Christen. Berufen sich auf Jesus Christus. Nennen sich nach ihm. Christen sind einen Gemeinschaft von Menschen, die an Jesus Christus glauben und ihm nachfolgen. Diese Gemeinschaft trifft sich in der Regel sonntags – meist vormittags, aber für die Spätaufsteher gibt es auch abendliche Zusammenkünfte.

Unter der Woche treffen sich die ganz Frommen in kleinen Gruppen, auch “Hauskreise” genannt, wobei es weder um ein Haus noch um einen Kreis geht. Zumindest sollte es um weit mehr gehen. Um Jesus. Den Christus. Nach dem sie sich ja benennen.

Christen zeichnen sich dadurch aus, dass sie super dankbar sind füreinander. Sie können es sich zwar nicht aussuchen, wer alles zu ihrer Gemeinschaft gehört – denn jeder, der sich nach Christus benennt, gehört dazu. Aber sie sind so offen, so herzlich, so dankbar, so zuvorkommend, so hilfsbereit, so ehrlich, so treu, so zuverlässig – dass es zu schön ist, um wahr zu sein.

Bittere Realität

Tut mir leid. Der letzte Satz stimmt: Es ist zu schön, um wahr zu sein. Ich habe hier ein kleines bisschen ein Zerrbild von Christen gezeichnet. Leider. Es wäre schön, wenn eine christliche Gemeinschaft so positiv darstellen würde. Aber in der Realität sieht es doch eher so aus, dass man so vieles aneinander auszusetzen hat.

  • Der eine da hinten singt viel zu laut im Gottesdienst.
  • Im Hauskreis stellt XY immer so doofe Fragen, die kein Mensch interessiert wie “Ist Jesus wirklich der soteriologisch reinkarnierte Gedanke Jahwes und ins Kerygma auferstanden oder müssen wir doch von einem leeren Grab am Ostermorgen ausgehen?” Oder. “War Jesus nun Rechts- oder Linkshänder?”
  • Da gibt’s Streit und Zwistigkeiten über Dinge, die noch nichtiger sind als die über den Gartenzaun ragenden Apfelbaumäste des Nachbarn.
  • Wehe, man wählt die falsche Bibelübersetzung – da wird man maximal schief angeschaut. Wenn überhaupt.
  • Man kann über vieles streiten – aber wehe, man ist Kreationist. Oder Evolutionist. Oder glaubt eher dem “Intelligent Design”. Da gibt’s keine Gnade. Einig ist man sich nur gegen das fliegende Spaghettimonster.
  • Zeitgenössischer Worship oder jahrhundertealte Choräle? Da wird diskutiert und sich Worte an den Kopf geworfen, bei denen sich manch einer, der neu dazugehört, wundert, dass sie in christlicher Runde genannt werden.
  • Orgel oder E-Gitarre? Eine Diskussion zwischen einem fundamentalistischen Veganer und einem von Fleischgenuss überzeugten Grillmeister ist dagegen Kindergeburtstag.
  • Landeskirche oder Freikirche? Bei manchen hat man den Eindruck, dass sich Dortmund- und Schalke-Fans noch besser verstehen.
  • Der Pfarrer predigt viel zu lange, zu laut, zu affektiert, zu bibelzentriert, zu liberal, zu leise, zu undeutlich, zu unverständlich – und überhaupt.
  • Könnte bitte mal jemand die Heizung in der Kirche reparieren? Wenn ich schon schlafe, dann will ich es wohlig warm haben.
  • Der Kaffee beim Gemeindefest ist nicht aus fairem Handel. Das geht gar nicht!

Die Liste ließe sich noch eine Weile fortsetzen und ich habe sie bewusst etwas humorvoll geschrieben. Wieso? Weil es traurig genug ist, dass es in christlichen Gemeinden so viele Streitigkeiten und Auseinandersetzungen, Gemotze, Gejammer und Gemecker gibt. Nein, klar, in deiner Gemeinde nicht. Nur in allen anderen. Klar.

Undank richtet den anderen – zugrunde!

