschlichen Ebene – weniger auf einer betriebswirtschaftlichen oder produzierenden Ebene, auf der mein Gegenüber einfach nur mein Arbeitskollege ist. Das führt unweigerlich dazu, dass Ebenen durcheinander geraten bzw. miteinander in Berührung kommen und dadurch Äußerungen von zwischenmenschlichen Beziehungen sich in einem beruflichen Umfeld abspielen. Das ist nicht einfach – und sicherlich ähnlich wie in anderen Berufen, bei denen zwischenmenschliche Beziehungen sich auf einem beruflichen Level abspielen wie bspw. bei Ärzten. Allerdings mit dem Unterschied, dass ich im Normalfall mit meinem Hausarzt nicht auf Grund seines Berufes als Arztes in Meetings, Vorbereitungstreffen und Planungen mich zusammenfinde, aber seine professionelle Arbeit durchaus auch eine sehr persönliche Ebene in meinem Leben anspricht.

Bei Pfarrern ist es durchaus eine Challenge, mit ganz vielen Menschen zu tun zu haben, deren Erwartungen an zwischenmenschliche Beziehung andere sind als die, die ein Pfarrer erfüllen kann oder soll. Soll er denn mit der ganzen Gemeinde befreundet sein? Jeden einzelnen „gleich mögen“? So ein Quatsch! Wer das ernsthaft behauptet, soll sich in seine Höhle zurückziehen und im Mammutfell-Rock um’s Feuer tanzen.

Ich kann ja nur für mich sprechen, aber in meiner Gemeinde gibt es Menschen, die ich mega sympathisch finde; viele andere wiederum finde ich „nur“ sympathisch. Und andere wiederum….lassen wir das. Ich denke, du weißt, was ich meine.

Gleiches gilt aber auch andersrum: Nicht jeder in der Gemeinde mag den Pfarrer, gleichzeitig aber – und jetzt switche ich mal in den freikirchlichen Kontext – ist es die Gemeinde, die den Pastor finanziert (wie gut, dass es in der Landeskirche anders ist – die muss ja auch mal einen Vorteil haben gegenüber den Freikirchen).

Ein Dilemma. Und ich glaube, damit umzugehen, fällt vielen Pfarrern nicht leicht. Du bist die eierlegende Wollmilchsau, aber wirklich befreundet, so richtig tief mit ehrlichen Gesprächen bis tief in die Nacht, bist du mit einer Handvoll – wenn überhaupt.

Für manch einen nagt das dann am Selbstwertgefühl. Und wie bekommt man das noch mal zurück? Ach ja, richtig. Durch’s Predigen! Ein Teufelskreis. Im wahrsten Sinne.

Du liebst mich, also bin ich!

Hans-Joachim Eckstein hat diese Wendung ins Spiel gebracht. Schon vor vielen Jahren hat er Descartes‘ Äußerung umgemünzt im Blick auf Jesus und sagt: „Du liebst mich, also bin ich!“

Ich finde das eine sehr geniale Umwandlung dieser Aussage, die gleichermaßen in die Freiheit und in die Tiefe führt. Kein Mensch muss sich durch irgendetwas definieren, das er tut. Weder ein Fußballprofi, noch eine Lehrerin, weder ein Bäcker noch eine Managerin – und erst recht kein Pfarrer. Denn es geht nicht um das, was ich leiste, sondern um das, was ich bin. Geliebt.

Und daraus nun sollte man diese Gründe angehen. An der Ausbildung arbeiten (gut, ich gebe zu, das ist ein sehr großes Feld), die eigenen Kompetenzen stärken (auch fachübergreifend – es hindert mich niemand daran) sowie echte Freundschaften einzugehen und zu pflegen. Es gibt keinen Grund, weshalb diese drei Gründe für alle Ewigkeit fest zementiert sein sollten. Überhaupt nicht. Packen wir sie doch einfach an!

Und ich glaube fest daran, dass eine geliebte Person bzw. eine Person, die weiß, wie sehr sie von Gott geliebt ist, genau aus diesem Grund einen Unterschied in dieser Welt macht – und nicht auf Grund dessen, was sie leistet. Und mag es noch so fromm sein – und mag es noch so sehr das Predigen sein.


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