Was wäre, wenn diese Jahreslosung von viel tieferem Vertrauen spricht als es auf den ersten Blick den Anschein macht? Was wäre, wenn mit “Unglauben” eigentlich eine “Untreue” gemeint ist und kein kritisches Zweifeln? Es wäre ein Gamechanger par excellence. Vor allem deswegen, weil die Frage nach dem Vertrauen und der Treue eine wesentlich tiefere ist als die Frage nach dem Zweifel, was zur Folge hat, dass das Staunen über das Geschenk des Glaubens noch größer wird. Aber – der Reihe nach:

Der Kontext

Ein Vater ist verzweifelt. Sein Sohn ist in einer ausweglosen Notlage. Doch für Jesus ist bekanntlich nichts unmöglich. Also wendet sich der Vater in seiner ganzen Verzweiflung an Jesus. Er bittet ihn, zu helfen, wenn er denn etwas ausrichten kann. In diesem Akt der absoluten Hinwendung an Jesus als Ausdruck der “letzten Option” spiegelt sich eines wider: Glauben. Vertrauen. Deswegen sagt Jesus zu ihm: “Alle Dinge sind möglich dem, der da glaubt!” (Markus 9,23)

Das wiederum veranlasst den Vater diese denkwürdige Aussage zu treffen, die knapp 2.000 Jahre später zur Jahreslosung 2020 wird:

Ich glaube; hilf meinem Unglauben.Die Bibel - Markus 9,24

Aber was meint der Vater damit? Er drückt ja explizit aus: “Ich glaube! Ich zweifle nicht! Ich vertraue dir, Jesus! Tu endlich was!” ….aber: “Hilf meinem Unglauben!” Hä?

Allenthalben liest, sieht und hört man nun, dass der “Zweifel doch zum Glauben dazugehöre”. Zweifelsohne! Dem setze ich nichts entgegen, weil ich glaube, dass ein Glaube, der durch Zweifel gegangen ist, ein gefestigter Glaube ist. Zweifel zeigt uns, dass der Glaube auf keinen Fall unser eigener Verdienst ist, sondern immer angefochten bleibt. Doch spielt der Zweifel hier in dieser Begebenheit gar keine Rolle. Zumindest nicht der Zweifel, wie wir ihn oft meinen – doch dazu später mehr.

Unglaube

Der Vater bittet Jesus, er solle seinem “Unglauben” helfen. Im griechischen Text steht das Wort “ἀπιστία” (gesprochen: apistia). Dieses wiederum leitet sich ab vom griechischen Wort “πίστις” (gesprochen: pistis), was “Glauben” – oder noch zutreffender: “Vertrauen” bedeutet. Glauben im biblischen Sinn ist nicht das Gegenteil von Wissen oder das Fürwahrhalten bestimmter Dinge, sondern Ausdruck einer vertrauensvollen Gottesbeziehung. Es meint ein vertrauensvolles Einlassen auf ein Gegenüber wobei die Grundlage, dass diese Beziehung Sinn macht, nicht im herkömmlichen Sinne bewiesen werden kann sondern geglaubt und im Vertrauen angenommen wird.

Nicht umsonst wird das Wort “ἀπιστία“, das mit “Unglauben” in den meisten Bibelübersetzungen wiedergegeben wird, dann aber auch als “Untreue” übersetzt. Interessant, oder nicht? Für mich ergibt das noch mal eine neue Perspektive und tiefe Dimension dieser Begegnung.

Zurück zur eigentlichen Geschichte: Ich stelle mir den Vater vor, wie er vor Jesus kapituliert, ihm sein Vertrauen gesteht und ausspricht. Und dass er eben genau das tut, was oben beschrieben ist: Dass Jesus ihm hilft, dass er selbst Jesus vertrauen kann und dass es besser wird mit ihm und seinem Sohn – das kann er nicht “beweisen”, das kann er nur glauben und das Wagnis eingehen, Jesus zu vertrauen.

Und weil er weiß, dass es in seinem Leben nichts Besseres gibt, als dem Sohn Gottes zu vertrauen, bittet er Jesus, ihm (in) seiner Untreue abzuhelfen und sein Vertrauen in ihn zu stärken. Er hat das erkannt, was Jahre später der Apostel Paulus in vielen seiner Briefen an die erste Christengeneration immer und immer wieder auf unterschiedliche Weise betont: Der Glaube, das Vertrauen in Jesus, ist ein Geschenk, das wir annehmen – aber nicht “machen” können.

Spüren wir in uns selbst etwas, das den Glauben und das Vertrauen in Jesus zu schwächen scheint, ist der erste und beste Weg, zu Jesus zu gehen. Ohne Angst, ohne Scham, ohne schlechtes Gewissen. Nur mit diesem herzlichen Verlangen wie beim Vater: “Hilf mir in meiner Untreue.” Denn das ist doch interessant: Der Vater war sich seiner eigenen Untreue bewusst und schämte sich dennoch nicht, sich vertrauensvoll an Jesus zu wenden. Eine rigorose absage an alles fromme Leistungsdenken unserer Zeit.