Inzwischen ist es ca. 80 Jahre her, da hat ein großer Theologe namens Dietrich Bonhoeffer ein bis heute unübertroffenes Buch über gemeinsames christliches Leben geschrieben. Es trägt den Titel: “Gemeinsames Leben”. Es ist der Versuch, eine Art “christliche Wohn- und Lebensgemeinschaft” zu beschreiben und Ideen, Gedanken und göttliche Ratschläge weiterzugeben, wie christliches gemeinsames Leben und christliche Gemeinschaft gelingen kann. Bonhoeffer schrieb dieses Buch in der Tat auf Grund “seines” Predigerseminars, in dem angehende Pfarrer gemeinsam lebten. (Die ganze Story um die Entstehung dieses Buches zu beschreiben – dazu würde hier der Platz fehlen, aber ich empfehle dir einfach: Lies das Buch! Es lohnt sich!)

Ich glaube aber, dass seine Gedanken und Erkenntnisse kein 24/7 gemeinsames Leben benötigen, sondern es reicht schon, diese Gedanken auf unsere christlichen Gemeinden und unsere Gemeinschaft als Christen zu übertragen.

So schreibt Bonhoeffer zum Beispiel:

Wer seinen Traum von einer christlichen Gemeinschaft mehr liebt als die christliche Gemeinschaft selbst, der wird zum Zerstörer jeder christlichen Gemeinschaft, und ob er es persönlich noch so ehrlich, so so ernsthaft und hingebend meinte. […] Er tritt als Fordernder in die Gemeinschaft der Christen, richtet ein eigenes Gesetz auf und richtet danach die Brüder und Gott selbst.Gemeinsames Leben, S. 24

Das ist starker Tobak. Aber wenn ich mir die Liste oben anschaue, dann trifft das voll zu, was Bonhoeffer hier in drastischen Worten beschreibt: Wer seinen Traum, seine Wunschvorstellung von christlicher Gemeinschaft (oder: Gemeinde vor Ort) mehr liebt als die real existierende Gemeinde, wie sie nun mal so gerade ist am Ort – der zerstört sie. Unweigerlich und unbewusst hat er ein inneres Bild von Gemeinde. Und diesem Bild hat die reale Gemeinde zu entsprechen. Tut sie das nicht – ist die Gemeinde doof. Ganz einfach – so einfach, wie der Mensch nun manchmal eben gestrickt ist. Und dadurch überfordere ich die Menschen und richte sie zugrunde und in meinem Herzen durchaus auch Gott. Wieso Gott? Nun – er sorgt ja nicht dafür, dass es hier eine bessere Gemeinde gibt. Eine Gemeinde, die meinen Vorstellungen entspricht. Auf die Idee, dass womöglich mein Wunschbild falsch sein könnte, kommt man in der Regel nicht.

Ich kann verstehen, wenn du jetzt erst mal durchatmen musst. Bonhoeffer ist für mich ein brillanter Theologe, der in seinen Schriften seine Erkenntnisse grad mal so raushaut – für den Leser bleibt aber erst mal ein kurzer Atemstillstand und das Entwirren der Gehirnwindungen.

Die Lösung: Dankbarkeit

Bonhoeffer wäre nicht Bonhoeffer, wenn er nun bei dieser doch etwas depressiv stimmenden Analyse von Gemeinde stehen bleiben würde. Vielmehr schreibt er den nächsten Satz, den man sich erst einmal auf der Zunge zergehen lassen muss:

Wir beschweren uns nicht über das, was Gott uns nicht gibt, sondern wir danken Gott für das, was er uns täglich gibt.Gemeinsames Leben, S. 24

Na wenn das mal nicht gesessen hat. Wenn ich ehrlich bin: Mir fällt es schon im ganz Alltäglichen nicht so ganz leicht, immer erst mal das Positive zu sehen und dankbar dafür zu sein. Und das, wo ich durchaus von mir sagen würde, dass ich ein optimistischer Mensch bin. Wie viel schwieriger ist es aber dann im Blick auf die Gemeinde und die Gemeinschaft mit anderen Christen?

