Dieser Satz ist eine Lüge, er bremst aus und ist geistlich gesehen Irrlehre. Warum schreibe ich dann darüber? Ganz einfach: Diese Aussage begegnet mir sehr, sehr oft – und wenn du dich im kirchlichen Kontext aufhältst, wirst du ihm auch schon sehr oft begegnet sein.

Ich halte diesen Satz zudem für äußerst gefährlich! Er kann in Gesprächen und Begegnungen sofort jede Dynamik absorbieren und das Gefühl einer Ohnmacht hervorrufen – oder wenn’s schlimmer ist: das Gefühl von Wut, Enttäuschung und Frust. Das alles ist aber in Gemeindeentwicklung nicht sonderlich förderlich. Deswegen ist es mir ein Anliegen, diesen Satz “auseinanderzunehmen” im Sinne von: “Schauen wir doch mal genauer hin, was dieser Satz zum Ausdruck bringt.” Damit gebe ich dir gleichzeitig Ideen an die Hand, wie du diesem Satz begegnen kannst oder konkret: Wie du dein Gegenüber, der diesen Satz gesprochen hat, liebevoll und werbend mitnehmen kannst in ein Denken, das die Fehler und die Sinnlosigkeit dieses Satzes deutlich macht.

1Nur Gott ist “immer” – sonst nichts und niemand

Was heißt denn “immer”, wenn jemand sagt: “Das haben wir schon immer so gemacht?” Sicherlich meint diese Person nicht (hoffe ich zumindest), dass der von ihr bevorzugte Sachverhalt von Ewigkeit her war. Die Sehnsucht nach Beständigkeit und Kontinuität, die gerade in unserer schnelllebigen Zeit ein sehr kostbares Gut ist, darf nicht zum Primat über Notwendigkeiten in der Gemeindeentwicklung werden. Wir dürfen die Notwendigkeit der Erneuerung von Kirche nicht auf dem Altar falschen Traditionsdenkens opfern.

Versteh mich nicht falsch: Tradition ist nichts Schlechtes – im Gegenteil. In der Bibel heißt es in Galater 4:

Als aber die Zeit erfüllt war, sandte Gott seinen Sohn, geboren von einer Frau und unter das Gesetz getan, auf dass er die, die unter dem Gesetz waren, loskaufte, damit wir die Kindschaft empfingen.Die Bibel, Galater 4, 4+5

Ich finde das Wort “erfüllt” an dieser Stelle so schön. Gott sagt nicht: “Alles bisher war Quatsch. Jetzt rocken wir mit Jesus die Weltgeschichte mal ganz neu.” Ok, den zweiten Teil hat er so ähnlich schon gesagt – aber den ersten Teil überhaupt nicht. Gott ist ein Gott der Geschichte, sein Handeln lässt sich nicht nur historisch belegen, sondern ist ein Handeln über Epochen, Zeitgeschichten und Jahrhunderte hinweg. Damit ist Gott selbst in sich kontinuierlich.

Wenn Tradition aber verkommt im Sinne von “Früher war alles besser” – dann nichts wie weg damit! Denn das stimmt einfach nicht. Früher hatten wir noch die Prügelstrafe in der Schule, Frauen hatten weniger Rechte als Männer und wir hatten Weltkriege. Und du willst allen Ernstes behaupten “Früher war alles besser”?

Insofern ist Tradition das Bewahren und Weitergeben des Besten aber nicht das Glorifizieren einer toten Vergangenheit.

Darüber hinaus: Nichts außer Gott ist ewig.

Ja, bevor die Berge geboren wurden, noch bevor Erde und Weltall unter Wehen entstanden, warst du, o Gott, schon da. Du bist ohne Anfang und Ende.Die Bibel, Psalm 90,2

Gott aber ist ewig. Kein Anfang, kein Ende. Er ist “immer”. Sonst niemand und nichts.

2Proklamation geistlichen Stillstands

“Das haben wir schon immer so gemacht” versperrt jedweden Zugang zu göttlicher Offenbarung. Dieser unsägliche Satz impliziert: “Und weil wir das schon immer so gemacht haben, werden wir das auch weiterhin so tun.” Damit ist dieser Satz komplett unnatürlich und streng genommen lügt sich jeder selbst in die Tasche, der diesen Satz gebraucht.

Als ich ein kleiner Junge war, habe ich anders geglaubt, als ich heute glaube. In meiner Jugend entwickelte sich erst ein Gottesbild, das ich heute habe, das ich so in dieser Form als Kind noch nicht hatte. Unser Glaube verändert sich – er war nie “schon immer so”.