Zweifel

Der Zweifel aber, wie ich ihn oben schon kurz angesprochen habe, spielt auch eine ernst zu nehmende und wichtige Rolle in der Bibel wie auch im Glauben – keine Frage. Aber an anderer Stelle. Exponiert und explizit in Jakobus 1:

Er bitte aber im Glauben und zweifle nicht; denn wer zweifelt, der gleicht einer Meereswoge, die vom Winde getrieben und aufgepeitscht wird.Die Bibel - Jakobus 1,6

Das griechische Wort “διακρίνω” (gesprochen: diakrino), das hier für “zweifeln” steht, entstammt der Wortwurzel “κρινω” (gesprochen: krino). Und das wiederum meint gerade nicht ein mangelndes Vertrauen, für das wir nichts können, sondern ein “ins Gericht gehen” mit etwas oder jemandem, etwas/jemanden verurteilen und richten. Hier erhebt sich der Mensch vom Objekt zum Subjekt des Glaubens und stellt die Dinge nicht aus einem Vertrauensdrang sondern aus einem Kontrollzwang heraus in Frage. Typisch postmodern: Der Mensch versucht, sich die Realität und den Glauben zu konstruieren, selbst zu erschaffen.

Hier ist kein vernünftiges Hinterfragen mehr gemeint, sondern eine sich selbst erhebende Vorrangstellung des Menschen vor dem ewigen und heiligen Gott, seinem Wort und seiner ewig gültigen Wahrheit. Das ist genau das, was ich momentan fast schon schiffbruchartig in Deutschland wahrnehme: Der Mensch erhebt sich zum Subjekt und beginnt, über Inhalte des Glaubens zu richten und zu urteilen. Der Mensch erhebt sich als scheinbar Weisungsbefugter über den Glauben und die ewig gültigen Aussagen der Bibel.

Ich denke, wir sollten uns immer wieder bewusst machen, dass Christen des 21. Jahrhunderts in der Abfolge von Christen aus 20 Jahrhunderten zuvor stehen. Und da gibt es beispielsweise die guten alten Bekenntnisse der “Alten Kirche”, der Reformation oder der Bekennenden Kirche (Barmen), die für mich eine gute Hilfe sind, die Bibel “richtig” zu lesen.
Beim besten Willen aber sollten wir uns davor hüten, zu glauben, dass wir den Glauben aus 20 Jahrhunderten nun “neu erfinden” könnten in der Postmoderne und ihrem (de-)konstruktivistischen Denken. Das wiederum wäre ein “ins Gericht gehen”, ein “Zweifel”, der nicht gut ist – und nicht gut tut. Niemandem.

“Stärke meinen Glauben!”

Das aber ist eine komplett andere Situation als der “Unglaube” in der Jahreslosung. Hier trifft ein verzweifelter und liebender Vater auf den Sohn Gottes und bittet ihn inbrünstig, ihm seinen Glauben zu stärken.

Und Jesus? Der beginnt keine theologische Diskussion sondern handelt einfach. Er befreit den Sohn von einem Dämon – und klärt damit die Angelegenheit auf seine Weise. Jesu Antwort auf die Bitte, “den Glauben zu stärken und das Vertrauen zu mehren” ist, dass er in das Leben heilsam eingreift. Irgendwie so typisch Mann eben: Nicht viele Worte, sondern einfach mal machen.

Das ist etwas, was ich von dieser Jahreslosung mitnehmen will: Es reicht, Jesus zu bitten und ihm mein mangelndes Vertrauen entgegenzuhalten mit der Bitte, diesem abzuhelfen. Wie Jesus das tut, bleibt immer noch seine Sache – aber er tat es recht eindrücklich und wird das auch noch 2020 in deinem und meinem Leben tun.

Und so steht am Ende dieser Jahreslosung nicht der Zweifel und das mangelnde Vertrauen im Mittelpunkt. Vielmehr geht es um einen Gott, dem ich mich unverschämt nähern darf, keine Scham mich abhalten darf auf Grund mangelnden Glaubens und Vertrauens – denn ich könnte versäumen, wie er heilsam und heilend in mein Leben und in das Leben mir lieben Menschen eingreift.

1 Kommentar

  1. Was ist mit naturwissenschaftlich begründeten Zweifeln an biblisch berichteten Wundern? Wenn man davon ausgeht, dass es in der Natur ausnahmefreie Regelmäßigkeiten gibt – und ohne diese Voraussetzung wäre moderne Technik weder möglich noch verantwortbar -, dann können bestimmte biblisch berichtete Wunder so nicht stattgefunden haben.

    Argumente auf der zwischenmenschlichen Ebene (Vertrauen, Treue), die dagegen ins Feld geführt werden, räumen diese Zweifel nicht aus, führen allenfalls dazu, dass der Frager sich zurückzieht.

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