Aber Bonhoeffer hat doch recht. Ohne zu wissen, was deine Gemeinde vor Ort so alles bietet, zähle ich einfach mal ein paar Punkte auf, für die ich heute als Christ dankbar sein kann. Ich bin mir sicher: Nicht wenige davon treffen auch auf deine Gemeinde zu:

  • Jeden Sonntag gibt es einen Gottesdienst, in dem aus der Bibel gelesen wird, dem unwandelbaren und lebendigen Wort Gottes.
  • Sonntag für Sonntag werden Lieder gesungen, die eine Sprache finden um das auszudrücken, was du mit eigenen Worten nicht so einfach sagen kannst.
  • Nach dem Gottesdienst findest du noch die ein oder andere Person, mit der du ein paar ermutigende Sätze wechselst.
  • Es gibt leckeren Kaffee nach dem Gottesdienst.
  • Unter der Woche gibt es Kleingruppen, in denen du dich über das austauschen kannst, was dir auf dem Herzen liegt.
  • In diesen Kleingruppen betet ihr füreinander – wie cool ist das denn!?
  • Es gibt einen Pastor oder Pastorin, die alles gibt, um die Gemeinde zu leiten und gute Predigten zu halten.
  • Ein – meist aus Ehrenamtlichen bestehend – Leitungsteam leitet die Gemeinde nach bestem Wissen und Gewissen und reißt sich den Allerwertesten auf – auch für dich.
  • Es gibt die Predigten online zum Nachhören, Nachschauen oder in diversen Podcast-Apps auch unterwegs zum Hören.
  • Du hast die Möglichkeit, dich deinen Gaben und Interessen gemäß in der Gemeinde einzubringen und mitzuarbeiten.
  • Es finden Taufen statt, in denen Menschen, die zu Jesus gefunden haben, sich taufen lassen.
  • Du kannst es nicht erklären – aber immer wieder erlebst du Gottes übernatürliches Eingreifen und Reden in Gemeindeveranstaltungen.
  • Menschen bekommen neue Hoffnung, weil andere Menschen ihnen zur Seite stehen.
  • Im Abendmahl kommst du Jesus auf besondere Weise sehr nahe.
  • Durch prophetisches Reden hörst du Gottes Stimme und seine Absichten – für dich und für deine Gemeinde.
  • Deine Kinder haben in der Gemeinde jahrelang die Möglichkeit, diverse Gruppen und Veranstaltungen zu besuchen und sich selbst einzubringen.
  • In deiner Gemeinde wird armen Menschen auf besondere Weise liebevoll gedient.
  • Nächstenliebe ist nicht nur eine fromme Floskel sondern prägt das Leben in deiner Gemeinde.
  • Die Sound- und Lichtanlage der Gemeinde ist wertvoller als dein Auto.
  • Die Predigten und verschiedenen Verkündigungen ermutigen, trösten, fordern heraus und sind lehrreich.
  • Deine Gemeinde nagt nicht am Hungertuch.

Und? War was dabei? Ich glaube, ich habe von Bonhoeffer einiges gelernt – in meinem Studium aber auch danach. Und eines hoffe ich, werde ich nicht vergessen: Dankbar zu sein für das, was ich habe – anstatt über das zu meckern, was ich nicht habe.

Ich will dankbar sein für die christliche Gemeinschaft und Gemeinde vor Ort. Für die Menschen mit ihren Ecken und Kanten, für die schrägen Predigten (ups, das sind ja meine), die Musik, die mal mehr, mal weniger meinem persönlichen Geschmack entspricht (ich höre von Herzen gerne Hardcore und (Nu) Metal; kommt bei kirchens aber leider seltener vor) und für vieles mehr.

Wie würde sich das Erscheinungsbild von Gemeinde und christlicher Gemeinschaft verändern, wenn wir dankbarer wären für das, was wir (schon) haben und weniger undankbar und motzig im Blick auf das, was uns (scheinbar) fehlt.

In diesem Sinne, liebe Christen – seid dankbarer!

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