Insofern ist im kirchlichen Kontext ein “Das haben wir schon immer so gemacht” gleichbedeutend mit geistlichem Stillstand nach dem Motto: “Was ich glaube und geistlich erlebe, das reicht mir, so wie es jetzt ist.” Aber wer bist du, lieber Mensch, dass du selbst darüber entscheiden kannst, was dir “geistlich reicht” und was nicht?

Ich halte es aus geistlicher Sicht für ein Armutszeugnis, wenn ein “Das haben wir schon immer so gemacht” dazu führt, dass wir uns geistlich nicht weiterentwickeln, denn wie gesagt: Wir tun das seit unseren Kindesbeinen an.

Wissen wir, was Gott noch alles für uns “in petto” hat?

Können wir jemals erahnen, was Gott Großes mit unserem Leben vorhat?

Haben wir einen Blick hinein in seine Vorstellungen über unsere Gemeinde und die Entwicklungen der nächsten Jahre und Jahrzehnte?

Solange wir auch nur auf eine dieser drei Fragen mit “nein” antworten, können wir auch niemals sagen: “Das haben wir schon immer so gemacht!” Sollten wir auf alle drei Fragen mit “ja” antworten – nun, dann…..brauchst du nicht mehr weiterlesen.

3Menschliche Logik steht über göttlicher Möglichkeit

Denn das ist letzten Endes der Motor, der diesen unsinnigen Satz “Das haben wir schon immer so gemacht” am Laufen hält. Ich meine, es ist ja schon anmaßend, aber letzten Endes ist es nichts anderes als der billige Versuch, Gott limitieren zu wollen. Als ob wir das könnten.

Die innere Logik hinter diesem Satz könnte man wie folgt beschreiben: “Weil ich nicht glauben will, dass da noch mehr geht / Weil ich nicht in der Lage bin, weiter zu denken / Weil ich nicht möchte, dass sich etwas ändern…..deswegen muss alles so weitergehen, wie es bisher auch schon der Fall war, denn: Das haben wir schon immer so gemacht.”

Nichts gegen menschliche Logik – also wirklich nicht! Ich mag sie. Manchmal habe ich sogar den Eindruck, ein bisschen davon abbekommen zu haben. Aber die Hybris des Menschen besteht darin, zu meinen, Gott limitieren zu können und ihn in die Schranken zu weisen. Das geht – und das geht nicht. Hä?

Das geht, weil du in deinem Glauben auch nur Dinge zulässt und erfahren wirst, die du zulassen willst und erfahren willst. Bis zu einem gewissen Grad, an dem Gott dann sagt: “Guckst du, nicht mit mir! Ich bin größer als deine Logik, als dein Verstand, als dein Denken! Ich werde dir jetzt mal meine schöne, große, weite, neue Welt zeigen und dich mit hinein nehmen in meine Möglichkeiten.”

Und dann macht es BÄM! Manche haben diese Erfahrung schon gemacht – manche stehen noch davor. Ich frage mich nur: Wieso zögern wir diese großartige Erfahrung selbst heraus und versuchen Gott zu limitieren, indem wir sagen: “Das haben wir schon immer so gemacht!”

Wäre es nicht schön, viel früher von Gott die Augen geöffnet zu bekommen für seine Möglichkeiten, für seine Schönheit, seine alles umfassende Gnade und Wahrheit, für seine Liebe und Güte, für seine Treue und seine Fürsorge?

Vielleicht ist dieser Artikel etwas herausfordernd, einseitig und provokant. Eines ist er ganz sicher: unfertig. Da gibt’s noch viel zu entdecken. Aber alles davon ist gewollt!

Denn eines bitte ich dich von Herzen: Sage nicht mehr “Das haben wir schon immer so gemacht!” Und wenn dir jemand diesen Satz entgegenbringt, dann sei nicht böse, wütend oder frustriert, sondern versuche, deinem Gegenüber aufzuzeigen, was für wunderbare, schöne, heilsame und gnadenvolle Dinge möglich wären, wenn er diesen Satz nicht mehr sagt und glaubt.

1 Kommentar

  1. Gefährlich wird es halt, wenn wir Traditionen (oder auch Lehrmeinungen) über Gottes Wort, über das was in der Bibel steht stellen – wird schon in Mathhäus 15,6 oder Markus 7,13 beschrieben.
    Da brauchen wir uns nicht zu wundern, wenn wir an Stelle der herrlichen Braut ohne Flecken und Runzeln eine ihre Leiden aufzählende ältere Dame am Rollator sehen.

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